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Unfall durch den großen Unbekannten?

Ein Lkw-Fahrer beschädigt die Rampe eines Supermarkts. Er will es nicht gewesen sein, obwohl er der einzige Anlieferer in dieser Nacht war.

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© Symbolfoto/SZ

Von Jürgen Müller

Meißen. Es ist kurz nach drei an jenem Dienstagsmorgen in der Woche vor Ostern, als der Fahrer eines Lkws wie so oft einen Discounter in Meißen mit Waren beliefert. Zu dieser Zeit ist niemand außer ihm auf dem Grundstück. Er hat einen Schlüssel, um das Rolltor zu öffnen, an die Rampe zu fahren und abzuladen. Doch dabei geht etwas schief. Beim Rückwärtsfahren mit heruntergelassener Laderampe soll er das Rolltor und die Mauer beschädigt haben. Es entstand ein Schaden von 1 500 Euro. Statt den Schaden zu melden, soll er abgehauen sein.

Der 41-Jährige streitet ab, gegen die Rampe gefahren zu sein. Zwar sei die Rückfahrkamera seines Lkws defekt gewesen, gerade deshalb aber sei er ausgestiegen und habe nachgeschaut, wie viel Platz noch sei. Dann sei er ganz vorsichtig an die Rampe herangefahren. Ihm sei aufgefallen, dass an dem Rolltor Beton herausgebrochen war. „Ich habe mir keine Gedanken gemacht, es gibt viele Märkte, wo das so aussieht“, sagt er. Erst am Nachmittag des gleichen Tages habe er einen Anruf von seinem Stützpunktleiter erhalten. Der habe ihm mitgeteilt, dass er einen Schaden verursacht habe und abgehauen sei.

Keine Spuren mehr am Lkw

Am nächsten Tag hat der Mann die gleiche Tour. Als er im Markt eintrifft, diesmal am Tage, ruft die Marktleiterin die Polizei. Die untersucht einen Tag nach dem Vorfall den Lkw, findet aber keine Spuren, die auf einen derartigen Unfall hindeuten. Auch das Rolltor hat der Markt inzwischen von Handwerkern reparieren lassen. Der Angeklagte bleibt dabei: Er sei es nicht gewesen. Immerhin geht es für ihn um einiges. Auf unerlaubtes Verlassen des Unfallorts steht im Regelfall nicht nur eine saftige Geldstrafe, sondern auch eine Führerscheinsperre. Das könnte den Berufskraftfahrer im schlimmsten Fall den Job kosten.

Es gäbe ja noch andere Anlieferer, sagt der Mann, so einen Bäcker und einen Fleischer. Stimmt, sagt die Marktleiterin, aber die liefern nicht nachts an. Zudem können sie nicht auf den Hof fahren, weil sie keinen Schlüssel besitzen. Der Angeklagte mit seinem Lkw war der einzige Anlieferer in dieser Nacht. Andere Lieferanten können es also nicht gewesen sein.

Nun, es könne ja auch ebenso gut irgendein anderer Lkw in der Nacht gegen das Rolltor geprallt sein, argumentiert der Verteidiger. Der große Unbekannte sozusagen. Doch der Schaden ist zweifelsfrei durch eine offene Laderampe eines Lkws verursacht worden. Es ergibt überhaupt keinen Sinn, warum irgendein anderer Lkw mit offener Rampe nachts gegen das Tor fahren sollte, zumal dort gar kein Durchgangsverkehr möglich ist. Wer dort reinfährt, kann nur auf den Hof des Discounters und wieder zurück.

Gutachten oder Einstellung

Richter Michael Falk deutet an, eventuell ein Gutachten anfertigen zu lassen und den Lkw nochmals auf Unfallspuren zu untersuchen. „Ob wir danach schlauer sind, bezweifle ich aber“, sagt er. „Vieles spricht dafür, dass sich die Tat so abgespielt hat, wie es in der Anklageschrift steht. Doch sicher nachwiesen können wir das nicht“, deutet Staatsanwalt Dieter Kiecke das Dilemma an.

So reicht es weder für eine Verurteilung noch für einen Freispruch. Dem Gericht bleibt nur die Möglichkeit, weiter zu verhandeln, weitere Zeugen zu hören und ein teures Gurtachten anzufertigen oder das Verfahren einzustellen. Es entscheidet sich für die zweite Variante. Glück für den Angeklagten.