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... und es kommt keine Hilfe

Bosnien wird Schauplatz einer humanitären Katastrophe – und niemand fühlt sich zuständig. Tausende Migranten werden sich selbst und dem Mitleid der Bevölkerung überlassen.

© action press/Nur Photo

Thomas Roser, SZ-Korrespondent, zZt. Velika Kladusa

Die nächtliche Regenflut hat nichts verschont. Schweigsam bergen übermüdete Lagerbewohner klatschnasse Decken, mit Schlamm überzogene Kleidungsstücke und verdorbene Lebensmittel aus Pfützen und Zeltruinen. Auf der aufgeweichten Flusswiese im Nordosten der bosnischen Grenzstadt Velika Kladusa hämmern schwitzende Männer Lattenverschläge, um sich und ihre kargen Habseligkeiten mit darüber gezogenen Plastikplanen gegen die nächsten Niederschläge zu wappnen.

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In der Nacht geht es in kleinen Gruppen an die Grenze nach Kroatien. Die aber ist inzwischen gut gesichert – wer erwischt wird, landet schnell wieder im Lager auf bosnischer Seite.
In der Nacht geht es in kleinen Gruppen an die Grenze nach Kroatien. Die aber ist inzwischen gut gesichert – wer erwischt wird, landet schnell wieder im Lager auf bosnischer Seite. © dpa PA/NurPhoto
Dort haben es die Kinder unter den etwa 500 Flüchtlingen besonders schwer.
Dort haben es die Kinder unter den etwa 500 Flüchtlingen besonders schwer. © action press

Sein Zelt habe in der Nacht „unter Wasser“ gestanden, „alles ist nass, kaum mehr zu gebrauchen“, berichtet der 24-jährige Omar aus dem südmarokkanischen Guelmim. Im überschwemmten Nachbarzelt habe das viermonatige Kleinkind eines Landmanns übernachtet. Anwohner und freiwillige Helfer würden das provisorische Camp zwar einmal am Tag mit Essen versorgen: „Aber es ist hier nichts organisiert. Bosnien ist ein armes Land. Hier gibt es nichts – und funktioniert nichts. Es ist einfach ein Chaos.“

Seit über einem Jahr ist der schlaksige Student auf einem weiten Umweg über den Balkan in Richtung seines Wunschziels Spanien unterwegs. „Viele Grenzen, viele Probleme“ berichtet er in einfachem Englisch. Erst flog er als Tourist in die Türkei, von dort gelangte er „meist zu Fuß“ über Griechenland, Albanien und Montenegro in das improvisierte Behelfslager.

Erst am Vortag habe er erneut versucht, in das nahe Kroatien zu gelangen, berichtet der Marokkaner mit einem resignierten Achselzucken.: „Aber es ist einfach zu viel Polizei an der Grenze. Wenn die Kroaten dich erwischen, schlagen sie dich, nehmen dir das Geld ab, zerbrechen die SIM-Karte des Telefons – und bringen dich wieder nach Bosnien zurück.“

Der Nordwestzipfel des Vielvölkerstaats ist für Transitmigranten zur neuen Sackgasse auf der sich ständig ändernden Balkanroute geworden. Insgesamt sollen seit Jahresbeginn über 8 100 eingereiste Flüchtlinge in Bosnien und Herzegowina registriert worden sein. Gut die Hälfte von diesen ist im grenznahen Kanton Una-Sana gestrandet. Allein in dessen Hauptstadt Bihac wird deren Zahl auf knapp 3 000 geschätzt. In Bosniens am weitesten im Westen gelegener Kommune Velika Kladusa sind es rund 500 Flüchtlinge, die in dem provisorischen Lager auf der überschwemmten Uferwiese auf bessere Zeiten – und auf die Überwindung von Sloweniens nur 70 Kilometer entfernter Schengengrenze hoffen.

