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„Unsere Demokratie blutet“

Nach der Ermordung eines jungen Journalisten steht die Slowakei unter Schock.

© AFP

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

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Mehrere Tausend Menschen stehen am Montagabend auf dem Platz des Slowakischen Nationalaufstandes, dem zentralen Versammlungsplatz der Hauptstadt Bratislava. In bedrückender Atmosphäre. Die Leute schweigen, manche haben Tränen in den Augen. Viele halten brennende Kerzen in der Hand.

Trauer hat die Menschen ins Zentrum Bratislavas gezogen, Trauer um den jungen, nur 27 Jahre alt gewordenen Journalisten Jan Kuciak, und um seine Verlobte Martina Kusnirova. Beide wurden mit je einem Schuss getötet. Eine „regelrechte Hinrichtung“, heißt es in Polizeikreisen. Dahinter stecke ein Profi-Killer.

Die beiden jungen Menschen mussten aller Wahrscheinlichkeit sterben, weil Kuciak als investigativer Reporter eines Nachrichtenkanals im Internet, der der slowakischen Tochter der Medienhäuser Axel Springer und Ringier gehört, zu genau recherchiert hat. Kuciak war darauf spezialisiert, Steuerverbrechen zu enthüllen, und stieß dabei immer wieder auch auf Leute aus der Unterwelt oder auf dubiose Unternehmer mit Verbindungen bis in höchste politische Kreise.

Die Slowakei, Mitglied in EU und Nato, längst mit dem Euro als Zahlungsmittel und wirtschaftlich auf dem aufsteigenden Ast, hat schon einmal ähnliche Zeiten erlebt. In den 1990er-Jahren, unter der Herrschaft des autokratischen Ministerpräsidenten Vladimir Meciar, wurden Journalisten auch schon massiv eingeschüchtert. Kamen die bestimmten Leuten mit ihren Recherchen zu nahe, fackelte man ihre Autos ab, schickte ihnen Drohschreiben oder setzte Schlägerbanden auf sie an. Aber umgebracht wurde niemand.

Diese Tat verändert das Land

„Mit dem Mord an Jan Kuciak haben wir die Grenze zu Putins Russland oder zur Türkei Erdogans überschritten“, sagt Daniel Lipsic einer Zeitung im benachbarten Tschechien. Lipsic war slowakischer Innen- und Justizminister, kennt die polizeilichen Statistiken und weiß, wovon er redet.

„Unsere Demokratie blutet“, schreibt die Chefredakteurin des auflagenstärksten seriösen Blattes Sme. Ihr Kollege von Dennik N äußert sich fassungslos: „Darauf ist niemand vorbereitet. Ja, man schreibt darüber, dass in finsteren Ecken der Welt Journalisten umgebracht werden, weil sie unangenehm geworden sind. In Russland etwa. Aber bei uns? Das war bislang unvorstellbar. Diese Tat“, so fügt er hinzu, „verändert dieses Land wie keine andere Straftat vorher.“

Die Polizisten bekommen derweil auch Hinweise aus den Redaktionen. Einer von ihnen sagt, Kuciak habe zuletzt eine Geschichte recherchiert, bei der es um Verbindungen von Mitgliedern der süditalienischen Mafia, die sich in den 1990er-Jahren in der Ostslowakei niedergelassen hatten, zu höchsten politischen Kreisen gegangen sei. Die Mafia habe dort ehemalige slowakische Landwirtschaftsbetriebe aufgekauft und Pflanzen für einträglichen, weil EU-subventionierten Bio-Kraftstoff angebaut. Als Vermittlerin bei dem Deal habe eine Politikerin aus dem Dunstkreis des heutigen Premiers Robert Fico agiert. „Wäre das aufgeflogen, hätten die Mafiosi ihre Sachen packen können“, sagt der kanadisch-slowakische Journalist Tom Nicholson, der letzten Montag noch schriftlichen Kontakt zu dem ermordeten Kollegen hatte.

Fico und sein in der Kritik stehender Innenminister Robert Kalinak tun derweil nach außen hin alles, um den Mord aufzuklären. Die Regierung hat eine Million Euro für Hinweise auf die Täter ausgelobt.

Doch die Zeitungen erinnern am Dienstag auch daran, welch gestörtes Verhältnis beide Spitzenpolitiker bislang zu Journalisten hatten. Premier Fico habe diese einst „dreckige antislowakische Prostituierte“ genannt, die „gezielt“ angriffen, „um dem Land zu schaden“. Die Zeitungen seien „wie der Dschihad. Wenn ich nicht in der Politik wäre, würde ich ganz anders mit ihnen verfahren.“ Diese Worte sind filmisch belegt. Fragen von Journalisten beantwortet der sozialdemokratische Regierungschef seit Jahren selbst auf normalen Pressekonferenzen prinzipiell nicht.

Ex-Innenminister Libsic sagt, es gehe nicht an, dass dubiose Unternehmer unter dem Schutz der Regierung glauben, sich alles erlauben zu können, ohne Strafen fürchten zu müssen. Und er vertraut der slowakischen Zivilgesellschaft: „Sie hat die Schlüsselfunktion: Wenn sie die Öffentlichkeit zu mobilisieren versteht, wird das nicht ohne Folgen bleiben.“ Im konkreten Fall setzt Lipsic auch auf den Druck aus dem Ausland: „Das Echo dort auf den Mord ist für die Regierung verheerend.“