merken
PLUS Zittau

Wo sich der Wolf an der Grenze ausbreitet

In Böhmen und Niederschlesien nimmt die Zahl der Tiere zu. Landwirte sollen nun mehr Hilfe beim Herdenschutz kriegen.

Seit Anfang der 2000er Jahre breiten sich Wölfe auch in Westpolen aus. Welpen wie diese, geboren in Niederschlesien, sind keine Seltenheit mehr. Dennoch sei die Art gefährdet, sagen Tierschützer und Experten.
Seit Anfang der 2000er Jahre breiten sich Wölfe auch in Westpolen aus. Welpen wie diese, geboren in Niederschlesien, sind keine Seltenheit mehr. Dennoch sei die Art gefährdet, sagen Tierschützer und Experten. © Robert Myslajek

Wölfe werden auch im Raum Liberec (Reichenberg) in Tschechien heimisch. Das geht aus Untersuchungen der Umweltorganisation Hnuti Duha hervor. Erste Hinweise auf die Tiere in der Region gab es aber schon vor sechs Jahren, vor allem von Landwirten. Die berichteten von vereinzelten Angriffen auf Nutztiere. Wie das regionale Onlineportal Nasze sudety meldete, nehme Hnuti Duha nun Proben für genetische und biologische Untersuchungen und habe Fotofallen aufgestellt. Erste Ergebnisse zeigen, dass in der Gegend um Frýtland (Friedland) ein Wolfspaar ansässig ist und im Isergebirge ein Rudel.

Zudem erforscht ein deutsch-tschechisches Projekt zunächst bis 2022 die Ausbreitung der Wölfe entlang der Grenze. Das Senckenbergmuseum für Naturkunde, die Prager Universität für Umweltwissenschaften und weitere Partner sind mit im Boot. Laut Senckenberg-Mitarbeiter Paul Lippitsch seien bislang sechs Wolfsterritorien im Grenzgebiet Sachsen-Tschechien festgestellt worden; vier Familien hatten voriges Jahr Welpen. Anders als anfangs geplant, wurden allerdings keine Tiere mit Sender ausgestattet, um sie besser zu beobachten.

Anzeige
Aktuelle Stellenangebote der Region
Aktuelle Stellenangebote der Region

Sie sind auf der Suche nach einem neuen Job und wollen in der Region bleiben? Diese Top Unternehmen der Region Löbau-Zittau bieten attraktive freie Stellen an.

Für die Förster ist die Anwesenheit der Raubtiere in Böhmen eine gute Nachricht, regeln sie doch auf natürliche Art den Bestand an Wildtieren, die in Überzahl große Schäden an den jungen Baumbeständen hinterlassen, so schreiben tschechische Medien. Anderer Auffassung seien Landwirte und Viehzüchter, die durch Wolfsangriffe Schäden erleiden. Durch Hilfsprogramme sollen sie bei der Errichtung von Weidezaunanlagen oder beim Kauf spezieller Herdenschutzhunde finanziell unterstützt werden. Wanderer brauchen sich nicht fürchten, sollten aber Abstand zu Wölfen halten und die Tiere keinesfalls füttern, so die Naturschützer.

95 Rudel in Westpolen

Auch in Westpolen wächst die Zahl der Wölfe. Doch laut einer kürzlich veröffentlichten Langzeitstudie geht hervor, dass das langfristige Überleben dieser Population in Westpolen und Deutschland noch nicht sicher sei. Das teilte der Internationale Tierschutzfonds (IFAW) mit.

Zusammen mit der Naturschutzstiftung Euronatur finanziert die Organisation die Wolfsbeobachtung in Westpolen durch eine polnische Naturschutzorganisation. Die Studie für die Jahre 2001 bis 2019 zeige, dass die Subpopulation in Westpolen noch verletzlich sei. „Denn sie ist relativ weit von der Quellpopulation in Nordostpolen entfernt“, informiert IFAW-Sprecher Andreas Dinkelmeyer. In der Anfangsphase von 2001 bis 2005 sei die Ansiedlung von Wölfen in neuen Gebieten zu 50 Prozent nach ein bis zwei Jahren gescheitert. „Erst nach sieben Jahren strengen Schutzes waren vier Fünftel der Besiedlungsversuche auch über zwei Jahre hinaus erfolgreich“, so Dinkelmeyer.

