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Tüftelstube für ein lebendiges Kamenz

Die Stadtwerkstatt lädt jedermann ein und regt vieles an – von Kunst bis zum Kochbuch für Kamenzer Würstchen.

© Wolfgang Wittchen

Von Silvia Stengel

Der Lampenmast ist umhäkelt und mit Blüten bestückt. Grüne Holzbänke stehen vor dem Schaufenster. Im Innern hängen Blüten von der Decke. Bequeme Holzmöbel, kleine Hocker, ein Schild „Achtung spielende Kinder“, frische Blumen und Zweige in Glasvasen und noch ein Schild: „Morgen wieder Kaffeeklatsch“ – hier ist alles ein bisschen anders und das ist schön so. Die „Stadtwerkstatt“ in Kamenz macht Lust aufs Hineingehen. Diesmal treffen sich hier City-Manager aus ganz Sachsen. Und Sieglinde Tschentscher ist dabei, eine pensionierte Lehrerin, die bei der „Stadtwerkstatt“ mitarbeitet. „Wir sind neugierig, deswegen sind wir hier“, sagt sie. Ihr Mann ist mitgekommen. Sie suchen sich weiter hinten zwei Stühle und Sieglinde Tschentscher packt einen Schreibblock aus. Eigentlich wollten sie nach zwei Stunden gehen. Aber dann finden sie es so spannend, dass sie über vier Stunden bleiben.

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„Wir sind zum Ideenklau hier“, sagt eine Stadt-Managerin. Alle lachen. Eine andere: „Ich lass mich gern beklauen.“ Mit leeren Läden haben viele zu kämpfen. Nun werden Ideen für Geschäfte vorgestellt. Sieglinde Tschentscher ist begeistert: „So viele junge Leute, die einfach was bewegen!“ Da ist vielleicht auch einiges in ihrer Stadt möglich. Anne Hasselbach ist eh dabei, die City-Managerin für Kamenz, die auch Fotografin ist und nebenan ihr Studio hat. Kamenz hat immerhin schon einiges vorzuweisen.

Ein Kochbuch zum Beispiel. Kamenzer Würstchen dürfte jeder kennen, zumindest in der Lausitz. 40 Rezepte gibt es dafür. Der erste Kamenzer Würstchenmarkt im März hat sie zutage gebracht. Es gab einen Wettbewerb und prompt alle Möglichkeiten der Zubereitung: verkocht, verbacken, zu Salat oder Pasta, sagt Anne Hasselbach, „das ist ein Renner geworden“. Selbst Leute aus dem Vogtland waren da und waren „heiß auf diese Wurst“ und wollten sie mitnehmen. „Das war spannend“, sagt Sieglinde Tschentscher. Sie hat damals Kaffee und Kuchen angeboten. Und ist stolz: „Unsere Kinder haben den zweiten Platz beim Würstchenwettbewerb gemacht – mit einer chinesischen Variante“.

Oder Kunst. Vor zwei Jahren gab es eine temporäre Kunsthalle in Kamenz. Jeder konnte etwas mitbringen. Bei Sieglinde Tschentscher war es Malerei von Jürgen von Woyski aus Hoyerswerda. Andere brachten kleine Plastiken mit, Fotoserien oder einfach eine Wurzel aus dem Garten. In einer Performance mit Kamenzern und einer Flamme auf dem Markt entstand ein Bild, das verdeutlichen sollte, dass die Menschen für ihre Stadt einstehen: junge und alte und ein mopsiger Hund, alle auf einem Foto festgehalten. Das lief über den Verein „Metarmorphose – Kunst in Kamenz“, den es seit 2003 gibt. Anne Hasselbach ist die Vorsitzende, die Tschentschers sind beide Mitglieder. Der Verein will helfen, leere Gebäude zu beleben. Im November hat er ein „Kunsthopping mit Nachtshopping“ in der Innenstadt veranstaltet, kleine Künstlerlädchen eingerichtet und die leerstehende „Alte Post“ wieder ins Blickfeld gerückt.

