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Und den Rest macht Mister Minit

Das Handwerk sorgt sich um Nachwuchs, faire Bedingungen – mancher um die Zukunft.

© Repro: W. Schmidt

Von Michael Rothe

Roland Ermer backt kleinere Brötchen. Nicht im Hauptjob als Bäckermeister in Bernsdorf bei Kamenz – wohl aber im Ehrenamt als Präsident des Sächsischen Handwerkstags, Dachorganisation der Kammern und Verbände. Dort schrumpfte die Kundschaft unter den Pflichtmitgliedern der Kammern in Jahresfrist um rund 1 000 Betriebe. Der dritte Rückgang in Folge. Ermer spricht vom „Bundestrend“, dem sich Sachsen nicht entziehen könne. Laut Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) gibt der Freistaat sogar mit die Richtung vor. Demnach lag dort der Negativsaldo zwischen Zu- und Abgängen 2015 bei 1,6 Prozent. Nur in Sachsen-Anhalt war der Aderlass mit 2,3 Prozent größer.

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Das liberalisierte Handwerksrecht hatte ab 2004 zum rasanten Anstieg der Betriebszahlen geführt. Seitdem sind 53 Berufe zulassungsfrei – darunter Uhrmacher, Goldschmiede, Böttcher, Kirschner, Brauer, Textilreiniger, Fliesen-, Estrich- und Parkettleger, Gebäudereiniger und Raumausstatter. Folge: Bis 2013 stieg die Anzahl der Betriebe um fast 20 Prozent. Seitdem geht es jährlich bergab – langsam, aber stetig.

Handwerkspräsident Ermer nennt mehrere Gründe: Wegen guter Binnenkonjunktur wage sich kaum noch jemand in die Selbstständigkeit und bleibe lieber risikoarm angestellt. Auch würden Soloselbstständige wieder vom Markt verschwinden oder in anderen Firmen aufgehen. Mancher Betrieb sei Kostendruck und Strukturwandel, etwa durch Digitalisierung, nicht gewachsen. Und schließlich gebe es staatlichen Gegenwind. Durch die Befreiung großer Betriebe, etwa Bäckereien, von der Umlage für erneuerbare Energien werde das Handwerk benachteiligt. Kommunale Firmen seien nicht nur in der Reinigung unerwünschte Konkurrenz. „Wir wollen Waffengleichheit“, fordert Ermer. Das Handwerk spalte sich in Kleinstbetriebe mit bis zu drei Leuten und Großunternehmen mit 50 und mehr Beschäftigten. Die einst typischen Meisterbetriebe mit acht bis zehn Fachkräften und ein, zwei Lehrlingen gerieten zunehmend unter Druck.

Dabei sieht sich die selbst ernannte „Wirtschaftsmacht von nebenan“ in bester Konjunkturlaune. Dem Handwerk gehe es „flächendeckend gut bis sehr gut“, kommentiert Dietmar Mothes, Ermers Stellvertreter und Präsident der Handwerkskammer Chemnitz, die Frühjahrsumfragen. 90 Prozent der Betriebe seien mit ihrer Lage zufrieden. Bau- und Kfz-Gewerbe seien die Motoren der Entwicklung, sagt der Handwerkstagsvize. Angesichts des Neubau- und Modernisierungsbooms kämen Baufirmen und Klempner kaum hinterher.

„Allerdings“, so Mothes, „fehlt uns das Personal“. So gebe es in Sachsens Handwerk mehr als 1 000 freie Lehrstellen. Mangels Alternativen bilde sein Chemnitzer Straßen- und Tiefbaubetrieb mit 70 Beschäftigten je zwei Spanier und Vietnamesen aus, die in ihren Leistungen mindestens genauso gut seien wie der deutsche Nachwuchs. Mothes ist guter Hoffnung, dass die Ausländer bleiben – angesichts der Jugendarbeitslosigkeit von fast 50 Prozent daheim. Auch Asylbewerber hätten Potenzial, zumal sie aus Ländern kämen, in denen Handwerk etwas zähle. Jedoch müssten sie erst zwei Jahre auf die Schulbank, ehe an Berufsorientierung zu denken sei. Allerdings kommen Ermer und Mothes mit Blick auf das hiesige Bildungssystem ins Grübeln. Wegen des Ansturms auf die Gymnasien müssten Mittel- und Oberschulen als Kaderschmieden des Handwerks dringend gestärkt werden, fordern sie.

Die Qualität hiesiger Schulabgänger lasse immer mehr zu wünschen übrig, moniert Sachsens Handwerksspitze. Bäcker Ermer, auch Landesobermeister des Innungsverbandes, hat in Sachen Ausbildung mittlerweile resigniert. „Die Absolventen beherrschen nach der 10. Klasse nicht mal die Prozentrechnung“, schimpft er. „Ich tue mir das nicht mehr an“, sagt er – und habe dieses Jahr in seiner Bäckerei mit 29 Mitarbeitern keinen Lehrling eingestellt.

„Die Betriebszahlen werden wohl weiter zurückgehen“, prophezeit der Handwerkspräsident. In den nächsten 15 Jahren könnte allein die Hälfte aller Bäcker verschwinden, mutmaßt er für sein Metier. Wie dramatisch so ein Niedergang sein kann, zeige das Beispiel der Schuster. Derer habe es in Sachsen nach der Wende 537 gegeben, heute noch 115. Kaum noch jemand lasse Schuhe reparieren. Nur Orthopädie-Spezialisten hätten ihr Auskommen, sagt Ermer. Was kaputt sei, werde weggeworfen – „und den Rest macht Mister Minit“.

  • Wirtschaftsmacht schwindet
  • Im deutschen Handwerk sind noch gut eine Million Betriebe eingetragen, über 3 000 weniger als Ende 2014.
  • In Sachsen sind knapp 58 000 Unternehmen registriert – gut jeder fünfte davon im zulassungsfreien Handwerk. Im Wendejahr 1989 waren es 31 500.
  • Damit sitzt ein Drittel aller ostdeutschen Handwerksbetriebe in Sachsen.
  • Auf 1 000 Einwohner kommen 14,3 Betriebe, bundesweit sind es nur 12,2.
  • Nach früheren Erhebungen haben nur Brandenburg und Bayern eine noch etwas höhere Betriebsdichte
  • .Die Branche beschäftigt im Freistaat rund 320 000 Menschen. (SZ/mr)