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Unister? Wieder da! Nur anders

© dpa/Jan Woitas

Zwei Jahre nach der Insolvenz des Reise-Riesen arbeiten die meisten Unternehmen in Leipzig weiter – unter neuen Eigentümern.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Am 14. Juli 2016 stürzt Thomas Wagner, Gründer und Chef des schillernden Leipziger Reisevermittlers Unister, mit einem Kleinflugzeug in Slowenien ab. Nur wenige Tage nach dem Unglück bricht sein angeschlagenes Internet-Imperium mit Webseiten wie fluege.de, ab-in-den-urlaub.de und kurz-mal-weg.de zusammen – die Verbindlichkeiten sind zu groß, das Geflecht unüberschaubar. Insolvenzverwalter Lucas Flöther müht sich fortan, zu retten, was zu retten ist. Mit Erfolg. Im November 2017 meldet sein Unternehmen: Alle operativen Gesellschaften des zerschlagenen Konzerns konnten an neue Investoren verkauft werden.

Zwar hatte Flöther im Gespräch mit dem MDR eingeräumt, dass vor dem Verkauf etliche Arbeitsplätze abgebaut wurden. Doch heute, knapp zwei Jahre nach dem Absturz, sind nach SZ-Recherchen etwa 700 Jobs aus dem ehemaligen Unister-Konzern allein in Leipzig geblieben. Das Herzstück von Unister, die große Reisesparte, ging dabei an den tschechischen Investor Rockaway Capital, eine internationale Beteiligungsgesellschaft, die im Tourismus engagiert und auf die Digitalbranche spezialisiert ist. Portale wie ab-in-den-urlaub.de und fluege.de, reisen.de und hotelreservierung.de gehören nun zur Rockaway-Tochter „Invia“. Das Unternehmen zählt mit 15 Standorten in sieben Ländern zu Europas Marktführern der Online-Reisebranche.

Neuer Chef der „Invia Group Deutschland“ ist zugleich ein früherer Unister-Manager, der gebürtige Österreicher Boris Raoul. Ohnehin wurden bei der Übernahme alle verbliebenen 540 Arbeitsplätze erhalten – und sogar ausgebaut. „Unsere Mitarbeiterzahl ist gestiegen und liegt jetzt bei etwa 600“, sagt Pressereferentin Tina Kämpf. „Leipzig als weitaus größter Standort ist Ausgangspunkt für weiteres Wachstum.“ In Leipzig wie in Dresden, Chemnitz, Magdeburg, Jena und Berlin gehe es eher darum, den Personalbedarf zu decken und neue Mitarbeiter zu rekrutieren. „Wir suchen Projektmanager, Fachkräfte für IT und Marketing und Kundenberater“, so Kämpf. Die Büroflächen würden bereits erweitert und modernisiert, ebenso wie das Online-Angebot.

Mitarbeiter gesucht

Als eines der ersten Unister-Unternehmen war kurz-mal-weg.de im November 2016 vom Branchenanbieter Fit-Reisen aus Frankfurt/Main übernommen worden – und wächst ebenfalls. „Seit dem Wechsel hat kurz-mal-weg.de am Standort Leipzig eine kleine Erfolgsgeschichte geschrieben“, sagt der neue Geschäftsführer Frank Straka, der jetzt mit seiner Familie nach Leipzig gezogen ist. Kurz nach der Übernahme seien in zentraler Lage neue Büros für die Expansion des Kurztrips-Portals bezogen worden. Ende 2016 waren es noch zwölf Mitarbeiter, die „Kurz Mal Weg“ weiterführten. Seit Juni arbeiten in Leipzig bereits 20 Kollegen, weitere vier Entwickler und Programmierer sitzen in Jena. Der Umsatz sei in den anderthalb Jahren trotz Kürzung des alten immensen Werbe-Etats im deutlich zweistelligen Bereich gestiegen. Weitere Fachkräfte würden gesucht.

Ein Leipziger Unternehmen übernahm indes das Portal preisvergleich.de: Die GET AG, ein Informationsdienstleister für die Energiewirtschaft, der tagesaktuelle Marktrecherchen und Tarifdatenbanken betreibt. Das heutige 80-Mann-Unternehmen übernahm im Januar 2017 alle 13 Mitarbeiter und baut preisvergleich.de seither kontinuierlich aus. „Der Kauf war mit einem erheblichen Risiko behaftet“, erzählt GET-Vorstand Christian Backmann. „Aber wir kannten das Portal und seine Mitarbeiter und haben ihnen vertraut.“ Mittlerweile seien eine Handvoll weiterer Kollegen angestellt worden. „Wir haben die Tochtergesellschaft technisch und wirtschaftlich konsolidiert“, sagt Backmann. „Sie entwickelt sich inzwischen solide.“

Die Nachrichtenseite news.de ging derweil mit 20 Kollegen an ein mittelständisches Familienunternehmen aus Nürnberg, das Anzeigenblätter betreibt und an regionalen Radiosendern und an Digitalangeboten beteiligt ist. „Dem Portal und den Mitarbeitern geht es unter den neuen Gesellschaftern sehr gut“, lässt Geschäftsführerin Corina Lingscheidt wissen. Man habe in Leipzig keine Stellen abgebaut, sondern neue ausgeschrieben.

Der Axel Springer Konzern übernahm indes den Online-Vermarkter Ad Up, dessen Mitarbeiter und die drei Standorte in Leipzig, Hamburg und Berlin. Zuletzt war in Leipzig von acht Kollegen für Vertrieb, Produktmanagement und Technik die Rede. Außerdem verkauft wurden eine Reihe kleinerer Geschäftsbetriebe wie das Onlineforschungs-Institut Keyfacts mit sieben Mitarbeitern, kredit.de und auto.de, das an die Leipziger Immobilienfirma Vicus ging.

Die Karlsruher Solute GmbH – Betreiberin des erfolgreichen Portals billiger.de, dem nun auch shopping.de gehört – hatte 15 Mitarbeiter übernommen. Damit konnte die Hälfte der Kollegen, denen zwischenzeitlich schon gekündigt wurde, weiter arbeiten.

Über den aktuellen Stand hält sich Solute indes bedeckt und beantwortete SZ-Anfragen nicht. Dabei ist deren Kommunikations-Chef ein alter Bekannter aus Leipzig: Der frühere Unister-Sprecher Konstantin Korosides.