Händler profitieren von Musikern

Vieles ist verquickt mit der „Stadtwerkstatt“, die es seit einem Jahr gibt. Dort wird gern jemand eingeladen, der eine gute Idee hat, der Initiator von „Guten Morgen Eberswalde“ zum Beispiel. An jedem Sonnabendvormittag zum Markttag sind dort Musiker und Straßenkünstler, Profis oder Laien, Erwachsene oder Kinder, die etwas vorführen, das kommt gut an. Händler und Gastronomen profitieren davon, berichtet Anne Hasselbach. Das könnte man in einigen Punkten aufgreifen. Sie hätten viele „Tanzmäuse“ in der Stadt.

„Kamenz bräuchte eine Dauer-Flamme“, hat der Künstler Harald Hoppe gesagt, der aus Berlin stammt und jetzt bei Bonn lebt. Er gestaltete die Performance mit den Kamenzern. Es gibt so viele kleine Initiativen. Was fehlt, ist eine Initialzündung, die einen richtigen Hieb hat, ein Paukenschlag, so war das gemeint, erklärt Anne Hasselbach. Die Kamenzer Würstchen sind auf jeden Fall dafür geeignet, Leute zusammenzubringen, das hat schon mal funktioniert. Das Kochbuch ist ein „super Erfolg“, sagt sie, das wird gut verkauft.

Gar nicht sexy

Natürlich bietet Kamenz Orte, die Menschen von außerhalb anziehen, das Museum der Westlausitz, das gerade eine Ausstellung mit lebenden Kröten und anderen Amphibien zeigt. Oder die Hutbergbühne, die an diesem Wochenende wieder rockt.

Aber man kann ruhig noch ein I-Tüpfelchen draufsetzen, um die Stadt liebenswerter zu machen. Dafür gibt es die „Stadtwerkstatt“. Die Möbel hat der Mann von Sieglinde Tschentscher mit gefertigt. „So was Selbstgebautes, das ist immer cool“, sagt Anne Hasselbach. Sieglinde Tschentscher lädt regelmäßig zum Stammtisch, um Verbindungen zu den Kamenzern zu knüpfen und Traditionen wieder aufleben zu lassen, sagt sie. So wurde der Osterbrunnen geschmückt, die Maibaum-Tradition wiederbelebt. Es gibt Hobby-Stammtische zu Themen wie Lesen, Garten oder Reisen und Basteln für Kinder. 21 Leute sind im Verein, zehn haben einen Schlüssel für die „Stadtwerkstatt“.

Über die Stadt hat Anne Hasselbach schon im Radio diskutiert. Dabei ging es auch um das Leitbild. Das Wort klingt gar nicht sexy, sagte die Moderatorin. Aber wenn man es anschaulich macht, wo die Stadt 2030 stehen könnte, zieht es vielleicht die Bewohner mit. „Wir sind eine Stadt mit einer hohen Lebensqualität“, sagt Sieglinde Tschentscher. In Kamenz würde sie all das finden, was ein gutes Leben ausmacht. „Wir sind eine grüne Stadt.“ Als Lessing-Stadt sei sie bekannt. Als Garten-Stadt könnte sie auch für sich werben, als gesunde Stadt. „Damit könnten wir punkten.“

Das gefällt auch Anne Hasselbach: die Stadt transparenter nach außen darstellen, Höfe und Gärten öffnen, das ist eine gute Idee für das nächste Jahr, ein „Garten- und Höfehopping“, gern mit Tänzern aus Kamenz. Die Stadt noch lebendiger machen, darum geht es, sagt sie. „Attraktiv ist sie ja.“

„Das Engagement der Einzelhändler ist das A und O“, sagt Sieglinde Tschentscher. Sie fährt kein Auto und wäre froh, wenn es ein paar Läden mehr gebe, „wenn auf neue Art wieder Leben einkehrt“. Ein Testshop kann helfen, leere Räume zu beleben. In Kamenz hatten sich dafür drei kleinere Unternehmer zusammengetan. Eine Beteiligte führt jetzt ein wunderbares Werkstattgeschäft, und es läuft, berichtet Sieglinde Tschentscher, es ist unverwechselbar, nicht Nullachtfuffzehn, ein Geschäft, das Flair hat. Grüne Verweilzonen würde sie sich noch wünschen, dass die Leute bummeln und nicht das Gefühl haben, 18 Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt und am Wochenende passiert fast nichts. Ihre Kinder sind jetzt Dresdener, sagt sie. „Aber sie kommen gern nach Kamenz. Sie lieben die Stadt der Gärten und Parks.“