Nein, froh sei niemand über die unerwünschten Grenzgänger, berichtet an der Ausfallstraße nach Bihac eine blonde Mittfünfzigerin: „Es gibt unter den Flüchtlingen wunderbare Menschen, aber auch problematische Leute – und Spannungen.“ Viele Anwohner würden den Lagerbewohnern Essen und Kleidung bringen: „Wir Bosnier haben im Krieg selbst erfahren, was es bedeutet, das eigene Heim verlassen – und fliehen – zu müssen.“

Doch viele seien durch Berichte über sich mehrende Einbrüche und den Tod eines im Juni von einem Afghanen erstochenen Marokkaners beunruhigt: „Es sind einfach sehr viele Menschen – und werden immer mehr. Sie kommen zu uns, weil wir am nächsten an der Grenze liegen.“

„Einfach Pech“ habe er gehabt, seufzt der Pakistani Sajjad, während er mit dem Ausheben eines kleinen Wassergrabens sein Zelt für das nächste Unwetter zu sichern sucht. Als er vor drei Monaten nach Velika Kladusa gekommen sei, habe er nur zwei Dutzend Schicksalsgenossen angetroffen: „Die Route war noch unbekannt, fast alle kamen durch.“ Doch kurz vor Sloweniens Grenze habe er sich damals in Kroatien einen Knöchelbruch zugezogen: „Ich wurde nach Bosnien abgeschoben – und lag zwei Monate in Gips.“

Inzwischen sei sein Fuß zwar wieder belastungsfähig, doch gebe es an der Grenze kaum mehr ein Durchkommen, erzählt der 25-jährige IT-Techniker. Fünf Mal sei er bereits von kroatischen Grenzern aufgegriffen, geschlagen und abgeschoben worden. Einmal habe er es zwar selbst nach Slowenien geschafft: „Aber auch die Slowenen bringen dich seit einigen Wochen nicht mehr ins Lager, sondern schieben dich sofort zurück über die Grenze ab.“

Kopfschüttelnd weist ein als Beobachter entsandter UN-Mitarbeiter auf die Dixi-Kabinen auf der Uferwiese. „Absolut unzumutbar und unhygienisch“ seien vier Toiletten und zwei Duschverschläge für 500 Menschen, sagt der Mann, der seinen Namen lieber nicht nennen mag. Es gebe für die Bewohner des Lagers weder vom Staat noch von der UN oder EU irgendeine Hilfe oder ein Konzept.

Ab September werde die bei Regen regelmäßig überflutete Wiese völlig unter Wasser stehen: „Es ist eine Katastrophe. Wir behandeln die Leute wie Tiere, überlassen sie einfach sich selbst.“ Viele der Lagerbewohner hätten zwar „nirgendwo Aussicht auf Asyl“: „Aber es handelt sich auch bei ihnen um Menschen – mit Anspruch auf ein Mindestmaß an menschenwürdiger Behandlung.“

An ein „neues Idomeni“ fühlt sich die slowenische Zeitung Delo bereits erinnert. Doch im Gegensatz zu der griechischen Landgemeinde an der mazedonischen Grenze, wo nach der Abriegelung der Balkanroute 2016 zeitweise bis zu 14 000 verhinderte Grenzgänger monatelang in einem improvisierten Camp unter freiem Himmel biwakierten, ist von den großen Hilfsorganisationen in Velika Kladusa nichts zu sehen. Zur Hilfe sind die EU und UN im Grenzgebiet zu Kroatien nicht bereit und Bosniens dysfunktionaler Staat kaum fähig: Tausende von Gestrandeten sind in Bihac und Velika Kladusa weitgehend sich selbst überlassen – und auf die Hilfe der Bevölkerung und kleiner lokaler Initiativen angewiesen.

Trocken, aber leer sind die 50 weißen Großzelte vor den ausgebeinten Hallen des einstigen Agrarkombinats „Agrokomerc“ neben der Go-Cart-Bahn im tristen Industriegebiet von Velika Kladusa. Die Zentralregierung in Sarajevo hat das provisorische Flüchtlingslager errichten lassen. Widerstände gegen die Inbetriebnahme der Zeltgeisterstadt regen sich jedoch nicht nur bei der Stadtverwaltung, sondern wegen der Nähe zur EU-Außengrenze auch in Brüssel und im nahen Kroatien sowie bei den UN-Hilfsorganisationen.

