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Politik

Gesittetes TV-Duell in den USA

Der erste Schlagabtausch von Donald Trump und Joe Biden versank im Chaos. Beim zweiten Mal ging es anders zu.

Hohes Interesse: Menschen verfolgen das letzte TV-Duell vor der Präsidentschaftswahl auf einer Leinwand in San Francisco.
Hohes Interesse: Menschen verfolgen das letzte TV-Duell vor der Präsidentschaftswahl auf einer Leinwand in San Francisco. © Jeff Chiu/AP/dpa

Von Jürgen Bätz

Nashville. Sie können es also doch: Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden haben sich in der Sache und auch persönlich scharf angegriffen, aber das TV-Duell versank dieses Mal nicht im Chaos. Neue Regeln und auch ein bisschen mehr Zurückhaltung Trumps ließen dieses Mal streckenweise eine echte Debatte zu. Für beide Kandidaten war es zwölf Tage vor der Wahl eine der letzten Gelegenheiten, Millionen Amerikaner direkt in ihren Wohnzimmern zu erreichen. Biden griff Trump in der Sache an, der Präsident wiederum wollte mit unbestätigten Korruptionsvorwürfen gegen Biden punkten.

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Besonders klar war der Kontrast der beiden Kandidaten bei dem Thema zu erkennen, das derzeit wohl allen Amerikanern wichtig sein dürfte: Die Eindämmung der Coronavirus-Pandemie. Der Republikaner Trump habe beim Krisenmanagement versagt und trage für die mehr als 220.000 Corona-Toten im Land Verantwortung, warf ihm der Demokrat Biden vor. "Niemand, der für so viele Todesfälle verantwortlich ist, darf Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bleiben", sagte Biden. Eine effektiveres Management der Pandemie hatte etwa 100.000 Menschenleben retten können.

Biden warnte in düsterem Ton vor einem "dunklen Winter", weil Trump immer noch keinen "umfassenden Plan" zur Bekämpfung der Pandemie habe. Trump hingegen verbreitete Optimismus und versprach erneut, die aus China stammende "Pest" werde schon bald besiegt sein - obwohl das im Gegensatz zu Aussagen von Wissenschaftlern und der gegenwärtig wieder zunehmenden Zahl von rund 60 000 Neuinfektionen pro Tag steht. "Wir kämpfen dagegen, und wir kämpfen intensiv", sagte Trump. Er sprach sich gegen Corona-Auflagen aus und forderte, das Land komplett zu öffnen, damit sich die Wirtschaft erholen könne. "Das Heilmittel darf nicht schlimmer sein als das Problem selbst", sagte Trump.

Donald Trump (l) und Joe Biden beim letzten TV-Duell vor der Wahl
Donald Trump (l) und Joe Biden beim letzten TV-Duell vor der Wahl © Julio Cortez/AP/dpa

In der ersten Debatte Ende September hatte Trump Biden häufig unterbrochen, was zu chaotischen Szenen führte. Auch Biden unterbrach Trump mehrfach, der Moderator schien teils hilflos. Das zweite TV-Duell wurde abgesagt: Die Organisatoren hatten wegen Trumps Covid-19-Erkrankung das Format geändert und wollte die Kandidaten anstatt einer persönlichen Begegnung online zusammenschalten. Trump lehnte das ab. Biden (77) und Trump (74) traten dann zeitgleich in verschiedenen TV-Sendern auf, um sich Fragen von Wählern zu stellen.

DIE WICHTIGSTEN THEMEN DER DEBATTE: 

CORONA: Trump forderte ein Ende der Corona-Auflagen, damit sich die Wirtschaft wieder erholen kann: "Wir können das Land nicht geschlossen halten." Seine Regierung kämpfe intensiv gegen die Pandemie und in wenigen Wochen werde ein Impfstoff zur Verfügung stehen. Mit Blick auf die bisher mehr als 220 000 Covid-Todesfälle in den USA sagte Biden: "Niemand, der für so viele Todesfälle verantwortlich ist, darf Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bleiben." Trump wisse noch immer nicht, wie er die Pandemie bekämpfen solle: "Wir werden durch einen dunklen Winter gehen - und er hat keinen Plan."

