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R.E.M.-Sänger Michael Stipe: „Wir sind doch nicht Abba“

Der US-Musiker vermisst seine Wahlheimat Berlin, nimmt regelmäßig neue Songs auf. Doch ein Comeback seiner Band schließt er aus.

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Michael Stipe 2008 beim Konzert von R.E.M. bei den Dresdner Filmnächten. Inzwischen hat sich der Sänger aus dem Musikgeschäft zurückgezogen.
Michael Stipe 2008 beim Konzert von R.E.M. bei den Dresdner Filmnächten. Inzwischen hat sich der Sänger aus dem Musikgeschäft zurückgezogen. © Robert Michael

Zehn Jahre nach dem Ende von R.E.M. spricht Sänger Michael Stipe (61) über Zukunftspläne, sein Leben zwischen Berlin und New York, das Ende der Ära Merkel und darüber, warum seine Band kein Comeback plant.

Herr Stipe, Sie pendeln zwischen Berlin und New York. Wo haben Sie die Pandemie verbracht?
In New York, was nicht immer leicht war. Ich war jetzt seit Anfang 2020 nicht mehr in Berlin und vermisse die Stadt sehr, das können sie mir glauben. Ich möchte so schnell wie möglich zurück, was hoffentlich 2022 der Fall sein wird – nach über zwei Jahren. Mein Partner und ich haben ein Apartment, und wenn wir dort sind, besuchen wir auch oft seine Familie in Frankreich. Wir nutzen Berlin als Ausgangspunkt für viele kleine Trips. Ich fühle mich dort wirklich sehr wohl.

Weil Sie dort anonymer sein können als in den Staaten? Oder bedurfte es dazu eines massiven Rauschebarts, wie Sie ihn über Jahre kultiviert haben?
Das war nur eine Laune – ich wollte sehen, wie mir das steht. Anfangs habe ich das noch genossen, doch irgendwann wurde es mir zu viel. Ich wollte kein Hipster sein. Und ich fürchte, in Berlin gibt es genauso viele Paparazzi wie in New York. Ich bin aber nicht mehr so interessant für die Medien, wie ich es mal war, und das ist gut so.

Wie denken Sie über das Ende der Ära Merkel? Was halten Sie von ihrem politischen Lebenswerk?
Ich habe nie vollends mit dem übereingestimmt, was Merkel gesagt und getan hat. Aber: Als Weltpolitikerin und gerade im Umgang mit der Flüchtlingskrise hat sie Moral, Rückgrat und Stärke bewiesen. Da ist sie zur echten Anführerin geworden. Und sie hat Deutschland sehr gutgetan. Deswegen wollten viele Amerikaner 2016 ja ebenfalls eine Präsidentin haben – wegen Merkel. Leider war Hillary Clinton keine sonderlich überzeugende Kandidatin. Mehr noch: Ihre Schwäche hat Trump alle Türen geöffnet, was – wie wir mittlerweile wissen – verheerend war.

Michael Stipe mit den R.E.M.-Kollegen.
Michael Stipe mit den R.E.M.-Kollegen. © PR-Foto

Was ist mit Biden: Erfüllt er Ihre Erwartungen?
Ich hatte überhaupt keine Erwartungen an ihn. Mein Kandidat war Bernie Sanders, der fälschlicherweise als Kommunist abgestempelt wurde. Insofern kann ich nicht wirklich viel zu Biden sagen – außer, dass es bei der letzten Präsidentschaftswahl lediglich darum ging, nicht wieder Trump vereidigen zu müssen.

Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages selbst in die Politik zu gehen?
Niemals! Das ist eine absurde Vorstellung. Soweit wird es nicht kommen.

Dabei scheinen Sie doch Zeit zu haben. Sind Sie nicht im Ruhestand? Oder haben Sie sich nur aus dem Musikgeschäft verabschiedet?
Ich bin komplett raus aus der Musikindustrie: Ich habe keinen Plattenvertrag und kein Management mehr, aber ich arbeite an neuen Songs. Ich war die ganze letzte Nacht im Studio. Von daher lege ich wieder Nachtschichten ein. Außerdem veröffentliche ich Bücher und habe im nächsten Herbst eine Fotoausstellung in Mailand. Ich habe nicht vor, in Rente zu gehen. Das ist nicht mein Ding, auch wenn ich mir ein paar Jahre Pause von der Musik gegönnt habe. Ich war müde und brauchte Abstand.

Also starten Sie demnächst eine Solo-Karriere?
Nein, ich habe nicht vor, eine neue Karriere zu starten – schließlich hatte ich schon eine, und die war toll. Aber ich interessiere mich immer noch für Musik und singe gerne. Deshalb nehme ich wieder auf. Sobald ich fertig bin, werde ich mit spannenden Regisseuren Videos dazu drehen und die Stücke als Singles veröffentlichen. Wer weiß, vielleicht habe ich irgendwann genug Material für ein Album – aber ich habe keine Ahnung, wann das sein wird. Es ist etwas, das ich tue, weil ich Spaß daran habe und weil mir das aktuelle Material gefällt. Es ist ein bisschen so, wie wieder nach Los Angeles zu ziehen – also wie eine Luftveränderung. Ich nehme mit unterschiedlichen Leuten auf, was eine ganz andere Erfahrung ist, als mit R.E.M. zu arbeiten.

