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Mein Volksfeind, die Medien

Donald Trumps Infopolitik und der Journalismus sind krasse Gegensätze. Und doch ist er ein Presse-Lehrmeister.

Die Medien haben sich nur zu gern an Trump abgearbeitet, aber ihn auch unterschätzt.
Die Medien haben sich nur zu gern an Trump abgearbeitet, aber ihn auch unterschätzt. © imago images

Das hatte was von einer Scheidungserklärung. Als Donald Trumps Sprecherin Kayleigh McEnany in der US-Wahlnacht schwere Betrugsvorwürfe gegen die Demokraten erhob und der Präsident es ihr später gleichtat, blendeten sich mehrere TV-Sender entnervt aus den Pressekonferenzen aus. Der Erste, der die Reißleine zog, weil er die Verbreitung solcher unbelegbaren Behauptungen nicht weiter verantworten wollten, war Neil Cavuto von FoxNews. Dem mächtigsten jener Medien, die des Präsidenten Politik stets weitestgehend unterstützt hatten. Es war ein finaler Eklat mit langer Vorgeschichte.

Donald Trump und die Medien; das ist ohnehin eine fatale Beziehung zweier natürlicher Widerparts. Denn die Basis jeder seriösen Medienarbeit sind nachprüfbare Fakten. Der Präsident hingegen behandelte Fakten zunehmend als Marginalie. Quasi-Offiziell wurde das nach Trumps Behauptung, seiner Amtseinführung hätten deutlich mehr Menschen beigewohnt als der Inauguration von Barack Obama. Als Journalisten darauf hinwiesen, dass die Fakten das Gegenteil belegen, stellte Pressesprecherin Kellyanne Conway klar: „Nun, der Präsident hat eben alternative Fakten.“

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Seither waren die Dämme gebrochen. Sobald Medienvertreter Trump mit Hinweisen auf die Faktenlage direkt hinterfragten, reagierte der mit einem verbalen Totschläger: „You are Fake News!“ Das Topping kam im Wahlkampf, als er die Medien insgesamt als „Feinde des Volkes“ bezeichnete. Ein Begriff, der bis dato Terroristen vorbehalten war.

Am warmen Feuer der Empörung

Donald Trump und die Medien; das war zugleich eine innige Hassliebe, ein gegenseitiges Voneinander-Profitieren. Seit der Ankündigung seiner Kandidatur haben sich weltweit Journalisten in einen Zustand der Dauererregung hineingesteigert und jede Äußerung Trumps mit großer Skandalisierungsbereitschaft verfolgt. Der Präsident mühte sich nach Kräften, das Level der Empörung gezielt hochzuhalten, und provozierte in Serie.

Diese Win-Win-Nummer haben deutsche Medien eifrig mitgespielt, in einer Stimmungsmischung aus Faszination, Ekel und Ungläubigkeit. Unzählige dieser mit der Trump eigenen unverstellten Selbstverständlich- und -gerechtigkeit vorgetragenen plumpen, aggressiven, spalterischen, sexistischen, rassistischen Aussagen wurden begierig aufgegriffen. Serviert wurden sie am Lagerfeuer der aufrechten Empörung, an der man sich seines eigenen Besser-Seins wärmstens versichern konnte. Im festen Glauben und Willen, eine derartige Kommunikations-Unkultur dürfe niemals Normalität werden. Zugleich in der Verweigerung der Erkenntnis: Sie ist es längst. Auch dazu hat Donald Trump wesentlich beigetragen, wenngleich nicht allein, vielmehr gemeinsam mit seinem Publikum, Befürwortern wie Gegnern.

Zwar hat sich die krasseste Kommunikations-Unkultur in der deutschen klassischen Presselandschaft selbst – noch – nicht einnisten können. In alternativen „Medien“ hingegen gehören aggressive Töne bis hin zu Beleidigung und Hate Speech vielfach zum etablierten Ton. Donald Trump war dafür nicht der Auslöser, aber zweifellos ein wirkungsmächtiger Katalysator. Allerdings ist die kommunikationskulturelle Trennung zwischen seriösen und alternativen Medien durchlässiger geworden; die Osmose läuft über den Kurznachrichtendienst Twitter. Dort lassen etliche Journalisten, darunter Chefredakteure und Herausgeber, gerne mal die Hemmungs-Hüllen fallen, äußern sich in herabsetzendsten Tönen über Politiker ebenso wie über Kolleginnen und Kollegen und erheben sich dabei himmelweit über andere.

