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„Donald Trump ist der Teufel“

Am 3. November wird in den USA der Präsident gewählt. Zuvor erklären in Amerikaner, für wen sie stimmen wollen – und warum.

Salvadora Feng, 1996 in Kalifornien geboren, lebt in Leipzig und studiert in Merseburg Technische Redaktion.
Salvadora Feng, 1996 in Kalifornien geboren, lebt in Leipzig und studiert in Merseburg Technische Redaktion. © Marie Buschmann

Wählen werde ich noch. Wahrscheinlich. Allerdings finde ich, dass Wahlen in den USA nicht unbedingt die sinnvollste Sache sind, wenn man echte Veränderungen erreichen will. Auf regionaler Ebene, also für Kalifornien, werde ich meine Stimme schon abgeben. Da geht es um neue Gesetze, die kommen könnten und die sinnvoll sind. Da bin ich dabei. Aber Biden? Ich weiß nicht. Trump kommt sowieso nicht infrage. Die Kernaussage von Bidens Kampagne ist, dass er das Gegenteil von Trump sei. Dass er alles normalisieren wird. Und daran glaube ich nicht. Vor allem frage ich mich: Wollen wir wirklich alles wieder normalisieren? Denn „normal“ war noch nie schön für viele Menschen.

Es ist so viel Mieses in diesem Land passiert, förmlich alles ist auf Genozid und Sklaverei aufgebaut worden. Andererseits fanden hier Verfolgte immer wieder Zuflucht. Das macht das Dilemma der Vereinigten Staaten aus: Sie sind sehr frei und zugleich auf Unterdrückung aufgebaut.

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Ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind die USA auf gar keinen Fall. Mein Vater kommt ursprünglich aus China. Meine Mutter ist eine weiße Amerikanerin, die an der Uni Chinesisch gelernt hat. Mit ihr habe ich mehr chinesisch als mit meinem Papa gesprochen. Er wollte sich integriert fühlen, also sprach er meist englisch. Nur wenn er sauer war, schimpfte er auf Chinesisch. Noch immer glaubt er an die USA und daran, dass dieses Land frei wie kein anderes ist. Er hat dort studiert, seinen Doktor in Anthropologie gemacht, und er wollte in den USA Professor werden. Doch seit seiner Promotion bekam er keinen Job. Weil er hier schließlich Arbeit fand, sind wir vor neun Jahren, als ich 15 war, nach Deutschland gezogen. Und ja, ich mag das Leben hier, vor allem jetzt in Leipzig.

Trotzdem bin ich keine Deutsche. Vom kulturellen Verständnis her fühle ich mich eher als Chinesin, würde mich jedoch immer als Amerikanerin bezeichnen. Nicht zuletzt, weil ich den entsprechenden Pass besitze. Stolz bin ich darauf aber nicht. Früher, bevor ich mich mit der politischen Lage befasst habe, hätte ich das vielleicht so gesagt. Jetzt wüsste ich nicht, worauf ich stolz sein sollte. Zugegeben, manchmal wäre ich tatsächlich gerne stolz auf dieses Land, denke darüber nach und sage mir dann doch wieder: Nee, lass mal …

Die Landschaften und die Menschen dort, die mag ich schon sehr. Ich wurde in der Nähe von San Francisco geboren. Eine herrliche Gegend. Überhaupt ist Kalifornien so schön! Wir haben Wüsten, Berge, Wälder und den Ozean – es ist irgendwie alles da. Am meisten vermisse ich den Pazifik. In Deutschland macht man sich oft lustig darüber, wie übertrieben freundlich die Amis sind, dass das gar nicht ernst gemeint ist. Und, ja, das stimmt schon, es ist übertrieben. Aber ich vermisse sogar das. In den USA lächeln die Leute einfach mehr.

Amerikaner sind immer auf dem Sprung. Weil sie das sein müssen, um Geld zu verdienen, um so ihren Familien ein sicheres Leben zu ermöglichen. Man muss der Gesellschaft zudem zeigen, dass die eigene Leistungsfähigkeit sehr hoch ist. Faulpelze mag prinzipiell keiner. Etwas prüde sind Amerikaner auch. Das Private ist halt wirklich privat. Und in den USA spielt Individualität eine große Rolle. Wie man sein Leben gestaltet, welche Träume man hat.

In meinem Traum-Amerika haben die Ureinwohner das Recht zurückbekommen, sich um ihr Land zu kümmern. Nehmen wir Kalifornien als Beispiel, es gibt zurzeit diese verheerenden Waldbrände, und die sind halt nur so krass, weil es einerseits um Kapitalismus geht und die Zerstörung der Umwelt. Und andererseits, weil es den indigenen Menschen verboten wurde, ihre traditionellen Naturschutzmethoden zu praktizieren. Die kalifornische Regierung meinte: Ach, das kriegen wir schon hin. Doch jetzt brennt alles. Die Ureinwohner wissen, was dagegen zu tun ist. Man muss sie nur machen lassen.

Ein anderer wichtiger Punkt ist, diese Polizei ganz abzuschaffen. Ursprünglich war es der Job von US-Polizisten, versklavte Menschen einzufangen, wenn sie von den Plantagen geflohen waren. Das ist die Ursprungsgeschichte unserer Polizei. Und diese Tradition steckt da immer noch drin. Deswegen gibt es so viel Brutalität gegen schwarze Menschen in den USA. Um das zu durchbrechen, reicht keine Kosmetik.

