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US-Strafzölle treffen das Edelstahlwerk Freital

Hiesige Stahl-Unternehmen fürchten eine Marktverschiebung mit drastischen Folgen.

© Archivfoto: Thomas Lehmann

Von Dominique Bielmeier und Franz Werfel

Osterzgebirge/Freital. Die Warnung, die Andreas Sperl, Präsident der Industrie- und Handelskammer Dresden (IHK), vor Kurzem veröffentlicht hat, ist eindringlich: „Hinsichtlich der Auswirkungen auf den sächsischen Außenhandel mache ich mir mittlerweile Sorgen“, sagt er und meint die Strafzölle, die US-Präsident Donald Trump Ende Mai auf Stahl und Aluminium auch aus der EU erhoben hat. Mit einem Exportvolumen von jährlich über vier Milliarden Euro (zehn Prozent aller Exporte) seien die USA nach China der zweitgrößte Exportmarkt des Freistaats. Und schon jetzt hätten die Strafzölle negative Auswirkungen: So seien die sächsischen Exporte in die USA im ersten Quartal um 15 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres gesunken.

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Ist die Lage in den Landkreisen Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge mit seinen großen Stahlerzeugern und -verarbeitern auch so drastisch?

„Wir sind betroffen“, sagt Sönke Winterhager, der Aufsichtsratvorsitzende vom BGH Edelstahlwerk Freital. Die BGH-Gruppe, die Werke unter anderem in Freital, Siegen und Lugau betreibt, liefert geschmiedeten und gewalzten Stabstahl in die USA. Dort wird er weiterverarbeitet zu Werkzeugen für die Öl- und Gasgewinnung, zu Teilen für den Maschinen- und Anlagenbau oder auch zu Medizinprodukten.

Das US-Geschäft mache etwas weniger als zehn Prozent der Direkt-Exporte aus, sagt Winterhager. „Die Zölle müssen wir fast vollständig auf unsere Abnehmer umlegen.“ Bisher würden die Kunden diesen Schritt mitgehen. Denn das, was Trump eigentlich erreichen wollte, nämlich die inländische Stahlproduktion stärken, gehe bisher nicht auf. „Nur wenige US-amerikanische Betriebe können den Stahl in der Menge und Qualität liefern, wie er benötigt wird.“ An dieser kurzfristigen Front sieht der BGH-Chef vorerst nicht die größten Probleme. Aber an einer anderen.

Neue Konkurrenz tritt auf den Plan

„Unsere Produkte sind knifflig, hochspeziell und schwer herzustellen – das machen die Amerikaner in der Regel nicht selbst, sondern kaufen sie lieber ein“, erläutert Winterhager. Die mit bis zu 25 Prozent sehr hohen Zölle könnten große Firmen für ihre billigeren Stahlprodukte nicht auf die Endkunden in den USA umlegen. „Diese einfacheren Stähle können wegen der Zölle jetzt nicht mehr in die USA exportiert werden“, sagt Winterhager. Also würden sie auf andere Märkte drücken, etwa in der EU. „Die Türkei hat ihre Stahlexporte in die EU verfünffacht, Indien hat sie verdoppelt.“ Weil die Märkte für einfachere Stähle mittlerweile übersättigt seien, würden Firmen versuchen, nun auch höherwertige herzustellen.

„So bekommen wir es jetzt mit Konkurrenten zu tun, die es für uns vorher so nicht gab.“ Das sei das viel größere, weil nachhaltigere Problem. „Einen Handelskrieg hat noch niemand gewonnen“, sagt Winterhager und hofft, dass der zunehmende Gegenwind im eigenen Land dem US-Präsidenten das auch klarmache.