KLIMAWANDEL: Biden will mit Technologien für Energieeffizienz und Klimaschutz neue Arbeitsplätze schaffen. Trump warf Biden vor, mit der Abkehr von fossilen Brennstoffen der Wirtschaft zu schaden. Dessen Klimaschutzpläne seien unbezahlbar. Biden hat angekündigt, den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen rückgängig zu machen.

RASSISMUS: Biden kritisierte, dass es in den USA nach wie vor strukturellen Rassismus gebe. Er warf Trump vor, Rassismus Vorschub zu leisten: "Er gießt in jedes einzelne rassistische Feuer Öl." Trump entgegnete, er habe so viel für Afroamerikaner getan wie kein anderer Präsident vor ihm und sagte: "Ich bin die am wenigsten rassistische Person in diesem Raum."

FLÜCHTLINGE: Trump verteidigte seine harte Migrationspolitik und verwies auf die Mauer, die er an der Grenze zu Mexiko bauen lässt: "Wir haben jetzt eine stärkere Grenze als je zuvor." Biden warf Trump vor, unter seiner Regierung seien Kinder beim Grenzübertritt von ihren Eltern getrennt worden.

KORRUPTION: Das Wahlkampfteam Trumps hat seine Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit umstrittenen Auslandsgeschäften von Bidens Sohn Hunter zuletzt verstärkt. Trump hielt seinem Gegenkandidaten vor: "Ich mache kein Geld mit China, Sie schon. Ich mache kein Geld mit der Ukraine, Sie schon." Biden wies dies entschieden zurück: "Ich habe niemals in meinem Leben einen Penny von einer ausländischen Quelle angenommen." Auch verwies er darauf, dass er anders als Trump seine Steuererklärungen der vergangenen 22 Jahre offengelegt habe.

WAHLEINMISCHUNG: Biden warnte ausländische Regierungen vor einer Einmischung in die US-Wahlen. "Jedes Land, das sich einmischt, wird einen Preis bezahlen, weil es unsere Souveränität verletzt." Er warf Trump vor, nicht entschieden genug auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu reagieren. Trump erwiderte: "Es gibt niemanden, der härter gegen Russland eingestellt ist als Donald Trump."

KRANKENVERSICHERUNG: Trump warf Biden vor, er strebe eine "sozialistische Medizin" an. Er wolle das von seinem Vorgänger Barack Obama eingeführte und als "Obamacare" bezeichnete System der Krankenversicherung und Pflege abschaffen und "eine wunderschöne neue Gesundheitsversorgung" einführen. Biden plädierte für die Wahlfreiheit zwischen einer Privatversicherung und der Option auf eine öffentliche Versorgung. Das von ihm geplante System einer "Bidencare" solle auch erschwingliche Presse für Arzneimittel ermöglichen. Das habe nichts mit Sozialismus zu tun.

NORDKOREA: Nach seiner Amtsübernahme habe er für bessere Beziehungen zu dem außenpolitisch isolierten Staat gesorgt, sagte Trump. Seine Politik des Dialogs mit Machthaber Kim Jong Un habe Millionen Kriegstote verhindert. Es sei nicht schlecht, gute Beziehungen zu haben. Daraufhin warf Biden ein: "Und wir hatten ein gutes Verhältnis zu Hitler, bevor er in Europa einfiel." Er warf Trump vor, Kim mit seinen Treffen neue Legitimation verliehen zu haben.

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Beim dem eineinhalbstündigen Duell vom Donnerstagabend (Ortszeit) in Nashville im Bundesstaat Tennessee wurde nun bei jedem größeren Themenblock einem Kandidaten das Mikrofon abgestellt, damit der andere zwei Minuten lang seine Position erläutern konnte. Trump hatte die Änderung der Regeln vorab kritisiert - es trug aber deutlich zu einer Verbesserung der Debattenkultur bei. Trump verdrehte manchmal sichtlich die Augen, wenn Biden sprach. Der Demokrat schnitt dafür manche Grimasse, während Trump seine Positionen darlegte.

Bei dem Duell war die Ausgangslage für die beiden Kandidaten recht unterschiedlich, weil Biden in Umfragen in Führung liegt: Trump musste nach Ansicht von Beobachtern versuchen, mit einem weniger aggressiven Auftreten als beim ersten TV-Duell Wechselwähler für sich zu gewinnen. Bidens wichtigste Aufgabe hingegen schien es vor allem, die Politik des Präsidenten zu kritisieren - und ansonsten keine großen Fehler zu machen, die ihn Stimmen kosten könnten.

