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Wehmut in Prag: „Merkel war eine von uns“

Nach der Wahl von Armin Laschet zum neuen CDU-Chef beginnt in Tschechien die Trauerarbeit über das baldige politische Ende der Kanzlerin.

2018 reiste Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Gründung der Tschechoslowakei vor 100 Jahren nach Tschechien und traf unter anderen Ministerpräsident Andrej Babis.
2018 reiste Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Gründung der Tschechoslowakei vor 100 Jahren nach Tschechien und traf unter anderen Ministerpräsident Andrej Babis. © CTK/dpa

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt in Prag

Tschechen sagt man eine große Portion Pragmatismus nach. Und in der Tat war es ihnen relativ gleichgültig, wie der neue Bundesvorsitzende der CDU heißen wird. Die Vorberichte in den Zeitungen auf den Wahlparteitag am vergangenen Wochenende waren ausgesprochen sachlich und informativ. Man musste den Lesern die Kandidaten auch erst einmal ein bisschen vorstellen.

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In Tschechien nämlich sind Armin Laschet, Friedrich Merz oder Norbert Röttgen bis heute völlig unbekannte Größen. Doch das wird sich - zumindest im Fall Laschet - ändern müssen. Womöglich wird der ja auch nächster CDU-Kanzlerkandidat und am Ende auch tatsächlich künftiger Regierungschef von Deutschland.

Doch statt ausführlicher Porträts des Gewinners der Wahl zum CDU-Vorsitzenden gibt es jetzt erste Artikel, die auf die andere Seite der Medaille hinweisen: Ein neuer Kanzler bedeutet auch das Ende der langen Ära von Angela Merkel. Und schon wird das Personalkarussell auch für ganz normale Tschechen interessant, nicht nur für Politiker und Journalisten. Denn mit Angela Merkel verbinden die Tschechen zu einem gerüttelt Maß ihre Grundhaltung zum großen Nachbarn Deutschland.

Unvergessene Monate in Prag

Mit den Worten „Merkel war immer eine von uns“, gab die Regionalzeitung Deník, deren Politik-Teil landesweit erscheint, den Auftakt zu vielen Merkel-Bilanzen, die man in den nächsten Wochen und Monaten in der tschechischen Presse erwarten kann. Und in gewisser Weise gab der Autor Luboš Palata auch schon den Tenor vor, den die meisten dieser Artikel haben werden. Es werden Texte voller Wehmut sein. Formuliert im Wissen darum, dass Tschechien womöglich nie wieder so einen verständnisvollen Freund und Partner in Berlin haben wird, wie die Kanzlerin einer war.

Natürlich wissen die Tschechen auch, wo dieses besondere Verständnis Merkels für sie und ihr Land ihren Ursprung hat: Als angehende Chemo-Physikerin hatte sie in den 1980er Jahren mehrere Praktika an der Akademie der Wissenschaften in Prag absolviert. Ihr Chef dort war Rudolf Zahradník, mit dem sie bis zu dessen Tod im vergangenen Jahr eine persönliche Freundschaft gepflegt hat.

Angela Merkel (3.v.r) 1982 mit Lehrkräften vor dem Veitsdom auf der Prager Burg. In den 1980er Jahren absolvierte sie mehrere Praktika an der Akademie der Wissenschaften in Prag. Ihr Chef dort war Rudolf Zahradník (2.v.l.).
Angela Merkel (3.v.r) 1982 mit Lehrkräften vor dem Veitsdom auf der Prager Burg. In den 1980er Jahren absolvierte sie mehrere Praktika an der Akademie der Wissenschaften in Prag. Ihr Chef dort war Rudolf Zahradník (2.v.l.). © Zdenek Havlas/dpa

In einem ihrer ganz seltenen Interviews für eine tschechische Zeitung verriet sie 2012 der Lidové noviny einige Schmankerln aus dieser Praktikantenzeit: "Ich habe im Restaurant immer versucht, Tschechisch zu reden. Ich glaubte, es sei hilfreich, wenn ich beim Kellner ‚Paniertes Schnitzel und eine Flasche Weißwein‘ in der Landessprache bestellen kann."

