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Typen gibt’s

Vom Büro auf die Bühne in Görlitz – wie ein Tanztheaterstück entsteht.

© Wolfgang Wittchen

Von Silvia Stengel

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Görlitz. Einfach „Typisch“ heißt das neue Tanzstück, das an diesem Sonnabend im Görlitzer Theater Premiere hat. Es geht darum, wie wir Menschen in Schubladen stecken. In gewisser Hinsicht brauchen wir das sogar, meinen die Tänzer. Es hilft uns, mit der unendlichen Vielzahl an Varianten menschlicher Persönlichkeiten umzugehen. Ein wirkliches Problem würde dann entstehen, wenn wir große Menschengruppen in solche Schubladen verbannen und damit allgemeine und vereinfachte Erklärungen für sie alle anwenden. Diese Mechanismen wollen sie genauer betrachten und untersuchen, wie wir täglich umgehen mit Stereotypen, Archetypen, Prototypen oder Antitypen. Doch wie entsteht eigentlich so ein Tanzstück? Das sagen die beiden Chefs Dan Pelleg und Marko E. Weigert.

Die erste Idee entsteht beim Kaffee oder bei der Arbeit mit Kollegen

In einem Café in Berlin sollen die beiden Tanzchefs die erste Idee für das Stück gehabt haben, hieß es vor fast einem Jahr im Theater, als die Spielzeit vorgestellt wurde. Sie beobachteten die Leute und irgendwann sagte einer: „Typen gibt’s!“. Daran können sich die beiden allerdings jetzt gar nicht mehr so richtig erinnern. Marko E. Weigert glaubt, dass er die erste Idee dafür im Theater in seinem Büro hatte. Es ging um ein Bühnenbild, ein Kollege stellte seine Pläne vor und er dachte sich, das ist doch typisch für ihn. „Wie oft man das Wort typisch am Tag in den Mund nimmt“, erstaunte ihn. Er sprach mit Dan Pelleg darüber, schon hatten sie ein Thema für das neue Stück. „Man ist selbst empört, wenn man das Gefühl hat, dass man in eine Schublade gesteckt wird“, sagt Dan Pelleg. „Man fühlt sich reduziert“. Ein Beispiel: Sie haben eine Tänzerin aus Schweden. Da denkt doch jeder an blond und blauäugig. Sie ist aber eher ein dunkler Typ, „superhübsch sowieso, sehr intelligent, sehr talentiert“.

Die Tanzchefs sammeln Texte und Bilder zum Thema auf ihren Handys

Nach den ersten Ideen beginnt das große Sammeln. Die Tanzchefs halten alles auf ihren Handys fest, was ihnen zu dem Thema unterkommt: Zitate, Fotos, Symbole. Ob sie das mal zeigen können? Klar. Stichwort „Typisch“, sofort ist es gefunden: einzelne Worte, lange Texte, Bilder, scheinbar unendlich. „Das ist ja nicht immer negativ“, sagt Marko E. Weigert. Sie haben festgestellt, dass bei dem Thema auch ganz viel Humor entsteht. Über Monate sammelten sie die Ideen auf dem Handy. So hätten sie Ansätze, aus denen sie Szenen herausarbeiten, sagt Dan Pelleg, auch für das Bühnenbild, das jetzt ein übergroßer Schrank mit Karteikästen ist.

Die Theaterleitung erfährt die Pläne und gibt ihr Okay oder nicht

Sobald sie ein grobes Gerüst haben, wird die Konzeption der Theaterleitung vorgestellt. Generaldirektor Klaus Arauner ist dabei und könnte jetzt sagen: Nein, das gefällt mir nicht, das bringen wir nicht auf die Bühne. Er hätte die Chance, einzugreifen, aber das haben sie „bisher nicht erlebt“, sagt Marko E. Weigert. Wenn sie ihre Pläne präsentieren, gibt es auch gleich eine Konzeption für die Werkstätten. Der übergroße Karteikasten auf der Bühne war Dans Idee, sagt Marko E. Weigert. „Man steckt Leute in Schubladen“, das wollte er zeigen. Und: „Wir klettern halt gern in Bühnenbildern.“

Die Tänzer reden mit und improvisieren

Am ersten Tag mit den Tänzern erklären sie ihre Ideen und zeigen das Bühnenbild, dann improvisieren sie. „Wir machen eine schöne Musik an“, sagt Marko E. Weigert. Bei „Aqua“, einem der vorherigen Stücke, haben sie sich einfach ins Wasser geschmissen, berichtet er, da sind schon schöne Szenen entstanden. Für das jetzige Bühnenwerk haben sie erst einmal stundenlang diskutiert. Was sind Klischees? Welche Stereotypen kennen sie? Wie beurteilen sie andere? Wo haben sie Extreme erlebt? Wie beobachten sie die Gesellschaft? „Wir lassen uns zum Teil von den Tänzern inspirieren“, sagt Marko E. Weigert. So entstehen manchmal schon szenische Bilder.

Bei den Proben wird alles auf Video aufgezeichnet

„Wir arbeiten viel mit Video“, sagt Dan Pelleg. Bei den Proben gibt es zwei Wege: Sie choreografieren und zeigen den Tänzern die Schritte und Bewegungen. Wie es Dan Pelleg nennt: „Wir komponieren eine Szene.“ Oder die beiden Tanzchefs haben die Idee, eine Struktur und bitten die Tänzer, ihre eigenen Vorstellungen einzubringen. Manchmal ist es gleich perfekt. Manchmal greifen die Chefs ein: „Wir polieren oder ändern das“, sagt Marko E. Weigert. Szenische Ideen schreiben sie auch auf kleine Zettel und formen daraus ein Gebilde, das die Abfolge im Bühnenwerk zeigt, so hängt es im Büro. Sie proben es wieder und wieder, einzeln, mit Paaren und allen Tänzern, mit Licht, Musik und Kostümen.

Manchmal müssen die schönsten Szenen wieder raus

Selbst Lieblingsszenen sind schon wieder herausgeflogen. Es gibt einen Spruch: „Kill your Darlings!“, sagt Marko E. Weigert. Ein Beispiel: Sie haben ganz viele Sequenzen zusammengebaut, für ein Duett, das fünf Minuten lang ist, und bereits beim Weihnachtskonzert gezeigt wurde. Für „Typisch“ mussten sie es wieder kürzen, berichtet Dan Pelleg. Sie prüfen alles erneut auf der Bühne und werfen Szenen wieder heraus, die sie anfangs noch ganz toll fanden, im Zusammenhang aber nicht mehr funktionieren und vielleicht sogar ein Störfaktor sind.

Zum Ende gibt es oft Streit und das ist gut so

Bei den Endproben wird das Stück verdichtet. Manchmal gibt es Längen, die Szene kommt nicht so in Gang, dass der Zuschauer dranbleibt, sagt Marko E. Weigert. Die Chefs sehen zu, dass es Überraschungen gibt. Und das es nicht zu lang wird. Noch sind es zwölf Minuten zu viel, sagt Marko E. Weigert. Anderthalb Stunden streben sie an. „Da streiten wir uns“, sagt Dan Pelleg. Nach seiner Meinung darf es nicht um die Minutenzahl gehen. „Am Ende muss es stimmen“, sagt er. „Wenn es gut funktioniert, kann es auch länger sein.“ Sein Kollege ist aber dafür, das Stück weiter zu verdichten. Am Ende einigen sie sich. Und das ist gut so. Wenn Meinungen aufeinandertreffen, entsteht manchmal etwas Neues, das noch spannender ist – ganz im Sinne der Zuschauer.