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Dresdner Backwerk für Bob Dylan

Am Montag wird der einzige Pop-Musiker, der bislang den Nobelpreis für Literatur bekam, 80 Jahre alt. Höchste Zeit für ein Loblied auf dieses kauzige Genie.

Bob Dylan wird am Montag 80 Jahre alt.
Bob Dylan wird am Montag 80 Jahre alt. © Keystone/epa

Er macht es keinesfalls fürs Geld, genauso wenig für Anerkennung, zur Selbstvergewisserung, aus Sendungsbewusstsein oder weil ihm zu Hause sonst schlicht die Decke auf den Kopf fiele. Nein, Bob Dylan zieht seine 1988 gestartete „Never Ending Tour“ weiter durch, um „an verschiedene Orte zu fahren und verschiedene Dinge kennenzulernen, die man nicht kennengelernt hätte, wenn man zu Hause geblieben wäre“. So simpel erklärte es der Musiker dem Fachblatt Rolling Stone.

An diesem Prinzip änderte auch das fortschreitende Alter nichts. Lediglich Corona konnte die Konzertreise ausbremsen, nicht jedoch die Kreativität Dylans. Im Juni 2020 brachte er ein Doppelalbum heraus, arbeitete zudem an Filmprojekten, Radioshows und Ausstellungen. Am Montag wird er sicher doch mal kurz innehalten, dann wird der Mann, der sich künstlerisch regelmäßig neu erfand, 80 Jahre alt.

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Szene aus dem Film, den Martin Scorsese 2019 über und mit Bob Dylan drehte.
Szene aus dem Film, den Martin Scorsese 2019 über und mit Bob Dylan drehte. © www.imago-images.de

Ein extra für ihn in einer Dresdner Backstube gefertigtes Geschenk wird es diesmal nicht geben. Vor genau 21 Jahren kam so etwas jedoch in Dylans Garderobe auf den Tisch. Damals stand am Abend ein Konzert in der „Jungen Garde“ an, Veranstalter Rodney Aust wollte seinen Gast mit einer kleinen Geste zu dessen Geburtstag erfreuen. „Ich ließ bei einem Bäcker eine Torte machen, mit einem Marzipanmännlein samt Hut und Gitarre in der Mitte. Das sah schon sehr nach Bob Dylan aus“, erinnert sich Aust. „Ob er die Torte tatsächlich selbst gegessen hat, weiß ich nicht. Auf jeden Fall war sie nach der Show weg.“

Gut möglich, dass dieses Backwerk zumindest Dylans Laune hob, sein Konzert fiel jedenfalls deutlich überzeugender als die Dresden-Premiere aus. Bei diesem Auftritt hatte es sich Dylan mit einigen Fans verscherzt, weil er im Juli 1994 am Elbufer meist mit dem Rücken zum Publikum spielte. Eine regelrechte Sternstunde wurde die bislang letzte Dresdner Show – 2015 zeigte sich der Musiker, wiederum in der „Jungen Garde“, tatsächlich in Bestform.

Gelegenheitsmiesepeter statt Gute-Laune-Clown

Überhaupt attestierten ihm zuletzt regelmäßig Kritiker nach Konzerten, nicht nur erstaunlich gut drauf gewesen zu sein, sondern auch stimmlich alle Erwartungen übertroffen zu haben. In den rund 60 Jahren von Dylans Karriere als Musiker war das nie eine Selbstverständlichkeit. Immer mal wieder kehrte er das kauzige Genie raus, verärgerte Fans, ohne sie jemals ganz zu verprellen. Schließlich war allen längst klar, dass eben genau diese Unberechenbarkeit den Reiz nur erhöhte. Gute-Laune-Clowns gibt es im Popgeschäft mehr, als man ertragen kann. Da ist ein Gelegenheitsmiesepeter, der großartige Songs förmlich aus dem Ärmel schüttelt, eine wunderbare Abwechslung. Zumal das Kauzige gerne vor Selbstironie strotzt.

Wie etwa, wenn Dylan lustige Geschichten erfindet. In einem jetzt veröffentlichten Band, der Interviews aus 60 Jahren vereint, gibt es ein paar herrliche Sprüche. 1965 wurde Dylan nach seinem wahren Namen gefragt. Seine Antwort: „Mein wirklicher Name war Kunezevitch. Ich habe ihn geändert, damit nicht immerzu die Verwandten ankommen, in verschiedenen Teilen des Landes, und Konzerttickets und all so was verlangen.“ Dann die Nachfrage: „War das Ihr Vor- oder Nachname?“ Und Dylan: „Das war der Vorname. Den Nachnamen will ich Ihnen wirklich nicht verraten.“ 1978 wurde er gefragt, ob er seinen Geburtsnamen Robert Allen Zimmerman tatsächlich aus Verehrung für den Dichter Dylan Thomas in Bob Dylan geändert habe. „Nein, ich habe nicht viel Dylan Thomas gelesen“, erwiderte er. „Es ist ziemlich üblich, dass Leute ihre Namen ändern. Das ist keine große Sache.“ Und weiter: „Aber tief im Inneren haben wir keine Namen. Ich habe einfach diesen Namen gewählt, und er blieb.“

Barack Obama (l.), damals US-Präsident, zeichnet Bob Dylan 2012 mit der Freiheitsmedaille aus.
Barack Obama (l.), damals US-Präsident, zeichnet Bob Dylan 2012 mit der Freiheitsmedaille aus. © epa

