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Die Opfer von Q

Die QAnon-Bewegung agiert wie eine Sekte, ein politisch kalkulierter Wahn. Können sich Anhänger des Kults je aus dem Sog der Verschwörungsmythen befreien?

QAnon Protestanten in den USA.
QAnon Protestanten in den USA. © imago images

Von Daniel Erk

Manchmal schaut Nellie Smith noch auf Facebook nach ihrer Familie. Die 34-Jährige lebt in der 860.000-Einwohner-Stadt Columbus, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Ohio. Immer wieder ruft sie die Profile ihrer Eltern und Geschwister auf, die im ländlichen Ohio leben, und scrollt durch die Einträge. Etwas gequält erzählt Smith – lockige Haare, dickrandige Brille, Halstuch mit Blumenmuster –, dass sie manchmal überprüfe, was an den Beiträgen faktisch stimmt und was nicht. Doch oft, sagt sie, seien da überhaupt gar keine Fakten mehr, die sich zu prüfen lohnen würde.

Zum Beispiel bei dieser nicht sonderlich kunstvoll gemachten Computer-Collage, die Smiths Eltern einmal verbreitet hatten: Sie zeigt einen grinsenden Dämon, der nach einem überraschend jung und agil aussehenden Donald Trump greift, der wiederum durch knietiefes Wasser rennend zwei weiße Babys rettet. Im Hintergrund: eine Prozession von Sensenmännern. Überschrift: „21 Menschen kandidieren als Präsident – und nur einer stellt sich gegen das Töten von Babys“.

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Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Diese Grafik auf der Facebook-Seite von Nellie Smiths Eltern ist ein typischer Beitrag von QAnon, jenes gleichsam wirren wie gefährlichen Online-Kults, dessen Anhänger glauben, dass es „eine weltweite Intrige satanischer Pädophiler gibt, die die Welt regieren und alles kontrollieren“, wie es Travis View, Verschwörungstheorie-Forscher und Moderator des Aufklärungspodcasts „QAnon Anonymous“ formuliert.

Auch wenn die Eltern längst Anhänger der QAnon-Bewegung sind: Nellie Smith will sie nicht aufgeben, schreibt auf Facebook: "Ich liebe euch. Und ich werde hier sein, wenn ihr jemals aus dieser Sache herauskommen wollt.“
Auch wenn die Eltern längst Anhänger der QAnon-Bewegung sind: Nellie Smith will sie nicht aufgeben, schreibt auf Facebook: "Ich liebe euch. Und ich werde hier sein, wenn ihr jemals aus dieser Sache herauskommen wollt.“ © Foto: privat

Auch die Babymorde sind kein überzogener Vergleich, die QAnon-Anhänger meinen das wortwörtlich ernst. Sie glauben, dass eine staatliche Verschwörung, hinter der unter anderem Hillary Clinton und Barack Obama stecken, in unterirdischen Gefängnissen Säuglinge gefangen hält, um ein angeblich verjüngendes Adrenalin-Stoffwechselprodukt namens Adrenochrom zu gewinnen (Adrenochrom entsteht durch die Oxidation von Adrenalin; wozu die gefangenen Kleinkinder notwendig sein sollten, bleibt unklar).

Der Feminismus ist der Feind

„Die Grundannahme ist, dass eine Gruppe hochrangiger militärischer Geheimdienstmitarbeiter, die Präsident Trump nahestehen, geheime verschlüsselte Botschaften über einen großen Kampf zwischen Gut und Böse in diesen Foren verbreiten“, sagt Travis View. Die QAnon-Gemeinschaft warte dabei im Grunde auf zwei große Ereignisse, erklärt View dem US-Sender PBS: „Eines davon ist ,der Sturm‘. Das soll eine Verhaftungswelle sein, bei der über 100.000 Menschen aus den höchsten Ebenen von Politik und Entertainment verhaftet werden und einen ,Großen Tag der Abrechnung‘ erwarten.“ Das andere Ereignis, dem Q-Anhänger entgegenfiebern, nennen sie „das große Erwachen“, so View weiter. „Im Grunde genommen ein Vorfall, nach dem jeder erkennt, dass QAnon die ganze Zeit recht hatte.“