Daran gemessen konnten wohl beide Seiten mit ihrem Auftritt zufrieden sein. Trump trat deutlich aggressiver als Biden auf, aber er schien nicht außer Kontrolle, wie teils beim letzten Duell. Biden parierte die Angriffe Trumps und pries sich den stets Wählern als ehrlicher und gemäßigter Politiker an, der das Land aus der Krise führen kann.

Trump hat sich im Wahlkampf bisher schwergetan, Dinge zu finden, mit denen er Biden angreifen kann, die unentschlossene Wähler umstimmen könnten. Seit Tagen bemüht er sich nun, Biden und dessen Familie persönlich anzugreifen. Während der Debatte warf er Biden immer wieder vor, "korrupt" zu sein. Trump wiederholte Vorwürfe, wonach Bidens Sohn Hunter zweifelhafte Geschäft in der Ukraine gemacht und auch Biden, der damals Vizepräsident war, davon profitiert haben soll. Biden wies die Vorwürfe jedes Mal beharrlich zurück. "Ich habe niemals in meinem Leben einen Penny von einer ausländischen Quelle angenommen", sagte Biden etwa.

Der Demokrat warf Trump dafür unverhohlen vor, ein Rassist zu sein. "Er gießt in jedes einzelne rassistische Feuer Öl", sagte Biden. Er kritisierte, dass es in den USA nach wie vor strukturellen Rassismus gebe. Trump weist das zurück und spricht höchsten von problematischen Einzelfällen. Er wehrte er sich auch gegen Bidens Vorwurf: "Ich bin die am wenigsten rassistische Person in diesem Raum", sagte Trump.

Eines ist derweil sicher: Für Trump war es das letzte TV-Duell als Präsidentschaftskandidat. Entweder sichert er sich am 3. November eine zweite und verfassungsmäßig letzte Amtszeit, oder er wird ab Bidens Amtseinführung am 20. Januar wieder in sein altes Leben als Immobilienunternehmer zurückkehren. Doch selbst falls er das Weiße Haus räumen müsste, würde er sich wohl noch häufig zu Wort melden.

Umfragen zufolge haben sich die meisten Amerikaner schon für einen Kandidaten entschieden. Zudem haben Forschern zufolge fast 50 Millionen Wähler bereits per Briefwahl oder per Abstimmung in vorab geöffneten Wahllokalen ihre Stimme abgegeben. Das wäre gemessen an der Wahlbeteiligung von 2016 etwa jeder dritte Wähler.

Bis zum Beginn der Corona-Pandemie war Trumps stärkstes Argument für seine Wiederwahl die ordentlich wachsende Wirtschaft und die niedrige Arbeitslosigkeit. Doch die Corona-Krise machte dem einen Strich durch die Rechnung. Derzeit liegt Trump vor der Wahl am 3. November in landesweiten Umfragen teils fast zehn Prozentpunkte hinter Biden.

Wegen des komplizierten Wahlsystems haben diese aber nur begrenzte Aussagekraft - entschieden wird letztlich in den Bundesstaaten. In vielen umkämpften Staaten sieht es für Biden auch gut aus, aber die Erhebungen deuten dort auf ein viel knapperes Rennen hin. Zudem sahen Umfragen Trump auch 2016 als Verlierer - es kam anders. Der Endspurt des Wahlkampf dürfte also weiter sehr spannend bleiben. 

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Einer Umfrage des Senders CNN zufolge hat Herausforderer Joe Biden bei dem TV-Duell einen besseren Eindruck gemacht als Amtsinhaber Trump. Die Umfrage unter Zuschauern des direkten Aufeinandertreffens vom Donnerstag ergab, dass 53 Prozent Biden als Sieger sahen. 39 Prozent sahen Trump vorn. Befragt nach ihrem Eindruck, wer die Fragen von Moderatorin Kristen Welker direkt beantwortet habe, nannten 62 Prozent Biden und 31 Prozent Trump. Einen Gleichstand von 49 zu 49 Prozent ergab die Frage, wer in der Debatte die stärkere politische Führungskraft gezeigt habe. (dpa)

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