Der Interviewer hakte gleich noch mal nach: „Wissen Sie, was das deutsche Wort Zimmermann bedeutet?“ Dylan antwortete: „Meine Vorfahren waren Russen. Ich weiß nicht, wie sie dort an einen deutschen Namen gekommen sind. Vielleicht haben sie ihn bekommen, als sie hier von Bord gingen.“

Ähnliche Haken schlug er um das Thema Rauschmittel. Mal erklärte Dylan: „Ich weiß nicht mal, was eine Droge ist. Ich habe noch nie eine Droge gesehen. Ich wüsste wahrscheinlich nicht mal, wie sie aussieht, wenn ich eine sähe.“ Später gestand er: „In den Clubs gab es überall Gras. Auch in den Cafés damals in Minneapolis. Wahrscheinlich habe ich es da zum ersten Mal probiert.“ Und er ergänzte: „Gras ist ja mittlerweile fast legal. Früher war es etwas für nur wenige.“

Mal schwärmte er zudem von der Musik Nana Mouskouris, mal träumte er laut davon, bei einem Titelkampf im Schwergewichtsboxen Ringrichter zu sein oder eine Kochzeitschrift zu gründen. Es gibt jedoch auch ernsthafte, sehr persönliche Aussagen, etwa über seine spirituelle Suche, über den Wert von Kunst, über die gegenwärtige Zeit, in der es statt guter Nachrichten eher „Zu nichts gut“-Nachrichten gebe. Viel Stoff also für eine wissenschaftliche Aufarbeitung. Um die kümmert sich seit 2017 das Institute for Bob Dylan Studies an der Universität von Tulsa/Oklahoma.

Anliegen des Institutes ist es erklärtermaßen, als „interdisziplinäre Forschungsinitiative die Arbeit, den Einfluss, das Leben, das Erbe des Nobelpreisträgers und seine Welt“ zu erforschen. Natürlich wird da jetzt zum 80. Geburtstag auch mächtig geklotzt. So findet vom 22. bis 24. Mai ein virtuelles Symposium mit Teilnehmern aus aller Welt statt, bei dem täglich von morgens bis abends ein volles Vortragsprogramm läuft inklusive Diskussionsrunden, Exkursen in die Traditionen der Folk-Musik und Präsentation des nagelneuen Analysebuchs „The World of Bob Dylan“ aus dem Hause Cambridge University Press.

Viel akademischer Rummel um jemanden, der erklärt hat: „Universitäten sind wie Altersheime. Davon abgesehen, dass mehr Leute in Universitäten als in Altersheimen sterben, gibt es keinen großen Unterschied.“ Nicht mal vom Studium an sich hält der Mann, der nicht wirklich selbst studiert hat, aber zum Gegenstand von Forschung wurde, etwas: „Ganz bestimmt würde ich niemandem raten, nicht zu studieren. Ich würde ihm einfach das Studium nicht finanzieren.“

Kein Wort über den Nobelpreis

Mindestens einmal aber treibt es Bob Dylan mit seiner Kauzigkeit dann doch zu weit. Als im Dezember 2016 die Schwedische Akademie die Sensation verkündet, ihn als ersten Pop-Musiker überhaupt „für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“ mit dem Literaturnobelpreis zu ehren, taucht er einfach ab. Keine Statements, keine Preisrede, zur eigentlichen Zeremonie schickt er am Ende seine vertraute Kollegin Patti Smith nach Stockholm.

Patti Smith sang "A Hard Rain's A-Gonna Fall" und vertrat so 2016 Bob Dylan bei der Verleihung des Literaturnobelpreises in Stockholm.
Patti Smith sang "A Hard Rain's A-Gonna Fall" und vertrat so 2016 Bob Dylan bei der Verleihung des Literaturnobelpreises in Stockholm. © TT NEWS AGENCY/epa

Noch einmal ein Zucken bei den Fans, als Ende vergangenen Jahres ruchbar wurde, dass Dylan die Verlagsrechte an allen seinen Songs an den weltgrößten Musikkonzern Universal Music verkauft hat – und damit schätzungsweise über 300 Millionen Dollar verdiente.

Mit 17-Minuten-Song in die Charts

Andererseits schaffte er es im Vorjahr aber auch, mit dem 17-minütigen Song „Murder Most Foul“ auf Rang eins der Billboardcharts in der Kategorie „Rock Digital Song“ zu kommen, etliche Radiosender spielten die ganz und gar nicht radiotaugliche Nummer im regulären Programm. Wer hat so etwas zuletzt schon hinbekommen? Der Mann, der zehn Grammys abräumte, im Folk ebenso zu Hause ist wie im Rock, im Blues, im Sinatraschmalz, hat nicht nur sich selbst unzählige Hits beschert. Von Manfred Mann bis Joan Baez, von Guns N‘ Roses bis Eric Clapton – sie alle schafften es mit Bob Dylan Songs in die Charts.

Doch Dylan malt zudem, zeichnet, schweißt Gartentor-Skulpturen zusammen. In Chemnitz waren Dylans Aquarelle und Gouachen 2007/2008 ein Ausstellungshit, der in die Verlängerung ging. Der schmächtige Jüngling, der 1959 in der Kleinstadt Duluth aufbrach, die Welt zu erobern, hat nichts weniger als das zuwege gebracht. Und Fakt ist: Auch mit 80 setzt er sich nicht zur Ruhe. Man wird weiter mit ihm rechnen können – und müssen.

Buchtipp: Ich bin nur ich selbst, wer immer das ist – Gespräche aus sechzig Jahren. Herausgegeben von Heinrich Detering, Kampa Verlag, 352 Seiten, 24 Euro

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