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Ungeduscht aus dem Stadion verschwunden

Matthias Döschner spielte für Dynamo, später führte er den VfL Pirna-Copitz als Trainer in die Landesliga. 60 ist er mittlerweile und hat viel zu erzählen.

© ADN-ZB/Häßler

Von Jürgen Schwarz

Pirna. Was macht eigentlich Matthias („Atze“) Döschner? Diese Frage stellt sich der eine oder andere Fußballfan. Der 60-Jährige, in Dohna geboren, zählte viele Jahre zu den Leistungsträgern bei Dynamo Dresden, bestritt 263 Oberligapartien für die Schwarz-Gelben. Für die Nationalmannschaft der DDR absolvierte der Linksfuß 40 Länderspiele. Als Trainer führte er den VfL Pirna-Copitz 1997 in die Landesliga. Auch sein Sohn Marcus (38) spielte für die Copitzer, war zudem für den Heidenauer SV sowie Stahl Freital und den SV Bannewitz am Ball.

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Ex-Auswahlkollege Jürgen Raab trifft der 60-Jährige hin und wieder bei Oldie-Turnieren.
Ex-Auswahlkollege Jürgen Raab trifft der 60-Jährige hin und wieder bei Oldie-Turnieren. © privat

Döschner lebt heute in zweiter Ehe in Marsberg im Hochsauerlandkreis (Ostwestfalen). „Knapp 20 Jahre sind wir hier schon zu Hause.“ Seine beiden Kinder leben in Dresden, „insgesamt habe ich schon sechs Enkel“, verrät er mit seinem immer noch spitzbübischen Lächeln. „Ich habe eine eigene Handelsvertretung und verkaufe Produkte für die Schadstoffsanierung, Asbestsanierung, Entkernung, Abbruch und Containerdienst. Es gibt sehr viel zu tun, da kann ich im Fußball nicht mehr die ganz großen Sprünge machen.“ Trotz der knapp bemessenen Freizeit ist er regelmäßig auf dem Fußballplatz anzutreffen. „Ich trainiere die SG Hoppecketal/Padberg, die in der A-Klasse im Hochsauerlandkreis Ost ihre Spiele bestreitet. Ich gehe jetzt mit den Jungs in die dritte Saison.“

Die große Entfernung zur Familie ist für „Atze“ Döschner schon ein Problem. Immerhin liegen rund 430 Kilometer zwischen Heidenau, wo er bis Mitte der 90er-Jahre in einem Eigenheim gelebt hat, und Marsberg. Seine Eltern, beide über 80, wohnen in Kamenz und in der Nähe von Großenhain. „Natürlich kommen Mutti und Vati, die Kinder und Enkelkinder, meine Schwester und auch meine Freunde in Dresden viel zu kurz. Bloß gut, dass wir jetzt WhatsApp haben“, sagt er. Einen festen Termin gibt es aber: „Ich richte es mir immer ein, dass ich zur Weihnachtsfeier der Dynamo-Traditionsmannschaft in Dresden bin.“ Und dort kommen dann natürlich auch immer die „ollen Kamellen“ zur Sprache, von denen es unzählige gibt.

Man tut Matthias Döschner sicher unrecht, aber jenes Europapokalspiel im November 1981 gegen Feyenoord Rotterdam wird in erster Linie mit seinem Namen in Verbindung gebracht. In der zweiten Runde um den Uefa-Cup ging Dynamo vor 33 000 Zuschauern in der 85. Minute durch Frank Lippmann mit 1:0 in Führung und wäre nach dem 1:2 im Hinspiel weiter gewesen. Doch dann unterlief Döschner Sekunden vor dem Abpfiff ein folgenschweres Fehlabspiel. „Ich dachte, Hartmut Schade käme an den Ball.“ Ein großer Irrtum. Der Holländer Luuk Balkestein schnappte sich das Leder und überwand Torhüter Bernd Jakubowski. Entsetzen im Stadion und Wut bei Hans-Jürgen Dörner. „Dixie warf eine Glasflasche durch die Kabine, die haarscharf an meinem Kopf vorbeiflog und an die Wand knallte. Ich bin dann ungeduscht sofort aus dem Stadion verschwunden.“

Von seinen schönsten Erlebnissen bei Dynamo nennt Döschner, dessen Vater Fritz einst in Dresden beim SC Einheit die Töppen schnürte, zuerst die Pokalsiege 1984 und 1985 gegen DDR-Serienmeister BFC Dynamo (2:1, 3:2) vor jeweils 48 000 Zuschauern im Berliner Stadion der Weltjugend. Insgesamt gewann Döschner mit Dynamo viermal den „Pott“ und feierte drei Meisterschaften. Für die DDR streifte er 40 Mal das Auswahltrikot über. „Unvergessen ist für mich das erste Länderspiel, denn das bestritt ich 1982 in Natal gegen Brasilien. Wir verloren zwar 1:3, aber bei meinem Debüt gleich auf einen Weltstar wie Zico zu treffen, war natürlich ein Highlight.“ Zugute kam Döschner sein starker linker Fuß und seine Vielseitigkeit. „Schon in der Jugend spielte ich Stürmer, aber im nächsten Spiel dann ganz hinten.“ Und als Andreas Schmidt 1983/84 länger ausfiel, wurde Döschner von Trainer Klaus Sammer kurzerhand in die Abwehr beordert.

Mit 32 Jahren wechselte der Nationalspieler zu Fortuna Köln. Zuvor war sein Wechsel nach Griechenland zu OFI Kreta geplatzt, „weil die Dynamo-Funktionäre vergessen hatten, die Vertreter des Klubs vom Flughafen in Klotzsche abzuholen“. Damals drehte sich in Dresden fast alles um die Wechsel von Matthias Sammer und Ulf Kirsten. „Noch zwei, drei Jahre gutes Geld verdienen“, hieß die Devise in den Wende-Wirren 1990. Auch Hans-Uwe Pilz und Andreas Trautmann wechselten in die Domstadt, kehrten aber nach wenigen Monaten wieder nach Dresden zurück. Döschner blieb in Köln, verletzte sich allerdings schwer und musste 1991 seine Profilaufbahn endgültig beenden. Nach der Rückkehr nach Sachsen kickte er noch für den FV Dresden Nord (heute SC Borea).

Seine Trainer-Laufbahn startete „Atze“ Döschner in Pirna-Copitz. „Wir wurden 1995/96 Dritter in der Bezirksliga und stiegen ein Jahr später in die Landesliga auf.“ Im Mai 1998 gab er seinen Abschied beim VfL bekannt und wechselte zur Fortuna Magdeburg. Später arbeitete er in Rostock und Eresburg, holte dort seine ehemaligen Mitspieler Torsten Gütschow und Jörg Stübner in den Kader. Aktiv kicken kann „Atze“ Döschner heute nicht mehr. „Die Knie sind kaputt.“ Jetzt steht er an der Seitenlinie, auch beim Ost-Fußball-Traditionsteam. Zusammen mit Teammanager Dirk Gründlich, früherer DDR-Liga-Spieler bei Empor Tabak Dresden, organisiert „Atze“ Döschner die Spiele. „Die nächste Begegnung findet am 4. August in der Oberlausitz in Rothenburg statt, bei der dann auch Hartmut Schade, Gerd Weber, Dixie Dörner, Torsten Gütschow und Matthias Müller dabei sein werden.“ Zum 63 Jahre alten „Lotte“ Müller verbindet ihn bis heute eine ganz enge Freundschaft.