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Aus der Heimat gerissen

Putins Krieg treibt Hunderttausende in die Flucht. Sie harren oft tagelang in der Kälte aus, ohne Essen, Trinken, Schlaf. Zwei SZ-Reporterinnen berichten von der polnisch-ukrainischen Grenze, wo viele der Flüchtenden stranden.

Von Franziska Klemenz & Stella Schalamon
 12 Min.
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Die 20-jährige Mizbah auf der Suche nach ihrer Mutter. Die indische Familie aus Bangalore lebte seit Jahren in Kiew. Und hat jetzt diese neue Heimat verloren. Ihre Mutter hat Mizbah dann aber doch noch wiedergefunden.
Die 20-jährige Mizbah auf der Suche nach ihrer Mutter. Die indische Familie aus Bangalore lebte seit Jahren in Kiew. Und hat jetzt diese neue Heimat verloren. Ihre Mutter hat Mizbah dann aber doch noch wiedergefunden. © Pawel Sosnowski

Mizbah bleibt stehen. Wenn sie dem Pflaster-Pfad folgt, liegt das Kriegsland Ukraine hinter ihr. Zwei Minuten Fußweg, ehe die Grenzanlage endet. Ein Beamter hat einen Stempel in ihren Pass gedrückt, zwei Wochen Polen-Visum. Hinter ihr Grenzzäune, gelb-blaue Flaggen, verlassene Heimat. Vor ihr braune Felder, das fremde, aber sichere Land. "Sie haben meine Mutter mitgenommen, ich gehe hier nicht weg." Seit zwei Tagen ist die 20-Jährige mit Eltern und Bruder auf der Flucht. Geschlafen hat sie kaum, seit Russland in der Ukraine Krieg gestartet hat.

Mindestens 660.000 Menschen sind nach Angaben des Flüchtlings-Hilfswerks UNHCR seit Donnerstag geflohen. Millionen sind noch auf der Flucht. Wer sich nicht innerhalb des Landes in Sicherheit bringt, flieht über die Grenzen zu Polen, Rumänien, Moldawien oder Slowakei.

Vater und Bruder harren seit den frühen Morgenstunden am Grenzübergang beim polnischen Medyka aus. In der Schlange für ausländische Frauen geht es schneller, Mizbahs Mutter darf polnischen Boden nur noch nicht betreten, weil sie kein analoges, sondern nur ein elektronisches Visum besitzt.

Die Familie aus dem südindischen Bangalore hatte nicht vor, die Ukraine zu verlassen. "Ich liebe es dort. Bevor das alles passiert ist, konntest du in Kiew alles machen. Es ist wunderschön und sehr friedlich. Dann siehst du diesen Ort unter Bomben, es bricht mein Herz", sagt Mizbah. "Die Menschen in Kiew fühlen jetzt oft: ‚Wir leben für unser Land, wir sterben für unser Land.’ Ich habe wenigstens ein Mutterland, in das wir fliehen können."

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