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Tunnelbohren unter der Elbe

Hartmetall gegen harten Fels: Der Wilsdruffer Zweckverband investiert Millionen in ein Abwasserprojekt.

© SZ/Peter Hilbert

Von Peter Hilbert

Wilsdruff/Dresden. Carl-Wilhelm Cramer sitzt in seinem Leitstand, in der linken Hand einen Steuerhebel, in der rechten ebenfalls. Während schräg über ihm der Verkehr auf der Kemnitzer A 4-Brücke hinwegbraust, dröhnt vor ihm die Bohranlage. Deren Gestänge verschwindet in der Elbwiese. Obwohl es vor seinem Fenster hart zur Sache geht, ist vom Bohrmeister Fingerspitzengefühl gefragt. Sieben Meter unter dem Elbgrund frisst sich ein großer Hartmetallbohrer, durch eine dicke Schicht harten Schiefergesteins, sogenanntem Pläner. Der 62-jährige Ostfriese steuert die Anlage. Hier wird ein 500 Meter langer Rohrtunnel gebaut, der in der Fachsprache Düker heißt. Durch den soll ab Jahresende das Abwasser vom Wilsdruffer Zweckverband Wilde Sau direkt zum Klärwerk Kaditz fließen.

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Bohrmeister Carl-Wilhelm Cramer steuert die Bohrung unter der Elbe. Der Fachmann aus Ostfriesland hat alles genau im Blick und muss schnell reagieren, wenn etwas in die Quere kommt. © SZ/Peter Hilbert

Bis zu 70 Zentimeter kommt der Bohrer in der Minute voran. Ein Knopfdruck auf den Schalthebel – Cramer drosselt das Tempo. Ein Stein ist im Wege. „Ich spüre das, wenn einer kommt“, sagt er. Schließlich ist der Bohrmeister schon 20 Jahre im Geschäft. „Da muss ich schnell reagieren, sonst würde das Bohrgestänge brechen.“

Er hat schon Hunderte solcher Düker gebaut, den längsten mit 1,6 Kilometern beim mecklenburgischen Ribnitz-Damgarten unweit der Ostsee. Dort war eine Stromtrasse zu Solaranlagen unter dem Barther Bodden gebaut worden. „Das ist für mich immer wieder eine Herausforderung. Jede Bohrung ist ein Unikat“, weiß der Fachmann aus Erfahrung.

Seine Beermann Bohrtechnik ist die größte derartige Spezialfirma Deutschlands. Im Januar hatte sie mit den Arbeiten begonnen, berichtet der ostdeutsche Niederlassungsleiter Henry Stuke. Ende Februar waren sie soweit fortgeschritten, dass die Bohrungen beginnen sollten. Doch da durchkreuzte der starke Frost den Zeitplan. Die Anlage war vereist. Am vergangenen Mittwoch konnte dann bei wärmerem Wetter die Bohrung anfangen.

Die funktioniert nach dem Bohrspül-Verfahren, erklärt der 54-jährige Zeitzer. Vorn am Bohrgestänge befindet sich ein Kopf aus Hartmetall, der von der Bohranlage mit einem Druck von 30 Tonnen durch den Untergrund getrieben wird. Parallel dazu pressen Pumpen eine spezielle Emulsion durchs Innere des Gestänges. So schießen 1 000 Liter je Minute aus Düsen ins frisch ausgebohrte Loch und sichern, dass es nicht gleich wieder einsackt. Dabei geht es zentimetergenau vorwärts. Dafür sorgt das Ortungssystem eines Kreiselkompasses am Bohrkopf.

Mit einem weiteren Spezialgerät können Bomben oder Granaten im Umkreis von drei Metern geortet werden. Doch die lagen hier nicht unter der Elbe. Diese Unterquerung im Untergrund ist zwar sehr aufwendig. Sie hat aber den Vorteil, dass nicht in die Landschaft, die Deiche und den Elbgrund eingegriffen werden muss.

Bis zum Montag waren die 500 Meter bis zum Klärwerk in einem ersten Schritt 35 Zentimeter weit aufgebohrt worden. Dann kam der fast doppelt so große Bohrer zum Einsatz, der den künftigen Abwassertunnel in Richtung Kemnitz aufgeweitet hat. „In diesen Tagen werden wir dann das Rohr einziehen“, nennt Stuke den nächsten Schritt. Die Kunststoffleitung liegt bereits am Klärwerk bereit. Sie wird ans Bohrgestänge gehängt und in das Loch unter der Elbe Richtung Kemnitz eingezogen. Dann werden die Anschluss-Arbeiten fortgesetzt. „Bis Juni dieses Jahres muss alles fertig sein“, sagt Stuke.

Parallel dazu wird eine zwölf Kilometer lange Leitung nach Wilsdruff gebaut, erklärt Michael Krenz, Marketingchef der Stadtentwässerung Dresden. Der Wilsdruffer Abwasserzweckverband Wilde Sau investiert rund zehn Millionen Euro für dieses Großprojekt, davon etwa 1,4 Millionen Euro für den neuen Dresdner Abwassertunnel.