Michael Stipe beim ersten Dresden-Konzert von R.E.M. im Sommer 2005.
Michael Stipe beim ersten Dresden-Konzert von R.E.M. im Sommer 2005. © Moment Photo

Das klingt, als wäre Musik in erster Linie ein Hobby für Sie?
Ganz genau. Ich muss nichts mehr beweisen – ich kann einfach genießen.

Gleichzeitig haben Sie die Neuauflage von „New Adventures In Hi-Fi“ kuratiert, als opulentes Boxset mit zahlreichen Extras. Was war es für ein Gefühl, sich 25 Jahre nach der Erstveröffentlichung wieder damit zu befassen?
Ein tolles. Schließlich war es immer mein Lieblingsalbum von R.E.M. – noch vor „Reveal“. Zum einen, weil es unser letztes mit Bill Berry, unserem Original-Schlagzeuger, war. Aber auch weil es sich aus meiner Sicht als Sänger und Texter sehr gelungen anfühlte. Sprich: Es befasst sich mit Themen, auf die ich immer noch stolz bin. Und ich finde, mein Songwriting hat da einen Höhepunkt erreicht. Das Einzige, was mich im Nachhinein stört, ist, dass die Songs zu lang ausgefallen sind. Einige dauern über sieben Minuten. Aber: Dieses Boxset hat nicht irgendeine Plattenfirma designt, das haben Bill und ich getan. Wir haben uns alles angehört, was es an Material gab, und haben das Artwork, die Videos und die ganzen Live-Sachen zusammengestellt. Außerdem enthält es erstmals die Texte, die ich genau überprüft habe, damit sie wirklich korrekt sind, denn im Internet kursiert viel Falsches. Und es war spannend, in meine damalige Gedankenwelt einzutauchen.

In die eines Rockstars, Mitte 30, dem Sprachrohr der Generation X und einer Ikone des Alternative Rock?
Das war doch alles Blödsinn. Ich war nie ein Sprachrohr oder gar eine Ikone. Und wenn, dann höchstens für die berühmten Warhol’schen 15 Minuten. Aber: Es war mir nie wichtig.

„New Adventures In Hi-Fi“ zählt zu den erfolgreichsten R.E.M.-Alben – mit über sieben Millionen verkauften Exemplaren. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Es war scheinbar genau das Album, auf das die Leute gewartet hatten. Nach zwei sehr langsamen Platten wollten sie wieder etwas Schnelleres, Direkteres. Wir waren eine Band, die ihre Songs live eingespielt hat, die mit Leidenschaft bei der Sache war, und eine Menge Glam-Rock-Referenzen aufgegriffen hat. Sprich: Es war interessant, es hat Spaß gemacht und uns wieder kreativ zusammengeschweißt. Vom Sound her ist es ein Hybrid aus der Traurigkeit von „Automatic For The People“ und der kraftvollen Rockmusik von „Monster“. Dabei habe ich mich nie als Rock’n’Roller gesehen. Und wir waren nie wirklich im Einklang mit dem, was in den Charts passierte oder im Radio lief. Wir haben lediglich unseren Weg verfolgt. Doch „New Adventures In Hi-Fi“ kam dem Mainstream ziemlich nahe.

Im Frühjahr haben Sie das Buch „Portraits Still Life“ veröffentlicht, das eigentlich als Fotoband mit Aufnahmen von Promis gedacht war – sie aber in Form von Buchrücken und als Keramik-Büsten zeigt. Wegen Corona?
Ganz genau. Es sollten klassische Porträt-Fotografien von Leuten werden, die ich bewundere. Doch weil ich wegen der Pandemie nicht reisen oder im selben Raum sein konnte, musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. Und das schien mir die beste Art, die Zeit zu kommentieren, in der wir uns gerade befinden und die für die meisten Menschen mit enormer Einsamkeit verbunden ist.

Was ist mit ihrer Filmfirma Single Cell?
Ich habe Single Cell zur selben Zeit aufgelöst wie R.E.M., also 2011. Seitdem habe ich auch keinerlei Verlangen mehr, Filme zu drehen. Einfach, weil die Branche völlig kaputt ist und es nur noch um Marvel-Abenteuer, Disney-Animes und Fortsetzungen geht – aber nicht mehr um interessante, unabhängige Filme. Und ich habe keine Lust, für Streaming-Dienste zu arbeiten. Das ist weder in finanzieller noch in künstlerischer Form befriedigend. Es ist nicht mehr mein Hollywood. Es hat sich sehr verändert, und nicht zum Vorteil.

Jetzt haben sich sogar Abba reformiert. Und was ist mit R.E.M.?
Da kann ich nur sagen, was ich schon zehntausend Mal gesagt habe: R.E.M. wird sich nicht reformieren. Ich freue mich zwar für alle Kollegen, die sich dazu berufen fühlen, noch einmal gemeinsam Musik zu machen, aber: Wir sind doch nicht Abba. Für uns war es definitiv klüger, das Vermächtnis unserer 32-jährigen Karriere zu sichern und vor zehn Jahren aufzuhören. Und ich bin froh, dass wir das getan haben. Da spreche ich für Peter, Mike und mich.

Das Interview führte Marcel Anders.

Das Album: R.E.M, New Adventures in Hi-Fi 25th Anniversary. Universal