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Politik

Weißes Haus attackiert Top-Immunologen

Kein Gesundheitsexperte in den USA ist in der Corona-Krise so bekannt wie Anthony Fauci. Nun will die Regierung ihn offenbar loswerden.

Anthony Fauci (M), Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten
Anthony Fauci (M), Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten © Al Drago/Pool Bloomberg/AP/dpa

Von Can Merey

Washington. Es dürfte Seltenheitswert haben, dass Fanartikel von Gesundheitsexperten produziert werden. Der Immunologe Anthony Fauci ist inzwischen so prominent in den USA, dass es Sweatshirts, Socken und natürlich Schutzmasken mit seinem Konterfei zu kaufen gibt. Mit seiner ruhigen Art versucht er, den Amerikanern in der Corona-Pandemie nicht nur Rat, sondern auch Halt zu geben. Dabei scheut sich der 79-Jährige nicht, Einschätzungen von Präsident Donald Trump zu widersprechen. Nun nehmen Versuche aus der US-Regierung zu, Fauci zu diskreditieren. Der jüngste Höhepunkt: Ein Gastbeitrag von Trumps Handelsberater Peter Navarro in der Zeitung "USA Today".

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Fauci gehört zur Corona-Arbeitsgruppe des Weißen Hauses. Der Experte warnt davor, die Gefahr durch das Virus zu unterschätzen und Schutzmaßnahmen vorschnell zu lockern. Damit liegt er über Kreuz mit Trump, der möglichst rasch zur Normalität zurückkehren möchte und die Bedrohung herunterspielt - etwa, indem er sagt, dass 99 Prozent der Infektionen "völlig harmlos" verliefen. Fauci widersprach dem in der "Financial Times" und verwies darauf, dass es auch bei nicht-tödlichen Infektionen schwere Krankheitsverläufe geben könne.

Immer neue Infektionsrekorde

Während der Präsident also vor allem mit Blick auf die wirtschaftliche Öffnung vorprescht, steht der Immunologe mit seinen Warnungen auf der Bremse. Die Statistiken scheinen Fauci recht zu geben. Die Zahl der Neuinfektionen in dem Land mit seinen rund 330 Millionen Einwohnern steigen seit der Rücknahme von Schutzmaßnahmen in den Bundesstaaten wieder dramatisch an. Erst am Dienstag verzeichneten die Forscher der Johns-Hopkins-Universität mit 67.417 Ansteckungen binnen 24 Stunden einen neuen Höchststand. Zum Vergleich: Die Gesundheitsämter in Deutschland (rund 83 Millionen Einwohner) meldeten am Dienstag 351 neue Corona-Infektionen.

Wem vertrauen die Amerikaner?

Trump hat mit fragwürdigen Aussagen Glaubwürdigkeit verspielt - etwa mit jener Überlegung im April, ob es im Kampf gegen das Virus helfen könnte, Menschen Desinfektionsmittel zu spritzen (was er später als "Sarkasmus" relativierte). Auch sein Dauer-Optimismus, wonach die Krise bald überwunden ist, deckt sich seit Langem nur schwerlich mit der tatsächlichen Lage. Kritiker werfen ihm außerdem vor, von eigenen Verfehlungen in der Krise ablenken zu wollen, indem er Sündenböcke sucht - lange schon macht der Präsident China für die Pandemie verantwortlich. Nun scheint Fauci ins Visier geraten zu sein.

Wie es um das Vertrauen der Amerikaner in der Krise bestellt ist, zeigte eine Ende Juni veröffentlichte Umfrage des Forschungsinstituts Pew: 30 Prozent der Befragten meinten, Trump und seine Regierung lägen mit den Fakten in der Pandemie fast immer oder meistens richtig. 64 Prozent bescheinigten das den Gesundheitsbehörden - Fauci ist der Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten.

Das Weiße Haus und die Liste

An Faucis Ruf soll nun offenbar mitten in der Krise gekratzt werden. In der vergangenen Woche widersprach der Präsident in der Sendung "Full Court Press" Faucis Einschätzung, dass die USA immer noch "knietief" in der ersten Coronavirus-Welle steckten. Dem Sender Fox News sagte Trump kurz darauf, Fauci sei "ein netter Mann, aber er hat viele Fehler gemacht". Am Wochenende zitierten US-Medien dann einen ungenannten Regierungsvertreter, dass mehrere Mitarbeiter im Weißen Haus besorgt darüber seien, wie oft Fauci sich geirrt habe.

Um diesen Vorwurf zu untermauern, verschickte das Weiße Haus an ausgewählte US-Medien eine Aufzählung mit früheren Aussagen Faucis. Der Sender CNN verglich die Liste mit einer Recherche über einen politischen Gegner. Die "Washington Post" schrieb: "Für Anthony S. Fauci sind im Weißen Haus die Messer gezückt."

Am Dienstag schrieb Trump-Berater Navarro dann, Fauci habe in jedem Punkt, in dem er mit ihm in der Krise zu tun gehabt habe, falsch gelegen. "Wenn Sie mich also fragen, ob ich auf Dr. Faucis Rat höre, ist meine Antwort: nur mit Skepsis und Vorsicht." Das Weiße Haus ruderte am Mittwoch zwar zurück und teilte mit, der Gastbeitrag habe nicht den Genehmigungsprozess durchlaufen und gebe nur Navarros Meinung wieder. Trump äußerte sich ähnlich und betonte, er habe "ein sehr gutes Verhältnis" zu Fauci. Die "Los Angeles Times" zitierte allerdings einen ungenannten Regierungsvertreter, demzufolge Trump Navarro gar zu dem Gastbeitrag ermutigt habe.

Der Experte wehrt sich

Fauci - der unter allen US-Präsidenten seit Ronald Reagan gearbeitet hat - macht nicht den Eindruck, als ließe er sich einschüchtern. In einem Interview der Zeitschrift "The Atlantic" wurde er auf die Versuche der Regierung angesprochen, ihn zu diskreditieren. "Das ist ein bisschen bizarr", sagte Fauci. Er stehe zu seinen früheren Aussagen, die im damaligen Kontext "absolut wahr" gewesen seien. Die Liste sei "Unsinn". Dass das Weiße Haus sie verschickt habe, sei ein Fehler gewesen, den er sich in seinen kühnsten Träumen nicht erklären könne. Über Navarro sagte Fauci: "Er lebt in seiner eigenen Welt."

Fauci betonte, er denke mitten in der Pandemie nicht an Rücktritt. "Das Problem ist zu wichtig, um mich auf solche Gedanken und Diskussionen einzulassen. Ich will einfach nur meine Arbeit machen. Ich bin wirklich gut darin. Und ich werde sie weitermachen."

Rückendeckung erhält er dabei auch aus dem Trump-Lager. Senator Lindsey Graham - ein enger Verbündeter des Präsidenten - sagte mit Blick auf die Pandemie: "Wir haben kein Doktor-Fauci-Problem. Wir müssen uns darauf konzentrieren, Dinge zu tun, die uns dorthin bringen, wo wir hin müssen." Er habe "allen Respekt der Welt" vor Fauci. "Ehrlich gesagt denke ich, dass jegliche Bemühungen, ihn zu schwächen, nicht produktiv sein werden." Der Mehrheitsführer von Trumps Republikanern im US-Senat, Mitch McConnell, wurde am Mittwoch gefragt, wie sehr er Fauci vertraue. McConnells Antwort: "Total." (dpa)

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