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„Unser Wort zählt in Mexiko“

Der Radebeuler Wissenschaftler Steven Bayer ist zurück vom Hilfseinsatz für Erdbebenopfer in Mexiko – und spricht von ungewöhnlichen Begegnungen.

© privat

Von Peter Redlich

Radebeul/Mexiko-Stadt. Steven Bayers Stimme schwankt zwischen Brüchigkeit und schnellem Erzählen, wenn er von Mexiko aus den eben vergangenen Tagen berichtet. Die Erlebnisse berühren ihn stark. Der 38-jährige Radebeuler arbeitet als Geograf und Spezialist für Fernerkundung und ist gerade von seiner Erdbeben-Hilfsaktion aus Mexiko-Stadt zurück. Für die Organisation I.S.A.R. Germany war er dort im Einsatz, um Aufnahmen von Gebäuden zu machen, bevor mexikanische Bürger, die darin wohnen oder arbeiten müssen, wieder reingehen.

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Große Risse in Wänden und Fundamenten gefährden vielerorts die Baustruktur in Mexiko. Nach dem großen Erdbeben vom 19. September sind Bau-Experten der deutschen Hilfsorganisation ISAR Germany im Einsatz, um mit ihrer Expertise in Mexiko-Stadt zu helfen.
Große Risse in Wänden und Fundamenten gefährden vielerorts die Baustruktur in Mexiko. Nach dem großen Erdbeben vom 19. September sind Bau-Experten der deutschen Hilfsorganisation ISAR Germany im Einsatz, um mit ihrer Expertise in Mexiko-Stadt zu helfen. © privat

„Wir haben mit einer Spezialdrohne viele Detailaufnahmen gemacht, die den Zustand von beschädigten Häusern zeigen. Nicht wenige der Risse waren von unten nicht erkennbar und wären für die Mexikaner gefährlich geworden“, sagt der Radebeuler, der in Berlin beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) an speziellen Kamerasystemen arbeitet. Sehr deutlich sei auf den Aufnahmen beispielsweise zu sehen gewesen, wie Trägersysteme von Häusern beim Erdbeben Risse bekommen haben.

Ein Erdbeben der Stärke 7,1 erschütterte am Dienstag, dem 19. September, um 13.14 Uhr Ortszeit Mexiko. Fast 300 Menschen kamen bei dem Beben bislang ums Leben. Bei dem Einsturz einer Schule in Mexiko-Stadt starben mehr als 20 Schüler. An dieser Schule war drei Tage später Steven Bayer im Einsatz und unterstützte mit seinen Kameraden die mexikanischen Helfer beim Begutachten und dem Abstützen der Wände.

Auch das Nachbeben – wenige Tage nach dem ersten großen Rütteln – hat er miterlebt. „Wir sind alle morgens vom Frühstückstisch hochgeschreckt und auf die Straße gerannt. Allerdings habe ich die nächsten Tage in langer Hose geschlafen“, erinnert er sich heute schmunzelnd.

Der Expertentrupp war in einem sicheren Gebäude untergebracht.

In einer achttägigen Mission untersuchte das I.S.A.R. Germany Team mit dem 38-jährigen DLR-Mitarbeiter in Mexiko-Stadt und im Bundesstaat Morelos insgesamt mehr als hundert Gebäude auf ihre Standfestigkeit und Bewohnbarkeit. Es war der erste gemeinsame Einsatz von DLR und I.S.A.R. und damit auch für den Radebeuler.

Im November 2016 hatten die beiden Partner einen Kooperationsvertrag über die Zusammenarbeit in Katastrophenfällen unterzeichnet. Seitdem bereiteten sich drei Experten aus dem DLR-Institut für Optische Sensorsysteme in regelmäßigen gemeinsamen Übungen mit I.S.A.R. Germany intensiv auf reale Einsätze vor. „Mit unseren Kamerasystemen können wir zu der Erkundung von Schadensgebieten beitragen.

Das kann im Ernstfall entscheidende und lebensrettende Zeitvorteile verschaffen“, sagt Ralf Berger, Projektleiter im DLR-Institut für Optische Sensorsysteme. Ein wichtiges Ziel der Kooperation ist auch die Entwicklung von neuen Technologien, mit denen großräumige Lagebilder nach Großkatastrophen erstellt werden können.

Aufgrund der Kürze des Bebens in Mexiko wurden glücklicherweise nur einzelne Häuser völlig zerstört und die Infrastruktur nicht großflächig in Mitleidenschaft gezogen. Dementsprechend stand vor allem die Begutachtung von beschädigten Gebäuden im Vordergrund des Einsatzes von DLR und I.S.A.R. Germany.

„Aufgrund der Größe und teilweise gegebenen Unzugänglichkeit der Gebäude haben wir die Baufachexperten von I.S.A.R. Germany mit Nahaufnahmen von beschädigten Gebäudestrukturen unterstützt“, sagt Steven Bayer. „Mit den Echtzeit-Aufnahmen konnten die Baufachleute beurteilen, ob das Gebäude noch stabil oder bewohnbar ist. Offenbar wird die Arbeit von Deutschen in Mexiko besonders hoch eingeschätzt. „Unser Wort zählt dort. Das spürten wir überall“, so Bayer.

Wie wichtig diese fundierten Einschätzungen von Fachleuten waren, zeigten die Mexikaner mit großer Herzlichkeit. „Hunderte Menschen haben sich bei uns bedankt, uns umarmt. Viele Kinder sind zu uns gekommen. Noch zuletzt im Flugzeug, kurz vor dem Start, reichte mir eine Mexikanerin ihr Handy, weil sich jemand bedanken wollte. Das war für mich ein zutiefst befriedigender Einsatz.“