Fakten? Sind zweitrangig

Trump und die Medien – das ist insofern vor allem ein Symptom für diverse Entwicklungen der letzten Jahre, im medialen Bereich sowie auf der Ebene des Verhältnisses zwischen Presse und Nutzern. So hat die Digitalisierung dazu geführt, dass nach professionellen Kriterien wie aufwendiger Fakten-Recherche und -Überprüfung vorgehende klassische Medien ihr Informationsmonopol verloren haben. Heute müssen sie es teilen mit alternativen „Medien“ und Multiplikatoren, für die Fakten zweitrangig und Emotionen das eigentlich Entscheidende sind. Trump hat das erkannt und befördert, nicht zuletzt durch sein Zusammenwirken mit Plattformen wie Infowars des Gewaltpredigers Alex Jones und den rechtsradikalen Breitbart News seines zeitweisen politischen Ratgebers Steve Bannon, die auf Aggressionen, Lügen und das Schüren von Hass setzen.

Dazu sind nicht viele Worte nötig. Auch das hat der Präsident schnell begriffen und die sozialen Medien zur Hauptbühne seiner kommunikativen Aktionen erkoren. Allen voran Twitter. Hier hat er seine Meinungsmacht am effektivsten und ungestörtesten entfaltet und jeden Widerspruch wirkungslos verpuffen lassen. Hier hat er tun können und allein wegen der festgelegten Kürze und dem Zwang zur komplexitätsreduzierenden Prägnanz auch tun müssen, was seine Befürworter am meisten an ihm schätzen: Klartext reden.

Daher spiegelt sich – und funktioniert – seine Strategie auf Twitter besonders deutlich und einprägsam. Vor allem das Etablieren einer alternativen und volksnahen Macht mit sich selbst als Vorkämpfer. Einer präsidial geadelten Gegenkraft zum auch die Medien dominierenden „Establishment“, das angeblich alles zu verantworten hat, woran die USA angeblich leiden: liberales Wertesystem, Genderdiversität, offene Gesellschaft, Einwanderung, Political Correctness, Feminismus, Linksextremismus, Terrorismus. Stattdessen propagiert Donald Trump die Rückkehr zu den angeblich guten alten Zeiten traditioneller Werte, wirtschaftlicher Prosperität und kultureller Einheit. Eingeschlossen jene für viele konservative Menschen als normal, natürlich und gottgegeben empfundene Geschlechterhierarchie, in der der Mann als Oberhaupt der Familie die politischen, moralischen und sexuellen Spielregeln vorgibt und durchsetzt.

Hauptsache gegen die Eliten

Unvergesslich bleibt Trumps heimlich aufgenommenes „Grab her by the pussy, and then you can do anything“ – greif ihr an die Muschi, dann kannst du alles (mit ihr) machen. Eine derart frauenfeindliche Obszönität, so der Gedanke vieler Medien, die den Spruch 2016 im Wahlkampf weltweit bekannt gemacht haben, würde dem Kandidaten endgültig das Genick brechen. Trotz dieser Aussage, womöglich aber auch unter anderem wegen ihr, wurde er nur wenig später zum Staatsoberhaupt gewählt.

Es war eine von vielen Fehleinschätzungen liberaler Medien, nicht nur in den USA. Sie haben ignoriert, dass sie tatsächlich zum gesellschaftlichen Establishment gehören, sogar zur Bildungselite, und damit zumindest in ihrer personellen Zusammensetzung nicht repräsentativ sind für die ganze Gesellschaft. Sie haben übersehen, dass das enorme Tempo von Modernisierung und Liberalisierung in den letzten 20 Jahren viele Menschen schlichtweg überfordert und abgestoßen hat. Dass man auch Herabsetzungserfahrungen etwa der unteren weißen Mittelschicht medial ernst nehmen muss und nicht gegen Herabsetzungserfahrungen nichtweißer Minderheiten ausspielen kann. Dass viele Anti-Establishment-Botschaften von Donald Trump gerade bei den Unzähligen ein Echo finden, die sich nicht nur ökonomisch bedroht, kulturell abgehängt und von Politik wie Medien zu wenig beachtet fühlen, sondern es auch sind. Letztlich: Dass auch Gefühle Fakten sind und deren Existenz zumindest als Tatsache und wirkungsmächtige Kraft in der Politik und den Medien akzeptiert werden muss. Immerhin das scheint sich inzwischen geändert zu haben.

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So war die Präsidentschaft eines Charakters wie Donald Trump zwar ein gefundenes Fressen für den Journalismus. Allerdings eines, an dem sich viele klassische und seriöse Presseorgane immer wieder den Magen verdorben haben. Seine Amtszeit wird lange in Erinnerung bleiben. Auch als eine mehr als vierjährige Lehrzeit.

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