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Ungläubiges Staunen

Deutsche Schwimmer mit Goldmedaillen um den Hals? Doch, die gibt es tatsächlich. Und es sollen noch mehr werden.

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© PATRICK B KRAEMER/EPA-EFE/REX/Sh

Von Jörg Soldwisch

Schon vor der Siegerehrung bekam Florian Wellbrock seine wohl schönste Belohnung. Freundin Sarah Köhler, die am Tag zuvor an ihrem eigenen Medaillenanspruch gescheitert war, lief auf den neuen Schwimm-Europameister über 1 500 Meter Freistil zu und umarmte ihn innig.

Mit derart viel Temperament hatte die britische Kampfrichterin offenbar nicht gerechnet. Doch bei Jacob Heidtmann mussten die Emotionen einfach raus. Zusammen mit Reva Foos feuerte er seine Staffel-Kollegen an – und das erfolgreich. Foto: dpa/Ian Rutherfo
Mit derart viel Temperament hatte die britische Kampfrichterin offenbar nicht gerechnet. Doch bei Jacob Heidtmann mussten die Emotionen einfach raus. Zusammen mit Reva Foos feuerte er seine Staffel-Kollegen an – und das erfolgreich. Foto: dpa/Ian Rutherfo © dpa

„Ich bin sehr stolz auf ihn. Mir kamen auf der Tribüne die Tränen, als er anschlug“, sagte Köhler. Wellbrock selbst nahm seinen Triumph in deutscher Rekordzeit (14:36,15 Minuten) nach außen fast gelassen – vielleicht waren die Schmerzen noch zu groß. „Am Ende tat es höllisch weh, da ging es nur noch über den Kopf, nicht mehr über die Arme“, sagte der 20-jährige Magdeburger.

Nur drei Schwimmer waren auf dieser Strecke jemals schneller als Wellbrock, einen deutschen Europameister hatte es auf der Distanz zuletzt vor 23 Jahren gegeben, als der Potsdamer Jörg Hoffmann in Wien siegte. Wellbrock hielt am Ende den Ukrainer Michailo Romantschuk um 0,73 Sekunden auf Distanz, der italienische Olympiasieger Gregorio Paltrinieri war früh geschlagen. „Phänomenal! Nach 200 Metern hatte ich Gänsehaut und wusste, dass das ein galaktisches Ding wird“, jubelte Bundestrainer Henning Lambertz.

Die Stimmung in der Mannschaft ist bestens, was nicht nur an Wellbrock liegt. Am Samstag hatten bereits Henning Mühlleitner über 400 Meter Freistil Bronze und die Mixed-Freistilstaffel über 4 x 200 Meter Gold gewonnen bei den European Championships in Glasgow. Der Sieg des Quartetts löste bei den leidgeprüften deutschen Schwimmern ungeahnte Emotionen aus. Als die Staffel letzte Interviews geben wollte, schlug ihr eine Welle der Begeisterung entgegen: Fast das komplette deutsche Schwimm-Team hatte sich unter die wartenden Journalisten gemischt und die frisch gekürten Europameister mit La Ola und großem Beifall empfangen. Wann hat es das zuletzt gegeben?

„Von der Mannschaft so empfangen zu werden, ist ein tolles Gefühl“, sagte Annika Bruhn, die mit ihrem unwiderstehlichen Schlussspurt die Staffel bei der internationalen Premiere dieser Disziplin zum nicht für möglich gehaltenen Titel geführt hatte.

Mit Reva Foos, Jacob Heidtmann und Mühlleitner konnte sie die deutlich höher eingeschätzten Staffeln aus Russland und Großbritannien hinter sich lassen. „Auf den letzten Metern hatten alle Gänsehaut“, sagte Heidtmann. „Wir haben als Team eine geile Leistung abgeliefert. Annika war hintenraus bärenstark. Wir wollten hier den Aufwärtstrend starten, und nicht erst in Tokio. So kann es weitergehen.“

Lambertz schrie mit am lautesten auf der Tribüne, er sprang immer wieder auf und ab. „Man hat von der ersten Sekunde an gemerkt, dass die als Team rausgegangen sind, dass die wollten, dass die heiß waren.“ Der Sieg war aber auch für Lambertz ein persönlicher Triumph. Vor der EM hatte er unter dem Motto „Staffel-Attacke“ die Normzeiten für die Quartette abgeschwächt, damit der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) in möglichst allen EM-Endläufen am Start ist. Wegen der großflächigen TV-Berichterstattung in Glasgow und Berlin wollte er diese Flanke nicht offen lassen.

„So eine Goldmedaille“, glaubt Bruhn, „gibt allen anderen einen kleinen Schub und Hoffnung.“ Doch nicht alle Hoffnungen erfüllten sich. Es gab auch Ergebnisse, die an die beiden medaillenlosen Auftritte bei Olympia 2012 und 2016 und die ernüchternden Weltmeisterschaften der vergangenen Jahre erinnerten. Dazu gehörte der enttäuschende vierte Platz von Wellbrocks Freundin Sarah Köhler über 800 Meter Freistil, die noch als Europas Jahresschnellste ins Finale gegangen war. Und Bruhn schied am Tag nach dem Gold-Rennen im Vorlauf als 18. aus, war fast vier Sekunden langsamer als in der Mixed-Staffel.

In die Kategorie der Enttäuschten gehört Ramon Klenz nicht. Der Leipziger hatte sich erst vor zwei Wochen und nachträglich für die EM qualifiziert. Über 200 Meter Schmetterling schaffte es der 20-Jährige ins Halbfinale, dort war jedoch Endstation. „Das war eine coole Atmosphäre, das hat mega Spaß gemacht“, sagte er. Und das lag auch an den deutschen Erfolgen. (sid/mit dpa, SZ/dk)