Trotz dieser unruhigen Gemengelage will das Edelstahlwerk in den kommenden drei Jahren kräftig investieren. „Wir planen einen dreistelligen Millionenbetrag an allen drei Produktionsstandorten.“ In Freital etwa in neue Anlagen und Walzstraßen. „Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben, indem wir kostengünstiger produzieren.“

IHK-Sprecher Lars Fiehler zufolge hat die Kammer bei den regionalen Firmen abgefragt, inwiefern sie von den Zöllen betroffen seien. Das Ergebnis: Es gebe nur wenige direkte Lieferbeziehungen in die USA. Trotzdem müsse man bei der Bewertung vorsichtig sein, „denn mittelbar kann es durchaus Auswirkungen geben, etwa wenn Produkte von hier zur Weiterverarbeitung in andere Bundesländer oder europäische Länder gehen und diese wiederum in die USA exportieren“. Denn die Strafzölle entfielen ja nicht nur auf Stahlbleche oder Ähnliches, sondern auch auf diverse Stahlprodukte. Fiehler rät zu einer Nachfrage bei Feralpi in Meißen.

Dort spricht Werksdirektor Frank Jürgen Schaefer von keiner direkten Betroffenheit durch die Strafzölle. „Denn wir haben keine baurechtliche und bauaufsichtliche Zulassung in den USA für unsere genormten Produkte.“ Trotzdem könne es immer eine Art Kaskade geben: Die Länder, die schon seit April von den Strafzöllen betroffen sind, darunter die Türkei, suchen sich andere Absatzmärkte, zum Beispiel in Südeuropa. Wer früher mehr nach Südeuropa geliefert hat, weicht nun vielleicht auf Mitteleuropa aus. „Dann haben wir das Problem auch vor unserer Haustür, nur mit Zeitversatz“, so Schaefer. Dafür sieht er im Moment jedoch noch keine Anzeichen.

Die Schmiedeberger Gießerei ist bisher gar nicht von den Zöllen betroffen. „Wir liefern Gussteile und Maschinenbauprodukte in die USA, etwa für Blockheizkraftwerke und Baumaschinen wie Bagger“, sagt Geschäftsführer Holger Kappelt. Zölle würden bisher nur auf Halbzeuge wie Stahl, Stahlträger oder Rohre erhoben. Für die Schmiedeberger spielen die US-Exporte zudem aktuell nur eine untergeordnete Rolle. Die Frage sei aber, so Kappelt, wie der Handelsstreit weitergehe. Zwar glaube er nicht, dass es Trump auf einen weltweiten Handelskrieg ankommen lässt, da er sich so ins eigene Fleisch schneiden würde. Aber: „Die US-Administration ist derzeit nur sehr schwer einzuschätzen.“

Auch auf die Pirnaer Edelstahlwerke Schmees haben die Zölle derzeit keine Auswirkung. „In die USA liefern wir Gussteile für Anlagenbauer“, sagt Geschäftsführer Johann Unglaub. Wenn, dann würden die Zölle eher die Abnehmer treffen. Größere Sorgen als die derzeitigen Zölle bereitet ihm die politische Lage in anderen Teilen der Welt, etwa im Iran. „Dort baut beispielsweise Siemens für US-amerikanische Investoren Anlagen. Wenn diese im Iran wegen des aufgekündigten Atomabkommens nicht mehr investieren können, fällt der Auftrag weg. Das würden wir ganz direkt spüren“, so Unglaub. Das Beispiel zeige, wie sehr im globalen Welthandel einzelne Produktionsschritte miteinander verbunden sind.

Zölle auf Autos wären schlimm

Als viel größere Bedrohung für die sächsische Wirtschaft allgemein sieht IHK-Sprecher Lars Fiehler etwas anderes als die Zölle auf Stahl: „Der heftigste Schlag ins Kontor wäre, wenn die Trumps Ankündigung, die Zölle auf EU-Automobile stark zu erhöhen, Realität würde.“ Wenn man bedenke, dass es im Freistaat nicht nur die drei Auto-Produzenten Porsche, BMW und Volkswagen gibt, sondern auch viele Zuliefer-Unternehmen, dann liege hierin momentan das größte Risiko. Diesen Eindruck bestätigt BGH-Chef Winterhager. „Wir produzieren das Material für Einspritzdüsen oder Turboladerwellen.“ Mit Blick auf Zölle für deutsche Autos sagt er: „Da wird einem angst und bange.“