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Tschüss Telefonzelle

Die letzten öffentlichen Fernsprecher werden in Tschechien abgebaut.

Eine der letzten Telefonzellen im Flecken Levín (Lewin) südöstlich von Ústí nad Labem.
Eine der letzten Telefonzellen im Flecken Levín (Lewin) südöstlich von Ústí nad Labem. © Steffen Neumann

Die meisten werden die Telefonzellen schon vergessen haben. Doch es gibt sie noch in Tschechien. Allerdings hat ihre letzte Stunde nun definitiv geschlagen. „Wir waren bisher verpflichtet, sie in Betrieb zu halten. Doch nun werden sie nach und nach abgebaut“, sagt eine Sprecherin der Telefongesellschaft O2. Mit der Übernahme der Mehrheitsanteile an der einst staatlichen Český Telecom hatte O2 auch die Telefonzellen geerbt. Doch das Interesse an einem Gespräch aus dem Fernsprecher ist in den letzten Jahren rapide zurückgegangen. Für ganz Tschechien verzeichnete O2 im Jahr 2019 im Schnitt gerade einmal sieben Gespräche je Zelle im Jahr.

Nur in kleinen Orten gibt es meist noch Telefonzellen

Die meist in schlichtem blau-grau gehaltenen Automaten wurden vor allem in kleinen Gemeinden aus Gründen der Daseinsfürsorge erhalten. Aufgrund schlechter Ausstattung mit Festnetzanschlüssen waren sie früher die einzigen Telefone. Doch mit dem Mobiltelefon verloren sie zunehmend an Bedeutung. Laut Statistikamt verfügen 97 Prozent der Einwohner Tschechiens über 16 Jahren über ein Mobiltelefon. Da nun das staatliche Telekommunikationsamt ČTÚ ab 2021 keinen Zuschuss von über 30 Millionen Kronen im Jahr mehr zahlt, rechnet sich der Betrieb für O2 auch nicht mehr. Nicht nur der reine Betrieb kostet nämlich, sondern auch Vandalismus. „Wir investieren das Geld nun lieber in Dienste, welche die Menschen auch wirklich nutzen“, so die Sprecherin.

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Erste Münzfernsprecher 1911 in Prag aufgestellt

Damit geht eine über 100-jährige Geschichte zu Ende. Der erste Münzfernsprecher wurde 1911 in Prag aufgestellt, noch zu Zeiten der Habsburger-Monarchie. Später hatte Tschechien eines der dichtesten Netze öffentlicher Telefonzellen in Mitteleuropa. Doch wer zuletzt noch eine Telefonzelle finden wollte, hatte es schwer. In ganz Tschechien betrieb O2 im vergangenen Jahr noch 1.150 Zellen. Im Bezirk Ústí (Aussig) gibt es gerade einmal noch 37 von ihnen, die meisten noch in den ländlich geprägten Kreisen Litoměřice (Leitmeritz) und Louny (Laun). Die einzige Telefonzelle des Kreises Děčín (Tetschen) befindet sich in dem kleinen Urlaubsort Doubice (Daubitz) in der Böhmischen Schweiz. „Uns wird sie nicht fehlen. Die hat eh keiner mehr genutzt“, sagt der Bürgermeister der knapp 100-Seelen-Gemeinde Jan Drozd.

Zweites Leben als Buchzelle

Das wundert nicht. Abgesehen davon, dass aufgrund der sehr guten Netzabdeckung auch in ländlichen Gebieten Tschechiens ein Gespräch mit dem Handy deutlich bequemer ist, waren die Gespräche vom Fernsprecher auch nicht sonderlich günstig. Eine Minute ins Mobilnetz kostete 15 Kronen, umgerechnet rund 58 Cent. Genauso viel kosteten drei Minuten ins Festnetz.

Übrigens wurden nicht alle Telefonzellen abgebaut. Einige von ihnen erleben als sogenannte Buchzelle ein zweites Leben. Die funktionieren als kleine Tauschbörsen von Büchern. In ganz Tschechien gibt es schon fast 100 solcher Bücherzellen.

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