merken

Deutschland & Welt

Twitch: Die Bühne des Halle-Attentäters

Der Attentäter von Halle wollte seine Tat live der ganzen Welt zeigen. Die Web-Plattform, die er dafür nutzte, war nur eine Notlösung. Entsprechend war der Erfolg.

Twitch.tv ist eine Plattform vor allem für Gamer.
Twitch.tv ist eine Plattform vor allem für Gamer. ©  Screenshot: SZ

Berlin. Der Attentäter von Halle hatte nicht nur geplant, möglichst viele Juden zu töten. Er wollte bei seinem Amoklauf auch vor ein großes weltweites Publikum treten. Er suchte sich für den Live-Stream die Web-Plattform Twitch aus, die zu Amazon gehört. 

Hier streamen vor allem Gamer ihre Computerspiele, darunter Shooter-Games wie  "Fortnite", aber auch Sportsimulationen wie "Fifa 20" und andere Spiele. Es gibt auf Twitch auch eine Kategorie "Real Life", in der Videos veröffentlicht werden, die sich mit anderen Themen beschäftigen.

Die gesunde Drittelstunde

Impfen lassen? Neue Therapien? Was zahlen Kassen? Fragen rund um das Thema Gesundheit: hier gibt es Antworten. Redakteur Jens Fritzsche im Gespräch mit Experten.

Der mutmaßliche Attentäter hatte sein Twitch-Konto erst vor zwei Monaten eröffnet und in dieser Zeit nur ein Video hochgeladen. Das im Netz aufgetauchte "Manifest" des Angreifers legt nahe, dass er nicht unbedingt bei Twitch zu Hause war, sondern auf den Internet-Plattformen 4chan und 8chan, die bei Rassisten sehr beliebt sind. Auf dem Portal werden Anschläge und Amokläufe gefeiert und der Hass zelebriert. 

Der Stil des Forums ist aber auch von vermeintlich ironischen Memes und geschmacklosen Witzen geprägt. Nach den Amoklauf in einem Walmart-Kaufhaus in El Paso im US-Bundesstaat Texas Anfang August ging 8chan offline, auch weil technische Dienstleister wie Amazon den Stecker zogen. Deshalb musste sich der Halle-Attentäter eine neue Plattform suchen.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Polizei verlor Stephan B. aus den Augen

Kein Schutz für Halles Synagoge, der Attentäter konnte nach seinen Schüssen flüchten. Das klären muss Sachsen-Anhalts Innenminister. Kritik erntet auch Seehofer.

Symbolbild verwandter Artikel

Die Konsequenzen aus dem Anschlag in Halle

Sicherheitsbehörden, Spieleplattformen, Verbot rechter Gruppieren: Welche Maßnahmen die Politik jetzt ergreift.

Symbolbild verwandter Artikel

Der radikale Eigenbrötler

Computerfreak und Waffennarr, ständig online, frustriert und einsam – das ist die Kombination, die einen jungen Mann aus dem Südharz zum Attentäter machte.

Symbolbild verwandter Artikel

Dresden will Solidarität zeigen

Eine Kundgebung an der Synagoge soll am Freitag der Opfer des Anschlags in Halle gedenken. Die Stadtgesellschaft soll klar Position beziehen.

In dem auf Englisch geschriebenen Manifest betont der Attentäter gleich zwei Mal, wie wichtig es ihm ist, dass seine Tat live ins Internet übertragen wird. "Erhöhe die Moral von anderen unterdrückten Weißen, in dem die Aufzeichnung des Kampfeinsatzes verbreitet wird", heißt es dort. Und: "Verbreite einen erfolgreichen Live-Stream." 

Allerdings erreichte der Angreifer im ersten Schritt sein Propaganda-Ziel kaum.  2.200 Menschen schauten sich die 35 Minuten lange Aufzeichnung an, bevor Twitch das Treiben mitbekam und das Video auf der Plattform sperrte.

Die Zeit reichte aber aus, die giftige Botschaft aus Halle in andere Netzwerke überschwappen zu lassen. Megan Squire, Computer-Wissenschaftlerin an der Elon University im US-Bundesstaat North Carolina, fand in einer ersten Analyse heraus, dass das Video innerhalb von 30 Minuten über öffentliche Kanäle des Messengers Telegram rund 15.600 Nutzer erreicht hat. Das Video tauchte auch schnell im Web-Forum 4chan auf, in dem sich auch unzählige Trolle und Hassprediger versammeln. (dpa)