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Unfallgrund bleibt unbekannt

Ein Mann wird verurteilt, weil er mit seinem Pkw in Olbersdorf ein Mädchen umgefahren hatte. Sie kämpfte lange um ihr Leben.

© Peter Steffen/dpa

Von Mario Sefrin

Olbersdorf. Dieser Unfall hat für Aufsehen gesorgt. Am Nachmittag des 18. Februar 2016 hatte ein Pkw auf dem Fußweg an der Julius-Ringehan-Straße in Olbersdorf ein damals 17-jähriges Mädchen aus Olbersdorf angefahren. Das Mädchen war dabei zuerst gegen die Frontscheibe des Unfallfahrzeugs, ein Ford Focus, geschleudert worden und danach mit dem Kopf auf der Straße aufgeschlagen. Sofortigen Unfallmeldungen an die Rettungsleitstelle ist es zu verdanken, dass das Mädchen schnell ins Görlitzer Klinikum gebracht werden konnte, wo es umgehend operiert wurde. Mehrere Wochen hatte das Mädchen danach um sein Leben gekämpft, kaum jemand hatte gedacht, dass das Mädchen es schafft. Noch heute hat die mittlerweile 19-Jährige mit diversen Folgen dieses Unfalls zu kämpfen.

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Am Donnerstag musste sich der Fahrer des Ford, der heute 44-jährige Falk N.*, wegen fahrlässiger Körperverletzung vor dem Zittauer Amtsgericht verantworten. Und wie in der Verhandlung deutlich wurde, hatte der Unfall nicht nur in der Öffentlichkeit für Aufsehen gesorgt, sondern auch bei den verantwortlichen Ermittlern der Polizei, dem Sachverständigen, der Staatsanwältin und dem Richter. „Das ist ein wirklich merkwürdiger Unfall. So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Richter Holger Maaß, der die Verhandlung gegen den zum Unfallzeitpunkt in Olbersdorf wohnenden Angeklagten führte. Denn der Unfallhergang irritierte die Experten gehörig. N. war mit seinem Ford vom unteren Olbersdorfer Kreisverkehr auf der Julius-Ringehan-Straße in Richtung oberer Kreisverkehr unterwegs, als er nach etwa 50 Metern im 45-Grad-Winkel nach links in Richtung Fußweg fuhr.

Dass Richter Maaß genaue Angaben vorlagen, hatte er auch seinem Kollegen Kai Ronsdorf zu verdanken. Dieser, Strafrichter am Amtsgericht, war an besagtem Tag auf dem Heimweg und hinter dem Unfallfahrzeug gefahren. Den weiteren Hergang beschreibt er so: „Der Ford fuhr über den hohen Bordstein auf den Fußweg. Doch anstatt weiter geradeaus in die Hecken am Rand zu fahren, wie ich dachte, lenkte der Pkw plötzlich nach rechts und fuhr auf dem Fußweg weiter.“ Kurz darauf habe er eine Person weiter oben auf dem Fußweg gesehen, so Ronsdorf, dann sei schon der Unfall geschehen. Der Ford aber fuhr weiter. „Da ich mir das Kennzeichen des Fahrzeugs nicht gemerkt hatte, mich aber um das Unfallopfer kümmern wollte, habe ich einen anderen Autofahrer aufgefordert, dem Ford zu folgen“, sagte Ronsdorf. Weit kam der Ford aber nicht mehr, an der Einfahrt zur Rosa-Luxemburg-Straße blieb er stehen und der Fahrer stieg aus. Bis dahin war der Pkw rund 80 Meter auf dem Fußweg gefahren – ohne zu bremsen oder die Richtung zu ändern, so Ronsdorf. Andere Zeugen bestätigten das. Falk N., der im Gerichtssaal das Unfallopfer und dessen Eltern um Entschuldigung bat, kann sich bis heute nicht an das Geschehen erinnern. Wohl auch darum umfasst die Unfallakte über 1000 Seiten. Selbst die Mordkommission kam zum Einsatz, weil aufgrund fehlender Hinweise zur Ursache ein Vorsatz vermutet wurde, wie Richter Maaß erklärte. Doch Opfer und Angeklagter kannten sich nicht. Auch Drogen oder Alkohol waren nicht im Spiel. Sicher ist nur: Das Auto hatte laut Sachverständigen keine „unfallursächlichen Mängel“.

In seinem Urteil folgte Richter Maaß dem Antrag der Staatsanwältin und verhängte für Falk N. eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung. Außerdem muss N. 2000 Euro an zwei Opferhilfeorganisationen zahlen. Die Verteidigung hatte dagegen nur eine Geldstrafe gefordert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Schadenersatz an das Mädchen muss N. nicht zahlen – das hat seine Versicherung getan. Wenn auch aus Sicht des Opfers zu wenig.

* Name geändert