Für Europäer wirken diese Erzählungen und Elemente reichlich fremd. Für viele US-Amerikaner aber, vor allem für Evangelikale, Adventisten und Mitglieder von Pfingstgemeinden sind solche Endzeitszenarien schon lange Teil ihrer Identität, ihres Glaubens und ihres Alltags. Auch Nellie Smith stammt aus einer evangelikalen Familie. Weiß. Tendenziell nationalistisch. Fundamentalistisch christlich. „Ich bin in einer ziemlich isolierten Umgebung aufgewachsen“, sagt Smith im Videocall. „Ich wurde die ganze Schulzeit über zu Hause unterrichtet, bin nie in eine Schule gegangen.“

Vor der Jahrtausendwende habe sie selbst noch den Prophezeiungen der Prediger der Pfingstbewegung geglaubt, die im Fernsehen dramatisch aus der Offenbarung des Johannes und vom nahen Ende der Welt erzählten – und dabei viel Geld verdienten. Damals, sagt Smith, sei die Welt der Evangelikalen im Großen und Ganzen noch intakt gewesen: In der Kirche hing neben dem Kreuz Jesu die US-Flagge, die Vereinigten Staaten waren zumindest auf dem Land patriotisch, heterosexuell und konservativ, vorwiegend weiß und streng christlich. „Dann begann es zu erodieren“, sagt Smith. Im Großen wie im Kleinen.

Der Feminismus, die Ehe für alle und die Black-Lives-Matter-Bewegung stellten das konservative Familien- und Gesellschaftsbild massiv infrage. Die Globalisierung nahm der unteren Mittelschicht erst die Jobs und dann den amerikanischen Stolz. Der Klimawandel drängte immer tiefer ins allgemeine Bewusstsein. „Damit kam die Angst“, sagt Smith. „Weil die traditionelle weiße Lebensweise zu einem Ende kommt.“ Und mit der Angst kam QAnon.

Am 28. Oktober 2017 wurde zum allerersten Mal in der Politiksektion „/pol/“ des unmoderierten, unzensierten und daher bei Verschwörungsgläubigen und Rechtsextremisten extrem populären Internetforums „4chan“ ein Beitrag eines vermeintlichen Washingtoner Politikinsiders unter dem Usernamen „Q“ veröffentlicht. Seither haben dessen kryptische Einlassungen zu US-Politik, Trump und den Kulturkämpfen zwischen Liberalen und Linken einerseits und einer sich immer heftiger radikalisierenden Rechten andererseits eine überraschende politische Schlagkraft entwickelt. Als Facebook im Spätsommer sämtliche Gruppen, Profile und User mit QAnon-Bezug löschte, schätzten amerikanische Journalisten die Gesamtzahl auf bis zu drei Millionen User (wobei unklar blieb, wie weit sich die Mitglieder der Gruppen überschnitten).

Auch am 29. August wurden in Berlin die QAnon-Symbole hochgehalten. In den Reichsfarben.
Auch am 29. August wurden in Berlin die QAnon-Symbole hochgehalten. In den Reichsfarben. © dpa

Wer hinter Q steckt und warum er oder sie die Falschmeldungen lanciert, darüber gibt es nur Vermutungen. Und dennoch hat die eigentümliche Mischung aus latent antisemitischem Verschwörungsmärchen, raunendem Mitmachthriller und aufgepeitschter Endzeitsekte quer durch das ländliche, konservative und evangelikale Amerika Familien, Paare, Geschwister, Eltern und Kinder entzweit. So wie Nellie Smith und ihre Familie.

Wer steckt dahinter?

Für Außenstehende mögen die Prophezeiungen und Behauptungen des oder der mysteriösen „Q“ (die ein ums andere Mal nicht eingetreten sind oder schnell zu widerlegen waren) aberwitzig wirken. Der Duktus der Halbsätze ist meist raunend, vor Pathos triefend, dafür inhaltlich verblüffend banal: Trump toll, alle anderen schlimm, böse Mächte am Werk, bald mehr! „Nichts kann aufhalten, was kommt. Nichts“, schrieb „Q“ etwa nach den von Joe Biden gewonnenen US-Präsidentschaftswahlen. Und in einem anderen Beitrag am selben Tag: „Es musste so sein. Manchmal muss man durch die Dunkelheit gehen, bevor man das Licht sieht.“ Dem Zuspruch der Gläubigen tut die Schlichtheit keinen Abbruch, im Gegenteil.

