merken

US-Eichhörnchen bedrohen einheimische

Harte Konkurrenz um Wintervorräte: Die Ausbreitung des Grauhörnchens gefährdet das rote Euro-Hörnchen.

Tobias Wolf

In den Baumwipfeln am Kleinzschachwitzer Gondelweg piept und zwitschert es jeden Tag in den Morgenstunden besonders laut. Doch an diesem Morgen mischen sich andere Geräusche in den Vogelgesang. Es raschelt vernehmlich im Geäst, aber zunächst ist nichts zu sehen.

Anzeige
Sie bringt Maschinen zum Singen
Sie bringt Maschinen zum Singen

Ab April 2022 ist Esmeralda Conde Ruiz die neue Residenzkünstlerin des Schaufler [email protected] Dresden. Was sie vorhat, gab es so bisher noch nie.

Dem Geräusch nach rennt dort ein Eichhörnchen mit affenartiger Geschwindigkeit über die Äste einer Linde. Als es endlich zum Vorschein kommt, reibt sich Anwohnerin Ines König verwundert die Augen. Denn das kleine Tier sieht überhaupt nicht aus wie die, die normalerweise durch den Vorgarten vor ihrem Balkon hüpfen. Statt rot wie die einheimischen hat es ein graues, fast schwarzes Fell. Hinter dem Exoten rennt mit etwas Abstand auch ein echtes Kleinzschachwitzer Eichhörnchen. „So etwas habe ich hier bei uns vorm Haus noch nie gesehen“, sagt König. „Und das graue frisst dem roten anscheinend die Nüsse weg, die hier wachsen.“ Später sieht die Kleinzschachwitzerin die beiden einträchtig nebeneinander unter einem Haselnussbusch sitzen.

Jetzt wirken sie wie ein Paar. Doch die Idylle trügt. Der kleine Eindringling könnte zur echten Gefahr für die einheimischen Rothörnchen werden.

1889 aus Amerika eingewandert

Die Art ähnelt unserem Eichhörnchen, hat aber ein Fell, das zwischen einem hellen Silbergrau und einem sehr dunklen Schwarzgrau variieren kann. „Das Grauhörnchen mit dem lateinischen Namen Sciurus caloinensis stammt eigentlich aus Nordamerika“, sagt Clara Stefen vom Tierkundemuseum der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen. Sie ist Expertin für alle Fragen rund um das Eichhörnchen, oder wie man in anderen Regionen auch sagt: das Eichkätzchen. „In Europa trat es zuerst in England auf“, sagt Stefen. Seefahrer hatten 1889 rund 350 Tiere aus den USA mitgebracht und in der Grafschaft Bedfordshire angesiedelt. Mit rund 30 Zentimeter Körperlänge, einem buschigen Schwanz von 20 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 400 und 700 Gramm ist es jedoch größer als sein europäischer Verwandter.

„Weil sie die gleiche Lebensweise wie unsere Eichhörnchen haben, sind sie als deren direkte Konkurrenten anzusehen“, sagt Tierkundlerin Stefen. „Sie haben identische Ansprüche an Nahrung, was aber bei genügend Nüssen noch nicht problematisch ist.“ Gibt es davon zu wenig, könnte es für die Roten eng werden. Denn auch beim Rest des Speisezettels konkurrieren sie um das Gleiche: Samen, Früchte und junge Triebe. Gelegentlich gibt’s auch Nicht-vegetarisches: Insekten, Frösche, Jungvögel und Vogeleier. Weil sich die Migranten aus der neuen Welt rasch vermehrten, verdrängten sie zunehmend die auch in England beheimateten roten, sogenannten Europäischen Eichhörnchen. Heute besteht die Population der Einwanderer dort aus mehreren Millionen.

Denn beim Lebensraum ist das kuschelige Tier mit Migrationshintergrund wenig wählerisch. Während die einheimischen Hörnchen auf intakte Wälder und große Bäume angewiesen sind, begnügt sich das eingewanderte auch mit Parks und Vorgärten. Größere Populationen des kleinen Amerikaners gebe es jedoch noch nicht, sagt die Eichhörnchen-Expertin.

In England eine Delikatesse

Sollten sich die grauen Nager dennoch stark vermehren, kommt vielleicht die englische Lösung des Problems in Betracht. Seit 2006 gibt es auf der Insel die „Rettet-unsere-Eichhörnchen“-Kampagne. Unter dem Motto „Rette ein Rotes – iss ein Graues“ ist das Fleisch des Grauhörnchens seither auf vielen Speisekarten im Königreich zu finden und wird überall gejagt. Ob das auch hierzulande den Geschmack der Restaurantgäste trifft, bleibt abzuwarten.