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Und ewig kreist die Sachsenkeule

© dpa

Viele Medien stürzen sich bei ihrer Suche nach Ausländerhass mit Vorliebe auf den Freistaat. Das hat bedenkliche Folgen.

Von Oliver Reinhard

Soll der Freistaat nun den „Säxit“ unternehmen und aus der Bundesrepublik treten? So überlegt es jedenfalls die Wochenzeitung Die Zeit in ihrer aktuellen Ausgabe.

Vor dem Hintergrund der in Sachsen grassierenden Proteste gegen „Flüchtlingsflut“ und Asylbewerberheime sowie diverser Angriffe auf Menschen und Einrichtungen heißt es dort etwa: „… wenn die vielen Anständigen die relativ wenigen Herzlosen – die das Bild dominieren – nicht einzuhegen vermögen: Dann sollen die Sachsen halt ihr eigenes Land aufmachen.“

Ebenfalls gestern erschien in der Frankfurter Allgemeinen ein Text zum Thema. Auch darin geht es um die hiesige Minderheit radikaler Ausländerfeinde. Doch fügt der Autor die einordnende Klarstellung bei: „Die Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen ist auch in Sachsen groß.“ Überhaupt sei es „Unsinn“, dass „der Sachse ausländerfeindlicher sei als der Rest der Republik“.

Doch, beide Texte behandeln dasselbe Bundesland. Es ist auch nicht so, dass der eine recht hätte und der andere unrecht. Sie betrachten dasselbe hochkomplexe Phänomen, sie nehmen dabei lediglich eine andere Gewichtung und letztlich Wertung vor.

Das Erscheinen dieser Artikel am selben Tag ist Zufall, ihr Thema nicht. Seit Wochen schaut die Presse, geht es um die Flüchtlingsproblematik, mit Vorliebe auf Sachsen, deutsche Medien ebenso wie Kollegen aus anderen Ländern Europas und der Welt. Die meisten konzentrieren sich dabei auf das Negative, auf Anti-Heim-Demos, auf Anschläge, auf Stimmungsmache gegen Flüchtlinge. Wer sich für relevant hält oder es auch ist, schickt gefälligst einen oder mehrere Korrespondenten in den Freistaat, um die Lage zu erkunden.

Ja, dabei entstehen viele ausgewogene und faire Artikel. Aber es stürzen sich wesentlich mehr Autoren allein auf das Hässliche, ob sie das nun wirklich vorfinden oder nur vom Hörensagen erfahren, aus dem Internet oder von Kollegen. „Ruhm“ und Aufmerksamkeit sind der Lohn. Das lässt sich im Netz stündlich beobachten: Negative bis skandalisierende Texte über „Sachsen und die Flüchtlinge“ werden massiv geklickt und weitergereicht, ausgewogenere interessieren nur eine Minderheit oder gar nicht; mit so etwas lässt sich momentan keine Quote machen. Deshalb ist es in der Medienlandschaft mal wieder schwer angesagt, den Mainstream zu bedienen, indem man die Sachsenkeule kreisen lässt.

Der Freistaat-Fokus selbst ist indes kein neues Phänomen. Seit der Wende wird über kein anderes ostdeutsches Land ähnlich intensiv berichtet. Vor allem über dessen „Wirtschaftswunder“ und tugendhafte Sparsamkeit, über die Schönheiten wie Sächsische Schweiz, Elbhänge, Dresden, Frauenkirche und das hippe Leipzig. Aber auch, und damit mischten sich schon seit den Neunzigern dunklere Farben in die Berichte, über Nazi-Aufmärsche zum 13. Februar in der Landeshauptstadt, Sachsen-Sumpf, Waldschlößchenbrückenstreit, um nur einiges zu nennen. Seit dem Aufkommen von Pegida dominieren im Gros der Berichte endgültig die düsteren Töne.

Diese Töne werden dem Freistaat keineswegs nur in den Volksmund gelegt. Seit Jahren kommt es in keinem anderen Bundesland zu mehr Gewalttaten gegen Ausländer. Seit Anfang 2015 fand von den gut 200 bundesweiten Attacken auf Asylbewerberunterkünfte jede fünfte in Sachsen statt – obwohl hier nur ein Zwanzigstel der Deutschen lebt. Und nirgends sonst hat Pegida auch nur annähernd so viel Zulauf.

Das alles kann und darf man nicht abstreiten. Doch jenes – man muss es so sagen – äußerst wohlfeile Sachsenkeulenschwingen vieler Medien rückt das Bild der Öffentlichkeit in eine absurde Schieflage. Denn es nährt den Eindruck, solche Auswüchse gäbe es in größerem Maße nur hier. So lässt sich von Nicht-Sachsen mit medialer Hilfe prima vergessen oder kleinreden, dass wir es mit einer deutschlandweiten Entwicklung zu tun haben. Dass Rassismus, Fremdenhass und Gewalt gegen Ausländer überall traurige Realität sind. Dass Ausländerfeindlichkeit etwa in Bayern wesentlich verbreiteter ist als hier. Dass in Schleswig-Holstein ebenso wie in Sachsen jeder Vierte ausländerfeindlich ist und in Niedersachsen, Hessen, Berlin mehr als jeder Fünfte. Dass überall Heime angegriffen, Flüchtlinge diskriminiert werden. Was die besorgniserregenden sächsischen Verhältnisse freilich nicht relativiert.

Die Auswüchse eines solchen Medienverhaltens sind nicht nur fatal, weil sie alle Bemühungen um Fairness, Ausgewogenheit und Versachlichung der Debatte torpedieren. Sie tragen überdies zu deren weiterer Emotionalisierung bei, die ohnehin längst obszöne Maße angenommen hat. Werden deutsche Mädchen etwa von Marokkanern angesprochen, empören sich einschlägige Gesinnungsgenossen gleich über dieses „Vergewaltiger-Dreckspack“. Heißt ein Busfahrer eine Flüchtlingsgruppe willkommen, wird das sogleich zur Breaking News, die den heute-journal-Moderator Claus Kleber vor Rührung schier aus der Fassung bringt und unzählige Zuschauer vor Ergriffenheit dahinschmelzen lässt.

Das Resultat dieser ineinander verschränkten Entwicklung lässt sich ebenfalls massenhaft im Internet beobachten: Das Ossi-Bashing vieler Deutscher im Allgemeinen und das Sachsen-Dissen im Besonderen haben in letzter Zeit augenscheinlich Dimensionen angenommen wie seit den frühen Neunzigern nicht mehr. Jene Medien, die die Sachsenkeule im öffentlichkeitssüchtigen Übermaß schwingen, müssen sich darüber klar sein, dass sie dieses Phänomen mit hervorrufen und es obendrein stetig nähren. Verantwortung sieht anders aus.