Für Angehörige der Q-Gläubigen aber beginnt mit dem Wahn oft ein Martyrium, dessen Tragweite man auf Reddit, einem der größten Foren und Debattenseiten der USA, in der Rubrik „QAnonCasualties“ auf bedrückende Weise nachlesen kann. Es handelt sich hier um eine Art digitale Selbsthilfegruppe von mittlerweile über 50.000 Angehörigen von QAnon-Opfern, mehrheitlich aus den USA: Menschen, deren langjährige Freundschaften an dem Kult zerbrochen sind. Kinder, deren Eltern trotz ernsthafter Covid-19-Symptome nicht zum Arzt gehen wollen. Verwandte, die ihre Kinder nicht impfen lassen, auch wenn es dadurch schon zu anhaltenden körperlichen Schäden gekommen ist.

Und Fälle wie den einer jungen Frau, deren Mutter seit 9/11 quasi alle Verschwörungstheorien mitgenommen hat, von Chemtrails bis Impfgegnertum, nun für gar keine Argumente mehr zu erreichen ist, mitten in der Nacht wütend ins Auto steigt und einfach abhaut. Ihre Tochter bleibt in Angst um die Mutter und Wut auf die QAnon-Bewegung zurück. Auch Nellie Smith kennt diese Gefühle: Wut, Angst, Sorge. Und sie erinnert sich an den Tag, als sie merkte, dass sich etwas in ihrer Familie verändert hatte.

Smith war schon immer ein bisschen anders gewesen als der Rest ihrer Familie: Erst durch ihre Liebe zu Büchern, dann durch einen Auslandsaufenthalt in Süddeutschland und schließlich, als sie als Einzige ihrer Geschwister auf die Universität ging. „Bis dahin hatte ich niemanden getroffen, der schwul war. Danach aber konnte ich die Art und Weise, wie man in meiner Glaubensgemeinschaft über die LGBTQ-Community spricht, einfach nicht mehr ertragen.“

"Finster und verkommen"

Die Kluft zwischen ihr und ihren Eltern wurde immer größer, so wie die Kluft zwischen den weltgewandten, großstädtischen und liberalen USA und dem evangelikalen, konservativen Homeland immer größer wurde. Schon die Wahl von Donald Trump 2016 brachte zwischen Nellie Smith und ihre Familie erste tiefe Risse – sowohl 2016 als auch 2020 wählten drei Viertel aller weißen US-Evangelikalen Umfragen zufolge Trump. Ein paar Monate schwiegen sich Smith und ihre Familie daraufhin an, um nicht offen zu streiten, und legten die politischen Differenzen dann beiseite.

Nellie Smith merkte zwar, dass ihre Eltern bisweilen krude Botschaften auf Facebook teilten. Oder erklärte ihren Tanten bei einem Besuch, was an den Youtube-Videos mit absonderlichen Behauptungen über Juden, Hillary Clinton und Hollywood nun wirklich offensichtlicher Unfug sei. Aber wie viele andere in den USA merkte sie nicht, dass langsam eine aufgepeitschte und aufregende Ersatzreligion den behäbigen radikalchristlichen Nationalismus ergänzte und ersetzte.

„Als ich eines Tages in das Haus meiner Eltern kam, hing plötzlich ein Bild von Donald Trump an der Wand“, erzählt Smith über einen Besuch vor zwei Jahren, immer noch konsterniert. „Es war fast wie bei Stalin: unser geliebter Anführer. So was hatte ich bei meinen Eltern noch nie gesehen. Bush, Reagan – kein anderer Präsident hing bei uns zu Hause jemals an der Wand.“ Das war der erste große Schritt zum Bruch.

Eines Tages, erzählt Smith, bat Smiths Vater ihren Bruder im Familienchat, ihm doch ein Donald-Trump-Shirt von einer Reise mitzubringen. Smith schrieb salopp in den Chat, warum er sich nicht gleich ein „Grab her by the Pussy“-Shirt wünsche (dieser sexistische Spruch von Donald Trump aus dem Jahr 2005 hatte im Wahlkampf 2016 für einen Skandal gesorgt). Das war zu viel.

