merken

Ukraine und Syrien: Auftrieb für die Ostermarschbewegung?

Tausende Menschen demonstrieren jedes Jahr an Ostern für eine friedlichere Welt. Bringen die Krisen in der Ukraine und Syrien der Bewegung dieses Jahr Zulauf?

© dpa

Von Ira Schaible

Frankfurt/Main. Ukraine und Syrien - Rüstungsgeschäfte und Auslandseinsätze der Bundeswehr: Bringen die internationalen Krisen und die deutsche Verteidigungspolitik der Ostermarschbewegung Zulauf? Rund 80 Mahnwachen, Demonstrationen und Märsche plant die Friedensbewegung 2014 an Ostern. „Das Engagement der aktiven Friedensgruppen ist diesmal noch dringender, wird auch als noch dringender empfunden“, sagt der Geschäftsführer des Netzwerks Friedenskooperative, Manfred Stenner. „Deshalb glaube ich eher an eine stärkere Beteiligung.“ Wissenschaftler dagegen gehen nicht davon aus, dass deutlich mehr Menschen auf die Straße gehen werden - und nennen dafür verschiedene Gründe.

Anzeige
Wie leben Familien in Sachsen?
Wie leben Familien in Sachsen?

Die große Umfrage zur Familienzufriedenheit geht in eine neue Runde. Jede Antwort zählt!

„Von den Hochzeiten der Friedensbewegung wie zu Beginn der 1980er Jahre sind wir meilenweit entfernt“, sagt der Berliner Protestforscher Dieter Rucht. Damals seien die Organisatoren von insgesamt 600.000 bis 700.000 Teilnehmern ausgegangen. Simon Teune, der wie Rucht für das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung arbeitet, prognostiziert: „Es wird keine großen Schwankungen zum Vorjahr geben. Das ist bei den meisten regelmäßigen Terminen so.“

Thorsten Bonacker vom Zentrum für Konfliktforschung der Marburger Universität formuliert es so: „Es gibt eine signifikante, aber keine Massenbeteiligung.“ Daran änderten auch die Konflikte Ukraine und Syrien nichts. Warum?

Wegfall des Ost-West-Konflikts macht Materie komplexer

„Am Ende des Ost-West-Konflikts fällt die Positionierung schwerer“, sagt Bonacker. „Es ist viel komplexer, als es in der Abrüstungsdebatte war.“ Gerade bei anhaltenden Bürgerkriegen wie in Syrien sei eine klare Haltung schwierig, aber auch bei der Ukraine. Die Friedensbewegung habe zudem ihre politischen Forderungen immer vor allem an die westliche Seite gerichtet. „Ich glaube nicht, dass sie das Thema Ukraine so richtig entdecken wird.“

„Das sind alles sehr vertrakte Konflikte“, sagt Rucht. Und mit Blick auf die Ukraine: „Wenn man plötzlich in der Regierung neben den „guten Demokraten“ auch rechtsradikale Kräfte hat, weiß man nicht mehr, soll man eigentlich wirklich für diese Regierung so vorbehaltlos Partei ergreifen?“ Die Akteure der Friedensbewegung seien zudem gespalten, ergänzt Teune. In der Linken etwa gebe es in der Ukraine-Krise durchaus Sympathien für Russland.

Viele Themen bringen Verdrängungswettbewerb um Aufmerksamkeit

Rucht nennt noch mehr Gründe dafür, weshalb die Friedensbewegung keine Massenbewegung ist: „Wenn mehrere politische Themen gleichzeitig parallel behandelt werden, finden immer ein bisschen Verdrängungswettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit statt“, sagt der Soziologe. „Und da haben jetzt internationale Themen wie Finanzkrise und Euro Vorrang gegenüber den Friedensthemen.“

Das angedeutete Nein von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) zu einer möglichen Panzerlieferung nach Saudi-Arabien nehme der Friedensbewegung zudem „den Wind ein Stück weit aus den Segeln“, sagt Rucht. „Es gibt dann gar nicht so einen massiven Grund, wenn die Regierung schon das tut, was die Friedensbewegung lange gefordert hat.“

Haben Straßenproteste im Zeitalter des Internets überhaupt noch eine Zukunft? In dieser Frage sind die Wissenschaftler uneins. Die Protest- und Artikulationsformen haben sich nach Einschätzung von Bonacker auch in der Friedensbewegung verändert. „Die Demonstration auf der Straße ist eine Variante, aber die Demonstration im Netz ist die andere“, sagt der Professor. „Für viele gerade jüngere Menschen ist das Netz die naheliegendere Artikulationsform, als sich Ostern auf die Straße zu stellen.“

Nach Einschätzung Ruchts schwächt das Internet den Zulauf zu Demonstrationen nicht generell. „Ich glaube nicht, dass der Straßenprotest ausgedient hat.“ Dies zeige das Beispiel Stuttgart, wo viele Menschen gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 mobil machten. Der Forscher ist überzeugt: „Der Straßenprotest wird wieder stärker werden.“ (dpa)