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Politik

Das Kontrastprogramm der Kandidaten

Der US-Wahlkampf geht in die heiße Phase. Präsident Trump und sein Herausforderer Biden verhalten sich völlig gegensätzlich.

Joe Biden spricht mit Mitgliedern der Gemeinde in der Grace Lutheran Church in Kenosha. In der Stadt war am 23. August der Afroamerikaner Blake von einem Polizisten angeschossen worden.
Joe Biden spricht mit Mitgliedern der Gemeinde in der Grace Lutheran Church in Kenosha. In der Stadt war am 23. August der Afroamerikaner Blake von einem Polizisten angeschossen worden. © Carolyn Kaster/AP/dpa

Von Jürgen Bätz, Andrej Sokolow und Can Merey

Kenosha/Latrobe. Joe Biden gibt sich als einender Staatsmann und Kämpfer gegen Rassismus, Donald Trump hingegen als Verfechter von Recht und Ordnung. Biden spricht wegen des Coronavirus vor laufenden Kameras mit Schutzmaske, Trump hingegen verzichtet erneut darauf und erklärt die Pandemie fast für besiegt. Zwei Monate vor den US-Wahlen am 3. November hätten der demokratische Präsidentschaftskandidat und der republikanische Amtsinhaber den Kontrast zwischen ihren Botschaften und Persönlichkeiten kaum deutlicher zeigen können.

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Biden besucht am Donnerstag die Stadt Kenosha, die zuletzt nach Schüssen eines Polizisten auf einen Schwarzen von Protesten und Ausschreitungen erschüttert wurde. In einer Kirche wirbt der 77-Jährige im Gespräch mit wenigen geladenen Gästen - unter Einhaltung der Corona-Regeln - dafür, sich der "Ursünde" Amerikas zu stellen: der Sklaverei und ihren Folgen.

Sein drei Jahre jüngerer Kontrahent Trump hingegen lässt sich am Donnerstagabend (Ortszeit) von teils dicht gedrängten Anhängern auf einem Regionalflughafen in Latrobe im Bundesstaat Pennsylvania feiern. Er verspricht vier weitere Jahre seiner "Amerika zuerst"-Politik und greift Biden unter dem Jubel seiner Anhänger an.

Bidens Reise nach Kenosha im Bundesstaat Wisconsin war von vornherein als Kontrastprogramm angelegt, erst am Dienstag hatte Trump die Stadt besucht. Biden spricht von einer Stadt, die Heilung brauche; Trump hingegen kam, um Stärke nach dem Ende der Krawalle zu demonstrieren.

Trump erwähnt Blake nicht

Der Präsident erwähnte den schwer verletzten Afroamerikaner Jacob Blake, dem ein Polizist mehrfach in den Rücken geschossen hatte, in Kenosha nicht. Biden und seine Frau Jill wiederum sprechen rund eineinhalb Stunden mit Blakes Familie. Jacob Blake ist zeitweise per Telefon aus dem Krankenhaus dabei. Biden preist danach, wie tapfer der 29-Jährige trotz seiner schweren Verletzungen sei: "Er sprach davon, wie er sich durch nichts besiegen lassen wird. Wie er nicht aufgeben wird, egal, ob er wieder laufen kann oder nicht." Blake ist nach den Schüssen, die seine Wirbelsäule verletzten, von der Hüfte abwärts gelähmt.

Bei Trumps Besuch geht es vor allem darum, wie die Stadt unter den Ausschreitungen gelitten habe und wie die Sicherheitskräfte "Recht und Ordnung" wieder hergestellt hätten. Im Raum sind bei Trumps Auftritt hauptsächlich Vertreter der Sicherheitskräfte sowie Unternehmer, die Trump nacheinander berichten lässt. Was die Proteste auslöste, kam nicht zur Sprache.

Biden hört sich in einer Kirche in Kenosha die Sorgen von Vertretern der Zivilgesellschaft an. Die Afroamerikanerin Porsche Bennett sagt, sie habe von ihrer Gruppe schwarzer Aktivisten eine vorbereitete Rede mit Forderungen bekommen, wolle aber mit ihren eigenen Worten sprechen. "Die Wahrheit ist, wir sind mächtig wütend", sagt die 31-Jährige und prangert alltägliche Diskriminierung an. "Wir wollen die exakt gleichen Rechte wie andere."

Biden räumt ein, dass er als Weißer nie Rassismus am eigenen Leib erlebt habe. "Ich kann nicht begreifen, wie es ist, aus der Tür zu gehen oder meinen Sohn oder meine Tochter rauszuschicken - und mir Sorgen zu machen, dass sie nicht zurückkommen könnten, nur weil sie schwarz sind", sagt Biden. "Ich kann es nicht intellektuell verstehen, aber ich kann es fühlen."

Er werde bis zum Schluss gegen Rassismus und für Gleichberechtigung kämpfen, verspricht Biden. "Egal, ob ich gewinnen oder verlieren werde." Die Proteste nach dem Tod des unbewaffneten Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz im Mai hätten zu einer längst überfälligen Debatte über strukturellen Rassismus geführt. "Wir werden uns mit der Ursünde dieses Landes befassen, sie ist 400 Jahre alt. Es ist die Ursünde der Sklaverei und all ihre Überreste." Biden spricht langsam und bedächtig - und behält die ganze Zeit seine Maske an, weswegen sein Atmen teils deutlich zu hören ist.

Trump hat zwar zu Einzelfällen von Polizeigewalt Bedauern geäußert, etwa zum Fall Floyds. Er bestreitet jedoch, dass es in Amerika strukturellen Rassismus gebe. Ausschreitungen am Rande der Proteste verurteilte er als "inländischen Terrorismus". "Bidens Plan ist es, inländische Terroristen zu besänftigen", sagt Trump am Donnerstag in Latrobe vor jubelnden Anhängern. "Mein Plan ist es, sie festzunehmen und strafrechtlich zu verfolgen."

Stellt sich gern als Bewahrer von Recht und Ordnung dar: US-Präsident Trump.
Stellt sich gern als Bewahrer von Recht und Ordnung dar: US-Präsident Trump. © Andrew Harnik/AP/dpa

Trump beweist in Pennsylvania, dass er weiterhin Massen mobilisieren kann. Dort schaffen es Tausende Anhänger nicht mehr auf den Flugplatz und müssen wieder umkehren, weil die Veranstaltung die Kapazitätsgrenze erreicht hat - die Organisatoren hatten mit deutlich weniger Besuchern gerechnet. Die Besucher der Kundgebung sollten nach Angaben der Organisatoren zwar Masken tragen, viele halten sich aber nicht daran. Die Pandemie dauert an in den USA, die Zahl der Toten bewegt sich auf die Marke von 190.000 zu.

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Trump spottet darüber, dass Biden in der Öffentlichkeit stets mit Maske zu sehen sei. "Haben Sie jemals einen Mann gesehen, der so gerne eine Maske trägt wie er?", fragt Trump unter Gelächter der Menge. Und dann lasse Biden die Maske häufig auch noch von einem Ohr runterhängen, weil sie ihm ein Gefühl von Sicherheit gebe. "Wenn ich ein Psychiater wäre, würde ich sagen, der Junge hat eine Menge Probleme." (dpa)

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