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Unerwarteter Schuldspruch

Zwei Großenhainer werden trotz dünner Beweislage wegen Drogendelikten zu Freiheitsstrafen verurteilt.

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© Matthias Hiekel/dpa

Von Manfred Müller

Großenhain. Die Verteidiger hatten auf Freispruch plädiert – dennoch standen am Ende der Verhandlung zwei Freiheitsstrafen zu Buche. Eine 24-jährige Großenhainerin bekam ein Jahr und sechs Monate auf Bewährung; ihr 43 Jahre alter Bekannter soll für ein Jahr und vier Monate ins Gefängnis. Beiden war vorm Riesaer Amtsgericht vorgeworfen worden, mehrfach Drogen an eine Minderjährige abgegeben zu haben. Da die Staatsanwaltschaft keine Sachbeweise beibringen konnte, stützte sich die Anklage ausschließlich auf Zeugenaussagen. Diese aber fielen keineswegs so eindeutig und überzeugend aus, dass man die Entscheidung des Gerichts vorausahnen konnte.

Was war in Großenhain passiert? Die beiden Angeklagten hatten sich offenbar in der einschlägig bekannten PR-Bar mit Crystal versorgt, es zum Teil selbst konsumiert, aber auch in kleineren Portionen weiterverkauft. So zumindest stellte es eine Zeugin dar, die gelegentlich auf die Tochter der Angeklagten aufpasste und sich auch sonst ziemlich oft in deren Wohnung aufhielt. Sie war damals noch keine 18 Jahre alt und will sowohl von der Frau als auch von dem Mann in mehreren Fällen Crystal bekommen haben – meist ohne finanzielle Gegenleistung.

Die beiden Angeklagten schweigen dazu – sie machen von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, was vom Gericht nicht gegen sie ausgelegt werden kann. Allerdings hat die junge Frau mit ihrer Rechtsanwältin eine Erklärung eingereicht, in der sie die Glaubwürdigkeit der Zeugin in Zweifel zieht. Diese habe schon öfter unwahre Behauptungen aufgestellt – sei es, um sich wichtig zu machen oder um sich an anderen zu rächen. In diesem Falle sei wohl ein misslungenes Tattoo, das die Angeklagte ihr gestochen habe, der Grund für die Anschuldigungen. Um diesem Vorwurf zu begegnen, hat Staatsanwalt Peter Lässig eine lange Liste mit weiteren Zeugen aufgestellt.

Darunter den Barbetreiber und zwei seiner Bardamen, alle drei bereits wegen Drogenhandels verurteilt. Aber sie können oder wollen nichts zur Aufklärung beitragen. Immerhin identifiziert der Barbetreiber den Angeklagten als Stammgast in der PR-Bar. Aber der sei nur wegen der Spielautomaten gekommen und habe sich hin und wieder Geld geliehen. Tatsächlich ist diese eine bekannte Figur in der Großenhainer Drogenszene. Fast jeder Crystal-Junkie kennt den schmächtigen Mann kosovo-albanischer Herkunft. So auch eine andere Zeugin , die eine Zeit lang zur Szene gehörte. Sie bestätigt auch, dass die beiden Angeklagten hin und wieder eine „Line“ spendierten.

Ob allerdings die minderjährige Zeugin zu den Empfängern gehörte, kann die Großenhainerin nicht mit Sicherheit sagen. Am Ende bleiben viele Fragen, sodass man eigentlich erwartet hätte, das Gericht werde den Anträgen auf Freispruch für beide Angeklagten folgen. Aber Richter Alexander Keller sieht das anders und nimmt sich deshalb für die Urteilsbegründung viel Zeit. Sicher seien einige Detailaussagen der Hauptbelastungszeugin in Zweifel zu ziehen.

Aber im Kern erschienen ihre Darstellungen doch glaubhaft. Einiges werde darüber hinaus durch die Auskünfte der zweiten Zeugin gestützt. Weil sie zum Zeitpunkt der Taten noch sehr jung war und eine recht günstige Sozialprognose bekommt, wird die Angeklagte nur zu besagter Bewährungsstrafe verurteilt. Ihr Bekannter hingegen, der schon etliche Delikte auf dem Kerbholz hat, soll seine Haftstrafe verbüßen.

Ob er allerdings wirklich Anstaltskleidung anziehen muss, bleibt nach dem Urteil fraglich. Denn sein Verteidiger gibt sich ausgesprochen kämpferisch. Ob er gegen das Urteil Berufung einlegen wird? „Allein schon die Frage ist strafbar“, sagt Rechtsanwalt Jörg Dänzer.