Bis 2019 sei die Zahl der Wölfe im westlichen Polen und nahe der Grenze zu Deutschland von einigen wenigen Einzeltieren auf 95 Rudel gestiegen. Die anfängliche Besiedelung lief langsamer und Territorien lagen weiter voneinander entfernt. Ab etwa 2012 verringerte sich der Abstand der Territorien von bis zu 260 Kilometer auf durchschnittlich 25 Kilometer. Dass die Wölfe in Westpolen gute Lebensbedingungen vorfinden, bestätigte eine Analyse, die einen Anteil von 99 Prozent Wildtieren in der Nahrung nachwies. Ein weiteres Wachstum der Population sei zu erwarten, bis alle geeigneten Flächen besiedelt seien.

„Die Population in Westpolen entwickelt sich positiv“, so Andreas Dinkelmeyer. „Es ist aber deutlich, dass sich der Trend drastisch ändern kann, wenn der Schutzstatus des Wolfes aufgehoben wird oder potenzielle Lebensräume zerstört werden. Um Konflikte zu vermeiden, müssen wir aktiv Prävention betreiben, nur so können wir Weidetiere schützen.“

Verhalten von Welpen analysiert

Die Wolfsexpertin der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Katarzyna Bojarska, hat indes auf dem Internetportal www.wilknet.pl Forschungsergebnisse veröffentlicht, die auf Videoaufzeichnungen des Forstamtes Świêtoszów (Neuhammer), im Kreis Boleslawiec (Bunzlau) zurückgehen. Im Rahmen diese Studie wurde das Verhalten von Wolfswelpen analysiert, die dem Kindesalter zwar schon entwachsen waren, ihre Eltern aber noch nicht bei der Jagd auf Wildtiere begleiten durften. Den bei Tageslicht und zur Nachtzeit aufgenommenen Bildern ist zu entnehmen, dass die Jungen unbekümmert miteinander spielen und herumtollen. Sie warten auf die Rückkehr der Eltern und der älteren Geschwister.

Nach Mitternacht sei von weitem deren Heulen zu vernehmen gewesen. Die Welpen hätten ebenfalls geheult, ein Anzeichen für Hunger, so die Wertung der Expertin. Als endlich ein erwachsener Wolf die Szene betrat, umwarb ihn sofort ein Welpe. Schleckte ihm die Schnauze, um letztlich damit bei ihm den Würgereiz für die Herausgabe der Nahrung auszulösen. Mit Erfolg. Die Projektstudie, die Anfang 2020 von der Regionalen Direktion für Umweltschutz Wroclaw in Auftrag gegeben wurde umfasste die Beobachtung von vier Wolfsfamilien in den Niederschlesischen Wäldern. Insgesamt sollen allein in diesem Waldgebiet 55 Wölfe leben, so schätzt der Forst.

Im Rahmen eines anderen Projektes war ein Wolf aus Sachsen-Anhalt mit einem Sender ausgestattet worden. Das Tier mit Namen Gustav lief rund 10.000 Kilometer vom Raum Dessau nach Pomorze (Pommern). Dort sei er sesshaft geworden. Das meldete unlängt die Organisation für Natur- und Artenschutz WWF Polska in einem Facebook-Eintrag. Offenbar habe er als Einzelgänger die zwölfmonatige Wanderung absolviert. Er soll auf diesem Weg 27 Autobahnen, hunderte Straßen sowie mehrere Flüsse, unter anderem Oder und Elbe, überquert haben. Seit April letzten Jahres bewege er sich nun im Umfeld der drei Ostseestädte Danzig, Gdingen und Sopot. Offenbar hat Gustav jetzt eine Familie gegründet, sagte Dr. Maciej Szewczyk, von der Fakultät für Biologie der Universität Danzig und Mitglied der Vereinigung „Wilk“ (Wolf). Mitte Dezember letzten Jahres sei er den Spuren des Einwanderers erneut gefolgt. Und dabei habe er auch Hinweise auf Welpen unterschiedlichen Geschlechts ausgemacht – und zwar an Stränden und Dünen, wo die Familie ihr Revier intensiv markiert habe.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Wer uns auf Social Media folgen will:

Mehr zum Thema Zittau