Der zweite und letzte Schritt zum Bruch: „Meine Mutter schrieb mir daraufhin eine Nachricht, dass das unglaublich ungehobelt sei, sie könne nicht glauben, dass ich so etwas sage – vor allem weil die Vorwürfe gegen Trump ja alle widerlegt worden seien.“ Einige Wochen später fand Smith einen Brief ihrer Mutter im Briefkasten: Sie wünsche keinen weiteren Kontakt. Und sie wundere sich, wie ihre Tochter so finster und verkommen geworden sei.

Sinn- und Identitätsstiftung

Folgt man Smith, der man anmerkt, dass sie sich mit dem, was Trump und die QAnon-Bewegung mit ihrer Familie gemacht hat, sehr viel beschäftigt hat, sind der Präsident und der Kult letztlich Indizien eines Niedergangs.

Die alten Erzählungen und Strukturen, das Christentum und die stolze Nation, haben ihre Macht und Strahlkraft längst verloren, ebenso wie die amerikanischen Konservativen eigentlich alle zentralen Kämpfe um die kulturelle und moralische Vorherrschaft im Land verloren haben. „Durch Trump wurde dann klar, dass der Glaube als Krücke nicht mehr benötigt wird, es funktioniert auch ohne“, sagt Smith. Für sie, die unter weißen Evangelikalen aufgewachsen ist, sind Trump und QAnon trotz ihrer unbestreitbaren Erfolge eben kein Ausdruck von Stärke oder Souveränität. Sondern ein letztes, zombiehaftes Aufbäumen einer im Niedergang begriffenen ultrakonservativen Kultur.

Gleichzeitig hätten sich plötzlich viele weiße, nationalistische Amerikaner in einer Zeit großer Krisen ohne sinn- und identitätsstiftende Narration wiedergefunden – und diese Leere mit QAnon-Mythen gefüllt. „QAnon ist eine Art Ersatzdroge für religiösen Nationalismus“, sagt Smith. „Aber ich glaube, dieses Gemisch aus Religion, Nationalismus, Angst und Aberglaube ist viel schlimmer als die ursprüngliche Droge.“

Smith prüft Facebook-Profile der Familie

Es ist eine Droge, die wirkt. Laut der US-NGO „Media Matters“ haben sich 27 der Kandidaten für den US-Kongress zu QAnon bekannt; zwei davon wurden tatsächlich in den Kongress gewählt. Trump selbst hatte im vergangenen Wahlkampf mehrfach unbelegte Behauptungen der Verschwörungsgläubigen weiterverbreitet, wiederholt und relativiert. In einem Interview hatte er die Internet-Sekte unter anderem dafür gelobt, „entschieden gegen Pädophilie vorzugehen“ – was ebenfalls nicht stimmt.

Auch in Deutschland finden die Behauptungen von „Q“ einen Nährboden, speziell unter Corona-Leugnern. Als einer der Ersten in Deutschland hatte der früher als Soulmusiker erfolgreiche und heute der rechtsextremen Reichsbürger-Bewegung nahestehende Sänger Xavier Naidoo in einem Video die Legende der von Satanisten entführten Kinder verbreitet. Später behauptete auch der als Autor veganer Kochbücher bekannt gewordene Attila Hildmann ähnlichen Unfug, unter anderem über den SAP-Gründer Dietmar Hopp.

Tausende Deutsche folgen der größten deutschsprachigen QAnon-Gruppe auf Telegram. Wie man diesen Menschen helfen kann? Bislang hat niemand eine Antwort. Aber immerhin findet man unter „QAnonCasualties“ auf Reddit mittlerweile andere betroffene Angehörige und Freunde.

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Und so schaut Smith immer wieder auf den Facebook-Seiten ihrer Familie vorbei, prüft Fakten – und hofft.

Was sie ihren Eltern mitteilen möchte? „Hier sind ein paar Punkte, die ich euch zukommen lassen wollte. Ich liebe euch. Und ich werde hier sein, wenn ihr jemals aus dieser Sache herauskommen wollt.“

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