Und weiter über die damaligen Nöte einer Ostdeutschen: "Wir durften pro Tag nur 20 Ostmark umtauschen. Für eine Ostmark bekamen wir drei Kronen, das war nicht viel, wenn man vielleicht auch noch eine Übernachtung bezahlen musste. Prag war teuer für uns. Manchmal hielten wir Ausschau nach einer Gruppe westdeutscher Touristen, die uns einladen konnte.“

Die Mehrheit der Tschechen mochte sie, bis ...

Merkel hat bis heute einige Brocken auf Tschechisch drauf. Sogar eine nicht ganz ernst gemeinte Drohung, die sie sich von ihrem Chef Zahradník abgelauscht hatte. Wenn dessen Hund im Labor den Leuten zwischen den Beinen rumlief, sagte Zahradník mit erhobenem Zeigefinger gern „"Dostaneš facku". Das heißt auf Deutsch: "Du kriegst gleich eine gescheuert".

Seit diesen für sie unvergessenen Monaten ist Prag einer der Sehnsuchtsorte Merkels. Wann immer sie als Kanzlerin die Stadt an der Moldau besuchte, meinten Beobachter, einen besonderen Glanz in ihren Augen zu sehen. Und sie konnte sich lange darauf verlassen, dass laut Umfragen mehr als 70 Prozent der Tschechen sie gerne mochten. Eine Wahnsinnszahl für jemanden aus Deutschland.

So oft war sie in ihrer langen Amtszeit aber gar nicht in Prag. Und einer ihrer Besuche, der im Jahr 2016, war auch nicht besonders lustig. Seinerzeit war das sonst obligatorische Bad in der Menge von Tschechen und deutschen Touristen auf der berühmten und von Merkel besonders geliebten Karlsbrücke vom Protokoll gar nicht erst geplant. Der Grund: Ein Jahr zuvor, in der Flüchtlingskrise, hatte die Kanzlerin aus Sicht der Tschechen einen Kardinalfehler begangen, als sie die Grenze für Asylsuchende öffnete und hinterher auch die Tschechen bat, ihren Teil der Hilfesuchenden aufzunehmen.

„Wenn sie meint, die Deutschen schaffen das, dann sollen sie es tun. Aber ohne uns“, lautete der Grundkommentar der Tschechen. Ich erinnere mich mehrerer Gespräche, die ich seinerzeit vor dem Merkel-Besuch auf der Karlsbrücke geführt hatte. „Ich habe in der Zeitung gelesen, dass sie kommt. Aber ich brauche sie hier, ehrlich gesagt, nicht. Wir haben hier alle die Nase voll von Frau Merkel“, redete sich beispielsweise Karel Krejčí, ein Mittfünfziger, auf den Besuch angesprochen, in Rage. „Sie hat die ganzen Flüchtlinge eingeladen, und nun sollen wir die Suppe auslöffeln. Nicht mit uns!“, polterte der Mann weiter.

Merkels „Willkommenspolitik“ erzürnt die Tschechen

Seine Gattin Eva ergänzte: „Jetzt hat sie mit dem Terror in ihrem eigenen Land die Quittung bekommen. Wir wollen diese Islamisten, Terroristen und Kopfabschneider nicht bei uns haben. Hoffentlich sagen ihr das unsere Politiker auch sehr klar.“ Andere Tschechen, die ich nach Merkel befragte, winkten bestenfalls ab. Schlimmstenfalls antworteten sie mit Flüchen, die nicht zitierfähig waren. Die tschechische Sprache ist reich an Synonymen, viel bildhafter als die deutsche. Auch bei Schimpfwörtern.

Seit dem Beginn ihrer „Willkommenspolitik“, ein Wort, das niemand in Tschechien übersetzen musste, war Merkels Beliebtheit dramatisch geschrumpft - auf gerade mal 18 Prozent. Selbst Wladimir Putin hatte sie damals in der Gunst der Tschechen überholt, die mit Russland seit seit dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings eigentlich nicht mehr viel am Hut haben.

Dem Kommentator des Internetservers Aktuálně.cz ging die Anti-Merkel-Stimmung in seinem Land seinerzeit derart gegen den Strich, dass er schrieb: „Merkel ist kein Teufel, sondern unsere lebenswichtige Verbündete. Langsam sollten das die Leute zu begreifen beginnen.“ Doch die hörten lieber auf ihr Staatsoberhaupt Miloš Zeman. Der Präsident wurde nicht müde, Merkels Kurs in der Flüchtlingsfrage in Bausch und Bogen zu verurteilen. Der sei ein einziger „großer Fehler“.

