Merken

Überraschung aus der Zeitkapsel

Im vergangenen August förderte die Turmkontrolle in der katholischen Herz-Jesu-Kirche eine alte Zeitkapsel zurück ans Tageslicht. Die Pfarrei erlebt beim Öffnen ein realsozialistisches Wunder.

Teilen
Folgen
© Tobias Hoeflich

Von Tobias Hoeflich und Stefan Becker

Die Spannung ist groß, als die Spezialisten im Gemeindesaal der Pfarrei der Herz-Jesu-Kirche mit Sorgfalt die Hülle der fest verschlossenen Zeitkapsel knacken. Fast ein Jahr haben sie auf diesen Moment gewartet. Nun dauert es keine fünf Minuten, bis die Kapsel offen ist. Erst mit Manneskraft, später mit elektronischer Hilfe sägen sie das Fundstück auf. Die geborgene Blechbüchse sollte eigentlich aus der Bauzeit der Kirche an der Borsbergstraße stammen. Die war in den Jahren 1903 bis 1905.

Mit dem Körbchen am Kranarm hängend ging es hoch hinaus zur Kirchturmspitze.
Mit dem Körbchen am Kranarm hängend ging es hoch hinaus zur Kirchturmspitze. © U. Weßner
Vorsichtig öffneten die Spezialisten das Kupferdach, das demnächst wieder ein Kreuz tragen soll.
Vorsichtig öffneten die Spezialisten das Kupferdach, das demnächst wieder ein Kreuz tragen soll. © U. Weßner
Im stabilen Gebälk, verborgen zwischen Holz und Metall, fanden die Handwerker im August 2015 die Zeitkapsel.
Im stabilen Gebälk, verborgen zwischen Holz und Metall, fanden die Handwerker im August 2015 die Zeitkapsel. © U. Weßner

Vor dem Öffnen präsentiert Pfarrer Bernhard Gaar die Kapsel, als hielte er den EM-Pokal in seinen Händen. Nur glänzt sein Schatz nicht, sondern ist zerkratzt und von etwas Dreck ummantelt. Das Blitzlicht mehrerer Fotografen flackert in dem Raum des Gemeindezentrums auf. „Hat sich da drin grad was bewegt?“, scherzt einer von ihnen. Neugierig blicken die Gäste auf das Blech. Doch kaum einer wagt es, das Stück anzufassen. Als die Kapsel offen ist, zieht Gaar eine Papierrolle heraus. Schon beim näheren Betrachten sind die Fachleute skeptisch. Das Kupfer im Inneren schaut nicht aus, als wäre es über hundert Jahre alt. Als sie dann den Inhalt sichten, herrscht gleich Gewissheit: Die drei Dokumente stammen aus dem Jahr 1968.

Ein besonderes Datum für die Kirche in Dresden-Johannstadt: „Die Herz-Jesu-Kirche wurde am 26. November 1905 geweiht und die letzte Sanierung des Kupferdaches fand 1968 statt“, teilte Pfarrer Bernhard Gaar zuvor mit.

Aus bautechnischen Gründen konnte das Turmkreuz damals nicht wieder errichtet werden, berichtete der 66-Jährige weiter. Dafür war damals das Geld zu knapp. Obwohl das Pfarrarchiv sehr gründlich sei, liege aus diesem Jahr keinerlei Notiz zum Inhalt der Turmkapsel vor – bis zum frühen Donnerstagabend.

Üblicherweise enthalten Zeitkapseln ein Sammelsurium an Münzen, Zeitungen und weiteren zeitgeschichtlich interessanten Dokumente, gelegentlich auch besondere Urkunden. Diese aber erhielt neben den drei Papieren vor allem die große Frage: Gab es eine alte Zeitkapsel und wo könnte die abgeblieben sein? Vielleicht finden sich im Pfarrarchiv ja doch noch ein paar Spuren. Als die Fotografen schon fort sind, spricht Gaar mit Gemeindemitgliedern über das Ergebnis. Ein wenig enttäuscht sei er schon, sagt der 66-Jährige. „Mit Gold- oder Silberschätzen haben wir ja nicht gerechnet.“ Doch auf ein paar Münzen habe man schon gehofft.

„Wir haben jetzt spekuliert, ob es überhaupt damals eine Kapsel gegeben hat. Aber es war ja damals üblich.“ Vielleicht verbirgt sie sich noch irgendwo im Mauerwerk. Wenn Mitte August das neue Turmkreuz aufgerichtet wird, soll auch die Zeitkapsel darunter ihren Platz finden. „Ziel ist, die alte Büchse wieder zu verwenden“, sagt der Pfarrer. Neben den gefundenen Dokumenten aus DDR-Zeiten will die Gemeinde auch aktuelle Zeugnisse beifügen: eine Zeitung, Münzen oder ein Bericht vom aktuellen Baugeschehen. „Aber was genau wir hineinlegen, das haben wir noch nicht entschieden.“