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Wie Döbelner Krankenhausbetten nach Kiew kommen

Der Verein Communitas bekommt 70 ausrangierte Betten. Kurz darauf erhält Projektleiter Thomas Kretschmann einen Anruf aus Kiew.

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Bereits 48 Stunden nach dem Start in Hainichen wurden die Krankenbetten in Kiew entladen und sofort aufgestellt.
Bereits 48 Stunden nach dem Start in Hainichen wurden die Krankenbetten in Kiew entladen und sofort aufgestellt. © privat

Von Thomas Kretschmann

Hainichen. Anfang September: Innerhalb von drei Tagen beladen die Helfer des Hainichener Vereins Communitas gleich zwei volle Sattelzüge mit Hilfsgütern. Und innerhalb von nur 48 Stunden stehen die ersten Krankenhausbetten bereits in einem Krankenhaus in Kiew.

„Ich traute meinen Augen nicht als ich am Donnerstag, dem 8. September, Fotos bekam, wie Patienten in Kiew in genau den Betten lagen, die wir zwei Tage zuvor in Hainichen aufgeladen hatten“, berichtet Projektleiter Thomas Kretschmann.

Genau so erstaunlich, ja fast schon kurios ist die Geschichte, wie der Verein überhaupt an die Krankenhausbetten kam. „Im Urlaub erhielt ich einen Anruf vom Krankenhaus Döbeln. Dort seien 70 Betten ausrangiert worden und stünden nun auf dem Krankenhaus-Parkplatz, da sie nicht wie vereinbart abgeholt wurden“, schildert Kretschmann, der nun aus der Ferne eine Möglichkeit finden musste, die Betten schnellstmöglich abzutransportieren und sie so vor der Verschrottung zu bewahren.

Meißener Firma übernimmt Transport

„Ich versuchte mein Glück und tatsächlich erklärte sich die Meißener Firma B&K Logistik bereit, die Krankenhausbetten mit ihrem Lkw in Döbeln abzuholen und in unser Lager zu bringen. Vier Fahrten waren notwendig, um die 70 Betten zu transportieren, und einen Großteil der Transportkosten erstattete das Unternehmen als Spende an den Verein zurück.“

Was bis dahin noch Glück war, wurde einen Tag später zur Kuriosität. Denn da erhielt Kretschmann eine Nachricht von der Chirurgin Alvina aus der Ukraine. Für den Aufbau einer zusätzlichen Station für Verletzte und Verwundete würden dringend Krankenhausbetten benötigt. Benötigte Stückzahl: 70! „Da soll mal noch einer Sagen, das sei Zufall“, sagt Thomas Kretschmann mit einem Schmunzeln und berichtet von der Freude der Chirurgin Alvina.

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Sie war zu Kriegsbeginn mit ihrer Familie in den Rossauer Ortsteil Greifendorf geflohen, kehrte dann aber in die Ukraine zurück. Dort hat sie in den vergangenen Wochen bereits viele Soldaten und Zivilisten operiert. Dank der engen Zusammenarbeit mit den Freunden in Hainichen und auch durch die Unterstützung des Krankenhauses Freiberg, in dem sie während ihres Aufenthaltes in Mittelsachsen arbeiten konnte, lasse sich viel bewegen, so Kretschmann.

Unterstützung von Privatpersonen und Firmen erforderlich

Nachdem mit den beiden Sattelzügen Anfang September – es waren bereits der neunte und der zehnte Lkw in diesem Jahr für die Ukraine – mit insgesamt knapp 40 Betten nach Kiew fuhren stehen nun noch weitere rund 60 Betten in Hainichen bereit zur Verladung.

Auch das Krankenhaus Freiberg und das Roßweiner Pflegeheim Berta Börner hatten Betten gespendet. Schon in Kürze sollen die nächsten auf die Reise gehen, zusammen mit vielen anderen Dingen wie Schulbänken und Schultafeln und vielem mehr.

Doch dafür braucht es nun wieder die Unterstützung der Bürger und Firmen. „Wir benötigen noch dringend Federkernmatratzen, Schlafsäcke, Isomatten, Kleidung, Rollstühle, Gehbänke, Krücken und vor allem auch Baumaterial“, erklärt Projektleiter Kretschmann.

Ehepaar gibt VW-Bus ab

Er appelliert insbesondere an Baufirmen, ihre Lager nach Restposten zu durchforsten und ausgebaute Fenster, Türen und andere Dinge, die noch in gutem Zustand sind, ins Spendenlager zu bringen. „Der Winter ist nicht mehr weit und viele Menschen leben nun in Wohnungen und Häusern, deren Scheiben zerborsten sind. Ein bei uns ausgebautes Plastikfenster kann dort ein wahrer Segen sein.“

Neben den Hilfstransporten und der Unterstützung der Ukrainer in Hainichen und Umgebung passieren auch viele andere Geschichten. Eine große Geste war die Entscheidung des Hermsdorfer Ehepaares Kristina und Sebastian Wittig. Die beiden haben fünf Kinder. Doch zusammen wollen sie das Experiment wagen, weitestgehend auf eigene Fahrzeuge zu verzichten und auf Bus und Bahn sowie Fahrrad umzusteigen.

Ihren VW-Bus hätten sie zu Geld machen können. Doch stattdessen verschenkten sie ihn an eine Familie in der Ukraine, die mit dem Auto nun nicht nur ihre eigenen Kinder fährt, sondern auch Hilfsgüter an Bedürftige verteilt. Mithilfe des Vereins Communitas war es gelungen, die Zollformalitäten und die Überführung des Fahrzeuges in die Ukraine zu bewerkstelligen.

  • Weitere Informationen zu den Hilfstransporten und Aktionen sowie Bildmaterial und eine Liste der benötigten Sachspenden gibt es im Internet unter https://naturbrennstoffe.com/blog/hilfstransport-ukraine-das-passiert-gerade.
  • Geldspenden können im Lager gegen Quittung abgegeben oder auf das Spendenkonto des Vereins Communitas bei der Sparkasse Mittelsachsen, IBAN DE54 8705 2000 3330 0100 01, überwiesen werden.