Im benachbarten Serbien seien mit EU-Hilfe während der Flüchtlingskrise von 2015/2016 auch Auffangzentren in unmittelbarer Nähe der kroatischen Grenze eröffnet worden, die teilweise noch heute operierten, erregt sich Bosniens Sicherheitsminister Dragan Mektic. Die EU würde jedoch „nichts tun“, um seinem Land zu helfen – und so die „Migrantenkrise“ in ihrem Vorhof „noch verschlimmern“: „Ich bin absolut unzufrieden und verbittert über das Verhalten der EU gegenüber Bosnien und Herzegowina.“

Tatsächlich schert das Schicksal der unerwünschten Grenzgänger an der EU-Außengrenze im sich abschottenden Europa niemanden mehr. Die Kantonverwaltung wirft auch Bosniens Regierung weitgehende Tatenlosigkeit vor: Ohne irgendwelche finanziellen Hilfen des Zentralstaats werde das Migrantenproblem einfach den betroffenen Kommunen und dem Kanton aufgebürdet. Im Kompetenzgerangel und dem Weiterschieben des schwarzen Peters bleiben in Bosniens verschachteltem Staatslabyrinth nicht nur das Wohl der gestrandeten Flüchtlinge, sondern auch die Interessen der Anwohner auf der Strecke.

In einem offenen Brief an Bosniens Regierung, die EU und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR warnen lokale Hilfsorganisationen wie „SOS Velika Kladusa“ oder „Souls of Sarajevo“ vor einer humanitären Katastrophe. Der bosnische Staat sei keineswegs so arm, um einigen Tausend Menschen nicht helfen zu können. Doch die Verantwortung dafür bürde der Staat „seinen verarmten und ausgelaugten Bürgern“ auf. Die UN-Hilfsorganisationen würden sich gleichzeitig jeglicher Verantwortung entziehen, obwohl sie ihr Mandat eigentlich zur Hilfe verpflichte.

Der tatenlosen EU komme die Lage angesichts ihrer Politik der Abschreckung zupass: „Die Weigerung, irgendwelche Verantwortung zu übernehmen, hat dazu geführt, dass Tausende Menschen unter freiem Himmel oder in verfallenen, gesundheitsgefährdenden und dafür völlig ungeeigneten Gebäuden übernachten.“

Gemeinsam mit einer Handvoll Mitstreiter ist die Österreicherin Romana Olijnyk als freiwillige Helferin mit einem Kleintransporter voller Hilfsgüter auf eigene Faust nach Velika Kladusa gereist. Es mangle an Essen und Medikamenten, zudem würden viele „von der Polizei verprügelt und mit Verletzungen“ von der Grenze zurückkehren: „Es herrscht das Chaos. Es fehlt an Schuhen, Decken, Zelten und Schlafsäcken. Alles wird mit privaten Spenden der Anwohner finanziert. Aber das reicht vorne und hinten nicht.“ Der Herbst stehe bald bevor – und noch mehr Regen: „Es ist erschreckend. Und es kommt keine Hilfe.“

Flüchtlingsleid im Flüchtlingsland: An den Folgen des Bosnienkriegs (1992-1995) haben die geplagten Bewohner des Vielvölkerstaats noch immer zu knabbern. Dennoch hat der Pakistani Sajjad an den selbst gezimmerten Flaggenmast neben seinem Zelt die Fahne seines unfreiwilligen Gastlands gehisst. Überall habe er auf seiner 15-monatigen Odyssee von Peschawar in Richtung Frankreich „nur Schwierigkeiten“ gehabt, berichtet der 25-jährige. Doch in Velika Kladusa sei nicht nur die lokale Bevölkerung, sondern auch die Polizei „freundlich und hilfsbereit“: „So schlecht die Lage hier ist: Wir lieben die Bosnier.“