Nehmen wir an, wir können Staaten nicht abschaffen und wir brauchen eine Regierung, dann muss dieses Zwei-Parteien-System unbedingt weg. Diese beiden Parteien sind doch längst eins. Die Demokraten tun, als ob sie links, also fortschrittlich wären. Doch in der Realität sind sie es nicht. Sie geben uns zwar die Ehe für alle, zugleich töten sie bei Drohnenangriffen Menschen in Afghanistan und im Jemen. Sie ticken im Kern wie die Republikaner. Viele feiern die kürzlich gestorbene Ruth Bader Ginsburg, Richterin am Supreme Court, als Kämpferin für Frauenrechte. Sie hat sicher ihre Verdienste um die Legalisierung der Abtreibung auf Bundesebene. Dennoch hob sie auch das Urteil eines regionalen Richters gegen eine Fracking-Pipeline an der Ostküste auf, ein Urteil gegen wirtschaftliche Interessen und für die Umwelt. Das macht doch klar: Auch die Demokraten sind nur Kapitalisten. Unter Obama gab es mehr Abschiebungen als unter Trump. Trump macht die Asylverfahren schwieriger, wettert generell gegen Migration, doch das war vor ihm kaum anders. Trump ist furchtbar, keine Frage. Er ist ein Teufel, aber die anderen sind auch keine Engel.

Generell bin ich gegen Waffen. Doch wenn ich die Situation im Land sehe, würde ich nicht sagen, wir müssen sofort alle Waffen verbieten. Kein Mensch hat ernsthaft darüber gesprochen, den Waffenbesitz zu kontrollieren und zu reglementieren, bis die Leute der Black-Panther-Bewegung offen mit ihren Knarren durch die Gegend liefen. Plötzlich hieß es: Das geht ja gar nicht! Aber eben nur, weil sich schwarze Menschen bewaffnet zeigten.

Solange weiße Rechtsextreme Waffen haben dürfen, müssen alle Waffen haben können. Sonst wäre es zu gefährlich für sehr viele Leute, die sich nur selbst schützen können. Man denke nur an den 17-Jährigen, der in Kenosha zwei Menschen erschossen hat – und zunächst ließ ihn die Polizei einfach gehen. Das zeigt doch, wie wenig die Beamten zu tun bereit sind. Und dass in der ersten TV-Debatte Trump den Proud Boys, dieser rassistischen paramilitärischen Vereinigung, gesagt hat „Haltet euch bereit!“, das zeigt doch: Er sieht sich mit ihnen in einem Team. Was soll man als Mensch mit linken Ansichten davon halten? Vielleicht sollte man da auch etwas radikaler denken. So lange schon haben Menschen versucht, durch Politik das Land zu verändern. Immer hat sich das System nur minimal bewegt. Da stellt sich schon die Frage: Kann Gewalt ein legitimes Mittel sein? Ab wann wäre sie es? Diese Fragen beschäftigen mich sehr. Fakt ist: Man darf auf Gewalt mit Gewalt reagieren. Da hilft einfach nichts anderes. Dieses Land braucht eine Rebellion. Und die findet bereits statt. Noch nie war so vielen Leuten klar, was alles schiefläuft. Diesen Trend hat Covid-19 extrem verstärkt. Und da kommt etwas auf uns zu, was in einer Art Umsturz gipfeln könnte.

Es wäre schon interessant, würde es echte Anarchie in den USA geben. Es fing schließlich einst als Experiment an, warum können wir das Experiment nicht neu starten? Ein Land, in dem die Menschen wirklich die Freiheit haben, zu machen, was sie wollen. Ich glaube nicht, dass eine Mehrheit die Umwelt zerstören, sich andererseits nicht um die Gemeinschaft kümmern will. Die Mehrheit ist im Grunde gut, nur die Bedingungen sind es nicht. Anarchie sollte man wirklich versuchen, gerade in den USA, wo so viele den Staat ohnehin verachten, sind die Voraussetzungen auf jeden Fall besser als woanders. Ironischerweise hassen ja auch viele Rechte den Staat, wählen aber trotzdem Trump. Dieser Hass entspricht nur leider nicht dem Grundgedanken der Anarchie. Doch vielleicht könnte man sie doch für so ein Experiment begeistern, ausschließen würde ich das nicht.

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Ich träume von einer Welt ohne Rassismus, ohne Sexismus, ohne jeden Ismus, was sich aber nicht auf die USA begrenzen lässt. Das müsste in allen Ländern so sein, sonst funktioniert das nicht. Wenn Menschen richtig frei sind, sich nicht ständig Sorgen machen müssen ums Geld, um die Gesundheit, könnten sie ihre Potenziale voll ausschöpfen und hätten die bestmögliche Lebensqualität. Es müsste keine Obdachlosen geben, diese Leute passen nicht in unser System und werden von diesem dennoch als Disziplinierungsmittel gebraucht. So nach dem Motto: Siehst du, was passiert, wenn du nicht nach unseren Regeln spielst, dann schläfst du unter der Brücke. So skurril es scheint, aber es steht in unserer Verfassung, dass wir die Regierung abschaffen sollten, wenn es eine Mehrheit will. Vielleicht ist dieser Zeitpunkt jetzt gekommen.

Notiert von Andy Dallmann.

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