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Unterwegs mit versteckter Kamera

© AP

Richard Peter senior wurde durch seine Fotos vom zerstörten Dresden weltberühmt. Doch der große Held war er nicht.

Von Monika Dänhardt

Zwei Franzosen sollen als Erste herausgefunden haben, wie man flüchtige, lebendige Szenen für die Ewigkeit erhält. Nicéphore Niepce und Louis Daguerre entdeckten Technik und chemisches Verfahren für die Fotografie. Doch die Platten, Träger für die lichtempfindliche Schicht für das Foto, waren weder handlich noch billig. Welche Erleichterung für alle Fotografen, als 1889 der Amerikaner George Eastman mit einem Partner den Rollfilm entwickelte. Dadurch war es möglich, mehrere Bilder hintereinander aufzunehmen. Doch noch waren die Kameras sehr teuer. Schließlich kamen Klein- und Kleinstbildkameras zu erschwinglichen Preisen auf den Markt. Fotografieren war jetzt nicht nur ein Hobby der Reichen. Auch Arbeiter begannen, Familie und Alltagsszenen abzulichten.

Einer, für den Fotografieren bald zur Berufung wurde, war Richard Peter, 1895 in Klein Jenkwitz (Schlesien) geboren. Schon den kleinen Richard, so ist überliefert, faszinierte das Fotografieren. Doch seine Eltern, Arbeiter, wollten, dass er einen „richtigen“ Beruf erlernt. Richard Peter wurde Schmied, arbeitete auch als Bergmann. Er war etwa 18 Jahre alt, als er seinen ersten Fotoapparat kaufte. Und er lernte, wie Fotos entwickelt werden.

Im Ersten Weltkrieg blieb dann allerdings keine Zeit für fotografische Träume und Pläne. Nach Kriegsende, Richard Peter war inzwischen Vater und Witwer, ging er nach Halle und arbeitete in den Leunawerken. Seinen Sohn nannte er auch Richard. Richard junior (1915 – 1978) wurde später ebenfalls Fotograf, was bei seinem Vater zum Namenszusatz „senior“ führen sollte. Mit wachen Augen beobachtete der 24-jährige Richard Peter (sen.) in Halle das Leben der Arbeiter. Er wurde USPD- und 1920 KPD-Mitglied. Aufmerksam verfolgte er die Berichte in der bürgerlichen Presse. Dies brachte ihn zu der Erkenntnis, dass es wichtig wäre, „die Geschehnisse, die von der bürgerlichen Presse verfälscht dargestellt wurden, durch die Beweiskraft fotografischer Bilder zu widerlegen“. Wegen seiner Teilnahme an Aufständen in Leuna musste er nach Wien fliehen. Nach einem kurzen Aufenthalt dort wurde Dresden seine neue und endgültige Heimat. Hier fand er bald Arbeit und konnte sich in der Freizeit ganz der Fotografie widmen. In seiner nach seinem Tod herausgegebenen Autobiografie erwähnt er kaum, dass seine ersten größeren Fotoarbeiten in großen Werbezeitschriften und Monatsblättern erschienen. Keine Rede beispielsweise von „Herrn Knipsers Werdegang“, ein Werbetext für Zeiss-Produkte, oder den Fotos vom Bootshaus an der Elbe in der Wochenbildbeilage des Dresdner Anzeigers.

Denn vor allem verstand sich Richard Peter als Arbeiterfotograf. Er lichtete Streikposten und -parolen sowie die Zustände in den Werkhallen ab, unter anderem für die Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ). Um vor polizeilichen Repressalien oder Fotoverboten durch Werksleitungen sicher zu sein, versteckte er die Kamera in einem Schuhkarton oder einer Aktentasche. Noch heute aussagekräftig sind seine illustrierten Reportagen über die Lebensverhältnisse der Arbeiterfamilien. Ein Beispiel dafür ist „Kinderarbeiten in der Heimindustrie“, in der er belegt, wie kleine Kinder dazu beitragen mussten, dass die Familie Geld zum Leben hatte. Um die Familie zu schützen, verdeckte er die Köpfe durch Knöpfe – eine recht moderne Form der Bildarbeit.

Doch kaum war er als Arbeiterfotograf unterwegs, erreichte ihn ein verlockendes Angebot. Zwei Geschäftsleute luden ihn ein, mit ihnen nach Argentinien zu gehen. In seiner Autobiografie erklärt er dazu ganz offen: „Endlich!, dachte ich, endlich kann es losgehen mit dem Geldscheffeln.“ So richtig wurde daraus nichts, obwohl in Südamerika großartige Fotoreportagen entstanden, die später publiziert wurden. 1929 kehrte Peter nach Deutschland zurück, brach aber 1930 noch einmal zu einer fast einjährigen Reise durch Skandinavien auf. Als die „Faschisten jeden Tag frecher wurden“ entschied Richard Peter, wie er schreibt, „daß die tägliche Kleinarbeit für die Partei wichtiger war als meine exotischen Ideen“. So schmuggelte er Aufnahmen von Judendiskriminierung und den Überfällen auf jüdische Geschäfte und Einrichtungen für die im Prager Exil produzierende AIZ über die Grenze. Allerdings fand er auch seine Nische, veröffentlichte wieder Fotos in verschiedenen bürgerlichen Dresdner Zeitungen und Illustrierten. Schließlich musste auch Richard Peter sen. als Soldat in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Er überlebte ihn.

Sehr bekannt wurden die Aufnahmen, die Richard Peter sen. 1945 vom zerstörten Dresden schoss und später unter dem Titel „Eine Kamera klagt an“ veröffentlichte. Sein Foto „Blick auf Dresden vom zerstörten Rathausturm“ berührte schon viele. Peter fotografierte als freischaffender Künstler noch bis zu seinem Tod. Er errang internationale Anerkennung. Der Arbeiterfotograf starb am 3. Oktober 1977 und wurde auf dem Heidefriedhof beigesetzt.

Ausstellung: „Das Auge des Arbeiters Erinnerungsfotografie und Bildpropaganda um 1930!“ bis 12. Juli, Stadtmuseum, Wilsdruffer Straße 2, Di bis So 10 bis 18 Uhr, Fr bis 19 Uhr, Eintritt fünf Euro