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Neue Montagsdemos schwächeln

Montagsdemonstrationen sind seit der Wende-Zeit der DDR berühmt. In Berlin gerieten neue Montags-Proteste durch Populisten in Verruf. Die Rechtsausleger fallen nicht mehr auf, aber die Bewegung bröckelt.

© dpa

Von Andreas Rabenstein

Berlin. Kürzlich gab es noch einmal richtig viel Aufmerksamkeit. Ein Youtube-Film entwickelte sich zum Internet-Renner - allerdings aus einem anderen Grund, als die umstrittenen Berliner Montagsdemonstranten sich das vielleicht erhofft hätten.

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Hingucker war Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), der auf einer EU-Wahlkampfkundgebung in Berlin angesichts der Pfiffe und „Kriegstreiber“-Rufe Kontra gab und sich in Rage redete.

Die Protestierer hielten ihm vor einer Woche auf dem Alexanderplatz ihre Plakate mit russlandfreundlichen Slogans und Friedensparolen entgegen. Steinmeier wurde zusehends sauer und laut.

Größeren Zulauf brachte die Verbreitung des Films aber nicht. Im Gegenteil: die Demonstranten versammelten sich zwar am Montag dieser Woche wieder vor dem Brandenburger Tor. Aber es ist die gleiche größere Gruppe von rund tausend Menschen wie seit Beginn der Proteste im März. Zuwachs gibt es nicht.

Gegründet hatte sich diese neueste Variante der Montagsdemonstrationen aus Protest gegen einen drohenden Krieg in der Ukraine. Mit dem Wochentag knüpften sie an die Leipziger Demonstranten in der DDR, die Anti-Hartz-IV-Protestierer vor zehn Jahren und die inzwischen 100 Kundgebungen der Flughafen-Gegner in Frankfurt am Main an.

In Berlin standen wöchentlich immer mehr Menschen vor dem Brandenburger Tor, es gab Zulauf aus linken und rechten Lagern. Andere Städte zogen nach. Redner mit Kontakten zur rechtspopulistischen Szene oder mit antisemitischen Verschwörungstheorien sorgten für Medienresonanz.

Anmelder der Berliner Demos nennt sich selbst „Rechts-Esoteriker“

Der Anmelder und Moderator der Demonstrationen, Lars Mährholz, distanzierte sich bei einer Demo Mitte Mai erstmal von Antisemitismus, rechtsextremem Gedankengut und von der SPD, die in der Ukraine vermitteln will. Mit langen, blonden Haaren und einem Tuch um den Hals steht der 37-Jährige auf dem Podium und verkündet Verschwörungstheorien und Tiraden gegen „die Medien“, die seine Bewegung verunglimpfen würden. Seine Zuhörer redet der selbst ernannte „Rechts-Esoteriker“ immer mit „Ihr Lieben“ an.

Viele Zuhörer, junge Protestierer gegen die Macht der Banken, grauhaarige Friedenskämpfer mit weißen Tauben auf blauen Luftballons und Esoteriker auf der Suche nach mehr Liebe in der Gesellschaft beklatschen gerne jeden Redner. Andere sitzen auf dem Boden in der Sonne, trinken Flaschenbier und rauchen Joints. Um Inhalte geht es nicht jedem.

Irgendwie gegen alles - und natürlich immer unverstanden

Konkrete politische Ziele lassen sich auf keiner der Veranstaltungen ausmachen. Die Rechtspopulisten lassen sich nicht mehr blicken. Dafür dreht sich alles um einen diffusen Widerstand gegen Politik, Krieg und Kapitalismus, kombiniert mit Selbstmitleid der Unverstandenen. „Es ist ganz wichtig, dass jeder von Euch versteht, ihr seid auch wichtig“, ruft ein glatzköpfiger Mann, der sich als Buchautor vorstellt.

Ein Demonstrant, Stefan, Mitte vierzig, Lederjacke und teure Kamera um den Hals, erklärt: „Diese ständige Putin-Hetze gerade, das zeigt doch die ganze Manipulation der Medien. Obama ist doch viel schlimmer, aber das darf man ja nicht sagen.“ Die Menschen würden eben leider alle manipuliert, sagt Stefan. „Und die Armen sind mit Hartz-IV ruhig gestellt. Sonst gäbe es doch schon längst eine Revolution.“

Dass die Berliner Montagsdemonstranten eine ähnliche Ausdauer beweisen wie die Frankfurter, die seit 2011 gegen den Flughafen-Lärm aufstehen und jetzt ihren 100. Protest feierten, ist unwahrscheinlich. Steinmeiers Ausbruch brachte im Internet Hunderttausende Klicks - das Interesse galt aber der Leidenschaft des Außenministers und weniger den Putin-Verteidigern mit ihren Sprechchören. Zudem versammeln sich ab Mitte Juni ganz andere Menschen vor dem Brandenburger Tor: die Fußball-Fans strömen zu Deutschlands größter WM-Fanmeile. (dpa)