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Berauschende Füllung

Ein 37-jähriger Großenhainer kauft und verkauft Marihuana und Crystal und verlängert damit sein Dasein hinter Gittern.

© Symbolbild/dpa

Von Thomas Riemer

Großenhain/Dresden. Schon vor Verhandlungsbeginn macht es „klick“. Justizbeamte entfernen die Handschellen des 37-Jährigen. Der nimmt Platz auf der Anklagebank – das ist für den Großenhainer kein Neuland. Erst im Oktober 2017 ist er vom Amtsgericht Riesa wegen vorsätzlichem Handel mit Drogen in mindestens fünf Fällen zu mehr als anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Im Januar trat er seine Haftstrafe in der JVA an.

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Genug Zeit für den Drogenabhängigen, um noch ein „Ding“ zu drehen. Mitte November gerät er auf der Berliner Straße in eine Polizeikontrolle. Eigentlich waren die Dresdner Beamten zur Revierunterstützung eingeflogen worden wegen drastisch gestiegener Zahlen an Fahrraddiebstählen in der Röderstadt. Der Angeklagte aber fällt ihnen auf – weil er kein Licht am Rad hat. „Er stieg sofort vom Rad ab, machte einen unsicheren Eindruck, war blass und hatte rote Augen“, gibt einer der Polizisten (28) zu Protokoll. Außerdem habe der Mann nach Marihuana gerochen. Eine Rückfrage per Funk bestätigt den Verdacht auf Drogen-Vorbelastung. Damit nicht genug: Beim Durchsuchen des mitgeführten Rucksacks finden die Kollegen eine Kameratasche. Inhalt unter anderem: Überraschungseier, gefüllt mit mehr als 30 Gramm Crystal und rund 20 Gramm Marihuana, dazu eine Feinwaage sowie eine Verteilerliste mit Spitznamen und Telefonnummern – offenbar potenzielle Käufer der Drogen. Klarnamen seiner Kunden – so viel vorweg – will er auch bei der Verhandlung nicht nennen. Das alles reicht für eine sofortige vorläufige Festnahme.

Vor dem Dresdner Amtsgericht räumt der Großenhainer gestern die Tat ein. Gesteht auch, die Drogen nicht nur ge- und verkauft zu haben, sondern auch selbst zu konsumieren. „Seit drei bis vier Jahren.“ Auf Nachfrage der Richterin sagt er, dass es vielleicht auch schon sechs oder zehn Jahre sind. Bis zu seiner Festnahme im November habe er so etwa zwei Gramm pro Tag geraucht, je nachdem „wie die Qualität war“. Zurzeit – er befindet sich ja in Haft – nehme er keine Drogen. Entzugserscheinungen will er nicht haben, nur Schlafstörungen. Professionelle Hilfe einer Suchtberatung hat der Drogensüchtige bislang nicht in Anspruch genommen. Er wolle damit warten, „bis ich verurteilt bin“. Spricht´s, und senkt den Kopf wieder.

Die Lebensgeschichte des Mannes liest sich schaurig: Die Schule verlässt er nach der 8. Klasse. Eine Lehre als Elektroinstallateur bricht er nach zwei Jahren ab. Kurze Zeit verdingt er sich als Schausteller, ist seit 2007 Hartz-IV-Empfänger mit Gelegenheitsjobs. Zu seinen vier Kindern – einmal Zwillinge – mit drei Frauen hat er nur sporadisch Kontakt. Seit zwei Jahren ist der Angeklagte in einer neuen Beziehung – auch die Lebensgefährtin ist drogenabhängig.

Sein Schuldenstand versetzt Richterin, Staatsanwältin und sogar seinen Verteidiger in Erstaunen: 500 000 Euro will der Mann angehäuft haben. Aus Drogengeschäften, aber auch, weil „ich mal was bestellt, aber nicht bezahlt habe“. Auch Kosten aus früheren Verfahren sind aufgelaufen – immerhin bringt er fünf Vorstrafen mit in den Dresdner Gerichtssaal – wobei es dreimal „nur“ um gewerbsmäßigen Diebstahl ging. Dafür gab es zumeist Bewährungsstrafen, ehe er auf Drogenhandel „umstieg“.

Ein Jahr und zehn Monate – so lautet das Urteil für den Fund vom November 2017. Sein Dasein in der Justizvollzugsanstalt, in der er die vorherige Strafe bereits verbüßt, verlängert sich also. Die Richterin spricht von einem verhältnismäßig milden Urteil. Dem 37-Jährigen kommt dabei zugute, dass er geständig und „betäubungsmittelabhängig“ ist. Ihn in Haft zu lassen, sei vollkommen logisch, sagt die Richterin. „Alles andere macht schlicht und einfach keinen Sinn.“

Der Großenhainer nimmt die neuerliche Verurteilung mit starrem Blick hin. „Es tut mir leid, was ich gemacht habe. Es soll nicht wieder vorkommen“, mehr fällt ihm nicht ein. Eine Suchttherapie will er jetzt machen, irgendwann arbeiten.

Letzteres wird eine Weile dauern. Denn erst einmal geht es zurück in die JVA. Wieder klicken die Handschellen.