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Tschechiens einziger Bergzoo am Scheideweg

Der Zoo in Ústí steht vor großen Veränderungen. Dabei wird auch an die deutschen Besucher gedacht.

Der Bergzoo in Ústí nad Labem (Aussig) steht mit neuer Direktorin vor großen Veränderungen. Die letzte Elefantin Delhi und einige andere Tiere wie Orang Utans und Raubtiere werden ihn deshalb für einige Jahre verlassen müssen.
Der Bergzoo in Ústí nad Labem (Aussig) steht mit neuer Direktorin vor großen Veränderungen. Die letzte Elefantin Delhi und einige andere Tiere wie Orang Utans und Raubtiere werden ihn deshalb für einige Jahre verlassen müssen. © Egbert Kamprath

Ilona Pšenková hat ein schweres Erbe angetreten. Seit Anfang Juli sitzt sie auf einem regelrechten Schleudersitz. Sie ist die neue Direktorin des Zoologischen Gartens in Ústí nad Labem (Aussig). In diesem Amt wechselten sich in den vergangenen 15 Jahren sechs Leiterinnen und Leiter ab. Die Direktoren, die das Amt in Vertretung innehatten, sind nicht mitgezählt. Und entsprechend ist der Zustand des Zoos. „Ich sehe viel ungenutztes Potenzial“, formuliert es die 40-Jährige positiv. Trotzdem bewarb sie sich um die Stelle. „Ich kenne den Zoo aus meiner früheren Tätigkeit sehr gut und weiß, dass hier viel mehr möglich ist.“ Trotzdem war sie anfangs schockiert. Gegenüber dem Zustand vor drei Jahren, als sie hier zum letzten Mal war, hatte sich einiges zum Schlechten verändert.

Aus für Elefant und Orang-Utan

Die Herausforderungen, vor denen sie und ihr Team stehen, sind immens. Einige Tiere, die den Zoo prägten, wie Robben und Nashörner, gibt es nicht mehr. Auch die Elefantenzucht misslang. Und die letzte verbliebene Elefantin Delhi wird den Zoo verlassen müssen.

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Das größte Problem ist jedoch die seit drei Jahren ausgesetzte Mitgliedschaft im Europäischen Zooverband EAZA. Der Weg zurück führt über konkrete Auflagen. Werden die nicht erfüllt, droht der Verlust „ikonischer Tierarten“, wie sie immer wieder genannt werden: Elefanten und Orang-Utans. „Die EAZA kritisiert die Bedingungen, unter denen diese Tiere hier gehalten werden. Und dem kann ich nur zustimmen. Deshalb ist es ganz im Interesse des Zoos, die Bedingungen zu verbessern“, sagt die Direktorin. So haben die Orang-Utans nicht einmal ein Freigehege.

Doch das hieße, neue Pavillons und Gehege zu bauen und den Zoo zu erweitern. Passiert ist davon in den letzten drei Jahren nichts, und die Frist bis zur Erfüllung der Bedingungen läuft nur noch bis Frühjahr 2022. „So schnell bauen wir natürlich keine Pavillons. Uns bleibt deshalb nichts anderes übrig, als uns vorübergehend von einigen Tieren zu trennen“, sagt Pšenková und nennt konkret Orang-Utans und die Elefantin, nicht ohne zu beteuern: „Wir möchten sie so schnell wie möglich zurück, in fünf Jahren vielleicht?“

Ein Zebra vergnügt im Sand.
Ein Zebra vergnügt im Sand. © Egbert Kamprath
Auch bei den Raubtieren muss der Zoo aussortieren.
Auch bei den Raubtieren muss der Zoo aussortieren. © Egbert Kamprath
Der Zoo ist für viele Kenner auf sächsischer Seite ein beleibtes Ausflugsziel, auch wegen possierlicher Bewohner wie der Robben.
Der Zoo ist für viele Kenner auf sächsischer Seite ein beleibtes Ausflugsziel, auch wegen possierlicher Bewohner wie der Robben. © Egbert Kamprath
Die Elefantenzucht misslang. Und die letzte verbliebene Elefantin Delhi wird den Zoo verlassen müssen.
Die Elefantenzucht misslang. Und die letzte verbliebene Elefantin Delhi wird den Zoo verlassen müssen. © Egbert Kamprath

Mehr deutschsprachige Schilder

Und sie blickt optimistisch auf den nächsten Kontrolltermin der EAZA. „Mit unserem neuen Team werden wir den Verband überzeugen, dass wir Ernst machen.“ Die gut vernetzte Direktorin konnte einige hochkarätige Experten für den Zoo gewinnen, was helfen soll, dem Zoo sein Prestige zurückzugeben.

