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Überraschender Fund in Silbermann-Orgel

Orgelbauer der Moritzburger Firma Rühle entdecken beim Restaurieren des Instruments eine alte Zeitung und eine Nachricht.

© Arvid Müller

Von Sophie Suske

Kugeln von Wetterfahnen auf Kirch- oder Schlosstürmen werden traditionell als „tote Briefkästen“ genutzt. Bauherren und Handwerker deponieren dort gern Münzen, Zeitungen, Fotos und andere Zeitdokumente für die nachfolgenden Generationen. Christoph Rühle, der Chef der gleichnamigen Moritzburger Orgelbauwerkstatt und sein Mitarbeiter Matthias Sandig staunten daher nicht schlecht, als ihnen während der Restaurierungsarbeiten einer kostbaren Silbermann-Orgel plötzlich eine alte Zeitung in die Hände fiel. Versteckt in den Hohlkammern der Windlade, dem Teil der Orgel, auf dem die meisten Pfeifen sitzen, fand sich eine Beilage zum Rochlitzer Tageblatt vom 29. Juni 1928 sowie ein handgeschriebener Zettel des Orgelbauers Emil Richard Tischoff. Dieser hatte vor 87 Jahren das altehrwürdige Tasteninstrument zum letzten Mal grundlegend restauriert. „Es kommt schon vor, dass wir bei unseren Arbeiten Dinge in den Orgeln finden“, sagt Christoph Rühle. „Meist sind es kleine Zettel, auf denen sich die Orgelbauer verewigt haben. Wir haben aber auch schon Fotos eines Orgelbauers von 1886 in einem Instrument gefunden. Das ist vor allem für die damaligen Verhältnisse erstaunlich“, so Rühle weiter.

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Die Moritzburger Orgelbauwerkstatt selbst hat auch schon eine lange Tradition. Rühles Großvater gründete sie 1932. Im Jahr 2007 übernahm Christoph Rühle sie schließlich von seinem Vater. Mit ihm zusammen arbeiten drei weitere Mitarbeiter – ein Orgelbaumeister und zwei Orgelbauer. Erfahrung ist auch nötig, um solch ein kostbares Instrument zu restaurieren. Schließlich ist die Silbermann-Orgel aus der Gemeindekirche Pfaffroda im Erzgebirge nicht nur eine von 32 noch erhaltenen. Sie ist auch die einzige des bedeutenden mitteldeutschen Orgelbauers der Barockzeit, bei der noch alle originalen Pfeifen erhalten sind. Nach knapp 90 Jahren war es wieder an der Zeit, die Orgel in ihre Einzelteile zu zerlegen und die in die Jahre gekommenen Bestandteile zu restaurieren. „Wenn ein solches Instrument wie eine Orgel in einem Raum mit schwankenden Temperaturen steht, was in einer Kirche ja meistens der Fall ist, dann ist es besonders wichtig, sie regelmäßig zu warten. Etwa alle Hundert Jahre sollte sie zudem komplett zerlegt werden“, erklärt der Orgelbaumeister. Denn auch Schimmel und gefräßige Holzwürmer ziehen das Instrument in Mitleidenschaft. Viele Pfeifen klingen nach einer langen Zeit nicht mehr so, wie sie es sollten. Bei einer Restauration werden beispielsweise die Labien, das sind die Löcher der Metallpfeifen, aus denen die Töne treten, begradigt. So kann die Orgel wieder gestimmt werden. Neben dem Pfeifenwerk werden auch die Windladen restauriert, in denen die Zeitung gefunden wurde.

„Ersetzt wird dabei nur das Allernötigste, um dem Original so nahe wie möglich zu kommen.“ All das ist Handarbeit. Dazu gehört auch das Versiegeln der Holzwurmlöcher mit Wachs. Die Restaurierungskosten für eine solche Orgel sind daher auch nicht billig. „Alles in allem kostet die Reparatur dieser Orgel 70 000 Euro“, so Rühle.

Zur feierlichen Orgelweihe im September wird es ein Festkonzert geben und in der Adventszeit schließlich feiert man in Pfaffroda dann das 300. Orgeljubiläum. „Wenn die Orgel wieder in der Kirche ist, wird weder der Hörer noch der Organist merken, dass dort ein 300 Jahre altes Instrument erklingt“, meint Rühle. Die Orgelbauwerkstatt Rühle ist eine von 25 Werkstätten in Sachsen. Meist sind sie in Sachsen und den Nachbarländern Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg unterwegs, um in die Jahre gekommene Orgeln zu restaurieren. Die Moritzburger haben aber auch schon neue Orgeln gebaut: Sie erklingen in der Kölner Thomaskirche, der Bonner Emmauskirche und in Berlin-Mahlsdorf. Nach Abschluss der Arbeiten an der Silbermann-Orgel aus Pfaffroda werden Rühle und seine Mitarbeiter das Rochlitzer Tageblatt von 1928 und den handgeschriebenen Zettel des Orgelbauers wieder in die Orgel zurücklegen – zusammen mit einer Ausgabe der heutigen Sächsischen Zeitung.