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"Deshalb will meine Oma in Odessa bleiben"

Iryna Fingerova aus Kamenz bangt nicht nur um ihre Verwandtschaft in der Ukraine. Sie engagiert sich auch aktiv gegen den Krieg.

Von Ina Förster
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Friedenskundgebung auf dem Kamenzer Markt: Iryna Fingerova war mit einem Bild ihrer Oma, die in Odessa ausharrt, dabei.
Friedenskundgebung auf dem Kamenzer Markt: Iryna Fingerova war mit einem Bild ihrer Oma, die in Odessa ausharrt, dabei. © Anne Hasselbach

Kamenz. Wenn Iryna Fingerova dieser Tage an ihre Oma Zinoida denkt, geht es ihr nicht gut. Dieses mulmige Gefühl aus Hilflosigkeit und Wut hat sich eingenistet in ihr. Und drückt gegen die Magenwand. An Schlaf ist kaum zu denken. So viel wöllte sie tun. Wo nur anfangen? Spendensammlung, Friedenskundgebung, endlose Telefonate, Engagement mit ihrem Verein "Plattform Dresden", aus dem sich aktuell die Initiative „Ukrainisches Koordinationszentrum Dresden“ gebildet hat - das alles scheint nicht genug.

"Wir sind hier in Sicherheit, ein Großteil meiner Familie lebt aber in der Ukraine", sagt die 28-Jährige. "Jeden Tag sterben wir ein Stück mit unseren Lieben." Ihre 92-jährige Oma wohnt in Odessa. So wie Irynas älterer Bruder mit seiner Familie auch. Mitten im Krieg. Doch für die Seniorin kommt eine Flucht nicht in Frage. Die Ukraine ist ihre Heimat, ihr Leben. Dass das schneller enden kann, als gedacht, ist allen bewusst. Auch ihrer Enkelin in Kamenz.

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Besonderes Verhältnis zur Großmutter

Die hatte schon immer ein enges, besonderes Verhältnis zu ihrer Großmutter. Wuchs mit ihr auf, verbrachte als Kind ganze Sommer auf dem Land. Letzten Juli hat Iryna Fingerova sie zum letzten Mal gesehen. Endlich. Nach drei Jahren, in denen sie es nicht geschafft hatte. Da war ihre Arztprüfung, die sie noch einmal in Deutschland ablegen musste. Und dann die ungeplante Schwangerschaft. Danach kam Corona.

Die junge Ukrainerin lebt mit ihrem Mann Pavlo seit Jahren in Deutschland. Kamenz war für die junge Familie in den letzten drei Jahren lieb gewonnene Lebensstation. Beide arbeiten vor Ort als Ärzte. "Es geht uns gut. Wir haben uns unseren Traum erfüllt", sagt die junge Mutter.

Mann holt Freunde in Moldawien ab

Dass seit Jahren Krieg ist in der Ukraine, weiß das Paar nur zu gut. "Die Ukraine lebt damit schon so lange. Man kann sich das hier in der westlichen Welt nicht vorstellen. Es gehörte zum Alltag", erzählt sie. Alle ihre Freunde und Bekannten in der Heimat, die bislang pazifistisch eingestellt waren und eher der Künstlerszene angehörten, haben sich in den letzten Tagen zu echten Patrioten entwickelt. "Viele wollen bleiben, unsere Heimat verteidigen und kämpfen", sagt die Ärztin.

Doch Frauen mit kleinen Kindern - sie müssen raus aus dem Hexenkessel. "Pavlo ist seit gestern unterwegs nach Moldavien, um eine Freundin mit ihrem Kind dort abzuholen "Ich bete, dass alles gut geht", sagt Iryna leise.

Ausharren inmitten des Krieges

Als Iryna im Sommer 2021 in der Heimat zu Besuch war, stellte sie Oma Zinoida endlich ihre Tochter Sarah vor, die in Deutschland geboren wurde. Die Kleine krabbelte auf den Schoß der Urgroßmutter. Sie betrachteten sich. Erkannten ihrer Seelen. Es war eine gute Zeit. "Meine Oma ist alt. Und ich bin Ärztin. Ich erlebe jeden Tag, wie sterblich wir Menschen sind", sagt die 28-Jährige. "Ich wusste auch, dass ich meiner Oma Motivation bringen musste, um weiter zu leben. Einen Grund, dass sie noch da ist, wenn wir wieder kommen", sagt Iryna Fingerova.

Das sollte eigentlich diesen Sommer sein. Nun herrscht Krieg in der Ukraine. Und ihre Großmutter lebt allein in ihrer Wohnung im oberen Stock eines Hochhauses. Es gibt weder einen Luftschutzkeller, noch käme sie mit ihrem Rollator bis dahin. Irynas Bruder ist bei ihr eingezogen, er versorgt sie. Tröstet und beruhigt. Oft auch sich selbst. "Er ist professioneller Schachspieler. Ein Mann, der nie zur Waffe greifen wollte. Der so etwas hasst. Nun soll er plötzlich kämpfen", erklärt die Schwester seinen inneren Konflikt.

Den Zweiten Weltkrieg und das Ghetto überlebt

Ihre ganze Familie sei jüdisch. Oma Zinoida überlebte den Zweiten Weltkrieg und die Jahre im jüdischen Ghetto. "Nie habe ich gedacht, dass sie noch einmal einen Krieg erleben muss", sagt Iryna. "und alles nur, weil ein psychisch kranker Diktator Krieg spielen muss."

Iryna, Pavlo und viele Gleichgesinnte in Deutschland wollen nicht untätig dasitzen und warten, bis ein Wunder geschieht. Mit dem Verein Plattform Dresden gelingt ihnen in diesen Tagen recht viel. Gemeinsam mit der griechisch-katholischen Personalpfarrei St. Michel wird versucht, die hohe Hilfsbereitschaft in und um Dresden zu organisieren und zu koordinieren.

"Wir benötigen vieles im Ukrainischen Koordinationszentrum Dresden. Ich koordiniere zum Beispiel Spenden von Medikamenten und Medizinischer Ausrüstung", sagt Iryna Fingerova. Andere kümmern sich um die Abholung von Flüchtlingen an der Grenze oder vermitteln Wohnungen vor Ort.

Sie sei eine russischsprachige Jüdin aus Odessa. Ab und zu habe sie auf Ukrainisch Kinderbücher geschrieben und veröffentlicht. Und Theater gespielt, Lesungen gehalten. Die Künstlerszene ist stark dort. "Es wird viel über die Hintergründe gestritten, wie es zu diesem Krieg kam. Aber aus eigener Beobachtung kann ich sagen: Die Ukraine ist keine Diktatur." Ob man dies über Russland sagen könnte, müsse jeder für sich einordnen.

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"Meine Oma will bleiben. Sie will nicht gehen, weil sie auf der Flucht ihre Erinnerungen nicht mitnehmen könnte. Es wäre dann so, als hätte es sie und ihr Leben gar nicht gegeben."

Spenden: Ukrainische Pfarrei St. Michael IBAN: DE84 7509 0300 0108 2976 57 BIC: GENODEF1M05 "Spende Ukrainehilfe"; Infos: www.plattform-dresden.de

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