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#Twitter #Überraschung #Milliarden

Der Börsengang des Kurznachrichtendienstes wird entschieden mehr Geld bringen als erwartet.

© dpa

Von Daniel Schnettler

An einem Samstag Ende Oktober herrschte ungewohnte Betriebsamkeit an der New Yorker Börse. Die Mitarbeiter des Börsenbetreibers NYSE mussten Überstunden an der Wall Street schieben. Sie probten den Twitter-Börsengang. Hunderttausende Kauf- und Verkaufsaufträge fluteten die Computersysteme. Es sei alles glatt gelaufen, erklärte die Börse später. Erleichterung machte sich breit.

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Schon morgen könnte Twitter sein Börsendebüt geben. Und dabei darf nichts schieflaufen. Zu frisch ist die Erinnerung an das Desaster beim Börsengang von Facebook vor eineinhalb Jahren. Damals waren die Börsensysteme dem Ansturm nicht gewachsen. Stundenlang wussten Anleger nicht, ob ihre Aufträge nun ausgeführt worden waren oder nicht. In den Tagen danach fiel und fiel die Facebook-Aktie.

Twitter hat aus dem Debakel gelernt – und von Anfang an einen anderen Weg als Facebook eingeschlagen. Statt an die rein elektronische Technologiebörse Nasdaq zu gehen, hat sich das Unternehmen für die konkurrierende New York Stock Exchange entschieden, deren Wurzeln bis ins Jahr 1792 zurückreichen. Zu der Traditionsbörse gehört der berühmte Handelssaal an der Wall Street. Hier könnte Twitter-Chef Dick Costolo die Eröffnungsglocke läuten. Er hatte am Montag die Preisspanne für ein einzelnes Papier auf 23 bis 25 Dollar deutlich angehoben. Insgesamt könnte der Börsengang gut zwei Milliarden Dollar, knapp 1,5 Milliarden Euro, einbringen und damit doppelt so viel wie ursprünglich angepeilt.

Zuletzt hatte Twitter einen Preis von 17 bis 20 Dollar pro Aktie angestrebt. Die jüngste Erhöhung dürfte auf eine rege Nachfrage hinweisen. Twitter will 70 Millionen Anteilsscheine platzieren, plus eine sogenannte Mehrzuteilungsoption von 10,5 Millionen Aktien, wenn die Nachfrage entsprechend stark ist.

Das ist zwar nur ein Zehntel des damaligen Facebook-Volumens, aber für ein verlustreiches, gerade mal sieben Jahre junges Unternehmen dennoch viel Geld. Gehandelt wird die Hoffnung auf ein einträgliches Geschäft in der Zukunft.

Facebook mit zuletzt 1,15 Milliarden Mitgliedern ist deutlich größer als Twitter mit gut 230 Millionen aktiven Nutzern. Der Kurznachrichtendienst verliert zudem weiter Geld, allein die ersten neun Monate dieses Jahres brachten ein Minus von rund 100 Millionen Euro. Den geforderten Aktienpreis rechtfertigt das Unternehmen aus San Francisco mit seinem rasanten Wachstum. So verdoppelte sich der Umsatz im gleichen Zeitraum auf 313 Millionen Euro. Twitter macht sein Geld vor allem mit Werbebotschaften im Nachrichtenstrom der Nutzer. Die Hoffnung ist, dass diese Anzeigen in Zukunft deutlich mehr einbringen.

Twitter hat sich zum vielleicht wichtigsten Medium für schnelle Nachrichten entwickelt. Nutzer können über den Dienst 140 Zeichen lange Textnachrichten verschicken, die auch auf Fotos, Videos oder Webseiten verweisen können. Mehr als 500 Millionen dieser Tweets gehen täglich raus. Größter Anteilseigner ist der Investor Rizvi Traverse mit 17,9 Prozent.

Kalte Schulter für Technologiebörse

Zuletzt hatten Costolo und sein Team bei Investoren geworben. Bei seinem Auftritt in New York trug der Twitter-Chef Hemd und Sakko, wenn auch keine Krawatte. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vor Investoren in der Finanzmetropole sprach, war er in seinem typischen Kapuzenpulli aufgelaufen – was bei einigen Wall-Street-Leuten für Unmut sorgte. Sie legten dies als Respektlosigkeit aus.

Wirtschaftlich stand Facebook zu seinem Börsengang besser da als Twitter. Das Unternehmen schrieb gute Gewinne. Dennoch fiel die Aktie binnen weniger Monate um mehr als die Hälfte. Die Pannen beim Börsenstart waren dabei noch das kleinste Problem. Die Anleger hatten plötzlich die Sorge, dass die zunehmende Beliebtheit von Smartphones das Geschäft schmälern könnte, denn die erste Facebook-App steckte voller Macken, und die Werbeeinnahmen tröpfelten hier lediglich. Das Online-Netzwerk besserte nach: Neue App, neue Werbeformate. Heute liegt die Aktie ein Drittel über ihrem Ausgabekurs.

Zuckerberg vermied es dennoch, den Kollegen von Twitter einen Rat zu geben. „Ich bin die letzte Person, die man fragen sollte, wie man einen reibungslosen Börsengang hinbekommt“, sagte Zuckerberg lachend auf einer Konferenz. Twitter-Chef Costolo und seine Mannen scheinen auch aus der Ferne genug gelernt zu haben. Sie erzielen schon heute 70 Prozent ihrer Werbeeinnahmen über mobile Geräte, Tendenz steigend. Und die Entscheidung, die Nasdaq zu meiden, scheint auch richtig gewesen zu sein. Die Technologiebörse hatte gleich zweimal in der vergangenen Woche mit technischen Problemen zu kämpfen, die Teile des Handels zum Erliegen brachten. Die NYSE lief derweil rund. (dpa)