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Umkehr nach vorn

Ein ferner Spiegel unserer Gegenwart, so titelte eine Zeitung die im Oktober angelaufene Fernsehserie „Babylon Berlin“. Mich beeindruckt die Serie als ein Stück Zeitgeschichte. Die Zeit Ende der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts in der Metropole Berlin.

Von Angelika Behnke

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Ein ferner Spiegel unserer Gegenwart, so titelte eine Zeitung die im Oktober angelaufene Fernsehserie „Babylon Berlin“. Mich beeindruckt die Serie als ein Stück Zeitgeschichte. Die Zeit Ende der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts in der Metropole Berlin. Zentrifugale gesellschaftliche Kräfte, krasse Gegensätze: vierter Hinterhof in Wedding und Glamour am Potsdamer Platz, tödliche Schüsse auf der Maidemo und leichte Unterhaltung im Tanzcafé Moka Efti, arm und reich, rechts und links, Unterwanderung der Polizei und Glaube an Gerechtigkeit, unbändiger Wille zum Leben und Todesangst durch Kriegstraumata, Musik, die in tranceähnliche Zustände versetzt und Morphium, das Panikattacken der Kriegsheimkehrer stoppt. Was hat der 1. Weltkrieg aus Deutschland gemacht? Soldaten und Zivilbevölkerung – verletzt an Leib und Seele. Im Gegensatz zu den Filmfiguren wissen wir, wohin das alles führt.

Am 11. November erinnern wir uns an das Ende des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren. Heute, am 9. November, sind unsere Gedanken nicht nur beim befreienden Ereignis des Mauerfalls. Wir gedenken auch der Reichspogromnacht 1938 und der Schuld, die Deutschland auf sich lud. „Ich habe keinen Gefallen am Tod des Schuldigen, spricht Gott, darum kehrt um von euren falschen Wegen, so werdet ihr leben.“ (Ez 18,23). Diese Worte sind nicht nur ein Kernsatz des biblischen Propheten Ezechiel, sondern auch Kernsatz des christlichen Glaubens: Wir sollen Irrwege erkennen und uns rechtzeitig von falschen Wegen abwenden. Keiner soll an Schuld zerbrechen. In den zurückliegenden Monaten nahmen antisemitische Übergriffe in Deutschland zu. Befragt man Leute auf der Straße, sagen viele, man müsse doch mal aufhören, den Deutschen immer wieder den Holocaust vorzuwerfen. „Was können wir dafür, dass Leute früherer Generationen ,so was‘ gemacht haben?“, sagen sie und sind fertig mit dem Thema.

Nein, das Thema kann so lange nicht vom Tisch, bis wir in der Lage sind, wirklich umzukehren. Wir brauchen Ideen für das Leben und Zusammenleben, Visionen von der Zukunft. Die gilt es zu entwickeln, nicht nur an Gedenktagen wie dem 9. November, sondern an jedem Tag, nicht nur als Einzelperson, auch und vor allem in Gemeinschaft, die niemanden ausgrenzt. Das ist das Gegenbild zum Haschen nach Wind, zu Asche und Staub alles Vergänglichen, wie es die Sängerin in „Babylon Berlin“ Ende der Zwanzigerjahre noch düster besingt.