Auch wenn Pšonková keine Pavillons zaubern kann, so hat sie doch von der Stadt Ústí als Betreiber des Zoos die Zusage von 20 Millionen Kronen jährlich. Diese Corona-Nothilfe ist für Investitionen gedacht und umfasst umgerechnet immerhin 800.000 Euro. „Davon bauen wir zwar kein Gebäude, aber wir finanzieren die Projektdokumentation, um danach Fördermittel zu beantragen“, sagt die Direktorin.

Das Geld soll auch für Investitionen in einen besseren Besucherservice genutzt werden. „Nächstes Jahr werden die Besucher bereits die Veränderungen sehen können“, drückt sie aufs Tempo. Sie plant bessere Wege, eine schmetterlingsfreundliche Begrünung und eine neue Ausschilderung. Davon werden auch deutsche Besucher profitieren. „Ich möchte gern, dass hier alles mehrsprachig ist“, sagt Pšonková, die selbst Deutsch spricht.

Geht es nach ihr, könnten den einzigen Bergzoo Tschechiens viel mehr Menschen aus Sachsen besuchen. „Dass dem noch nicht so ist, liegt auch daran, dass es zum Beispiel kein Hinweisschild auf der Autobahn gibt. Auch sonst lässt die Ausschilderung zu wünschen übrig.“ An der Werbung möchte sie einiges ändern. Und sie plant eine engere Zusammenarbeit mit dem Zoo in Dresden. Dabei geht es um die frühe Geschichte des Zoos, der Anfang des 20. Jahrhunderts vom Unternehmer Heinrich Lumpe als Vogelreservat gegründet wurde. Damals war es ein beliebtes Ziel gerade auch für Ausflügler aus Sachsen. „Für die Spuren des Lumpe-Parks wollen wir Denkmalschutz beantragen“, plant Pšonková.

Neue Pavillons und Tiere

Bis die großen Veränderungen zu sehen sind, wird es aber noch einige Jahre dauern. Bis dahin werden womöglich auch noch einige Affenarten weggegeben. Fest steht bereits, dass der Indische Hutaffe den Zoo verlassen muss. „Das Affenhaus ist zu klein und der Hutaffe findet hier nicht die richtigen Bedingungen. Auch bei den Raubtieren werden wir aussortieren müssen“, kündigt die Chefzoologin Petra Padalíková an. Auch hier ist der Grund der fehlende Platz. Zu den Weggängen wird es aber erst frühestens im nächsten Jahr kommen. „Beim Orang-Utan müssen wir außerdem warten. Er ist schon so alt, dass wir ihn nicht verlegen wollen. Er soll also hier sterben“, sagt Padalíková. Wer diese Tiere in Ústí noch erleben möchte, sollte den Zoo also bald besuchen.

Bis sie wieder zurück sind, werden einige Jahre ins Land gehen. „Wir haben aber auch so einiges zu bieten“, wirbt Direktorin Pšonková Besucher. Zebras, Pinguine, Giraffen, Kamele, zählt sie auf.

Über 200 Tierarten leben hier. Und in Zukunft sollen es noch einige mehr werden. Der Zoo plant die Zucht der stark gefährdeten Plumploris. „Mir ist wichtig, dass wir in Zukunft mehr als das wahrgenommen werden, wofür moderne Zoos heute da sind: den Schutz und die Zucht vom Aussterben bedrohter Tiere“, formuliert Pšonková ihr Credo. Dass die Besucher im Zoo Freude haben und gern wiederkommen, gehört für sie untrennbar dazu.

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