Nach wiederholten Terrorakten in Westeuropa empfahl er seinen Landeskindern ernsthaft, sich zu bewaffnen. Er selbst werde geschützt, habe aber auch seiner Frau gesagt, sie solle einen Waffenschein machen. Zeman selbst tönte zudem, er würde notfalls selbst mit der Waffe in der Hand die tschechische Grenze gegen „Illegale“ verteidigen, die in Tschechien „die Scharia einführen, ehebrechende Frauen steinigen, Dieben die Hände abhacken und eigentlich allen am liebsten gleich den Kopf abschneiden“ wollten. So trug er massiv bei zu einer Hysterie in seinem Land - in dem es weder damals noch heute kaum einen einzigen Flüchtling gab und gibt.

Gleiches Schicksal im sozialistischen Block

Der Besuch der Kanzlerin damals dauerte nur wenige Stunden. Und er war in der Tat nicht eben erfreulich. Während der gemeinsamen Pressekonferenz mit ihrem tschechischen Kollegen Bohuslav Sobotka im Regierungsamt hörte man von draußen Pfiffe und Sprechchöre gegen die Kanzlerin. Und Präsident Zeman war zum Abschluss des Merkel-Besuches zwar charmant in der Form aber im Inhalt knallhart: „Wenn man sich Gäste einlädt, verpflichtet man nicht andere, sie zu bewirten.“

Das alles hat Merkel nicht von ihrer speziellen Liebe zu Prag abbringen können. Zumal sie nicht nur Ablehnung von dort in der Flüchtlingsfrage erfuhr. Tschechien hat in den Jahren danach auf andere Weise als durch direkte Aufnahme von Asylsuchenden gezeigt, dass es durchaus bereit ist, eine europäische Lösung für das bis heute andauernde Flüchtlingsproblem zu finden.

Folgt man dem eingangs zitierten Kommentator Palata, dann fußt Merkels besonders großes Verständnis für die tschechischen Nachbarn auf ihrer Sozialisierung im Osten Deutschlands. „Angela Merkel war immer ein bisschen ‚unsere Kanzlerin‘. Daraus erwuchs für sie zumindest immer ein gewisses Verständnis dafür, wie wir sind und dafür, warum dies und jenes bei uns so läuft, wie es läuft.

Angela Merkel war einfach eine Ostdeutsche, die über einen großen Zeitraum ihres Lebens mit uns das Schicksal einer Bürgerin aus dem sozialistischen Block geteilt hat. Ein Schicksal, das einem Westeuropäer so schwer zu vermitteln ist.“

Vielleicht eine erneuerte Liebe?

Kommentator Palata verhehlt nicht, dass es für die Tschechen nach der Ära der Bundeskanzlerin deutlich schwerer werden wird, in Deutschland so verständnisvoll wahrgenommen zu werden, wie das unter Merkel gewesen ist.

„Armin Laschet“, so schreibt er, „hat seine Wurzeln in Aachen. In einer Stadt, die bis heute die wunderschöne Krönungskathedrale von Karl dem Großen beherbergt. Eine Stadt aber auch, die für die Tschechen am äußersten westlichen Rand von ganz Deutschland liegt.“ Und er folgert daraus, dass der neue CDU-Vorsitzende und womögliche neue Kanzler Laschet „einen völlig anderen Blick auf unser Land und auf ganz Ostmitteleuropa haben wird. Den Blick eines Westeuropäers und eines Westdeutschen.“

Das hat „nichts Feindliches an sich, nur etwa Entferntes“, fügt er hinzu. „Für Armin Laschet und sein Deutschland ist das auch kein Problem. Aber es könnte für uns ein Problem werden.“

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Und was wird aus Angela Merkel und Prag nach dem Ende ihrer Amtszeit? Vielleicht eine erneuerte Liebe. Inkognito, ohne lästige Journalisten, die sie auf Schritt und Tritt verfolgen. Womöglich in einem kleinen Restaurant auf der Kampa-Insel im Schatten der Karlsbrücke, bei paniertem Schnitzel und einer Flasche Weißwein. Mit der Bestellung auf Tschechisch sollte sie kein Problem haben.

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