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Das sind die Menschen, die das Kapitol stürmten

Das FBI sucht nach den Aufrührern. Einige sind identifiziert. Darunter Größen der Neonazi-Szene. Veteranin Ashli Babbitt zahlte mit ihrem Leben.

Unterstützer von US-Präsident Trump stehen auf dem Gang vor der Senatskammer im Kapitol.
Unterstützer von US-Präsident Trump stehen auf dem Gang vor der Senatskammer im Kapitol. © AP

Von Sebastian Leber

Nach dem Kapitol-Sturm läuft die Suche nach den Tätern. Die allermeisten Eindringlinge konnten das Gebäude verlassen, ohne den herbeigerufenen Sicherheitskräften ihre Personalien vorzeigen zu müssen. Doch es gibt eine Menge Videomaterial, viele Identitäten sind inzwischen bekannt. Wer sind sie - und was treibt sie an?

Unter Trump-Fans und Verschwörungsgläubigen auf Telegram fallen die Reaktionen widersprüchlich aus: Einerseits wird die Erstürmung bejubelt, die Eindringlinge werden als „Freiheitskämpfer“ gefeiert.

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Andererseits wird ein neues Verschwörungsmärchen verbreitet: Bei den Beteiligten handle es sich eigentlich um Trump-Gegner, die verdeckt eingeschleust wurden, um durch ihre Aktionen das Trump-Lager in Verruf zu bringen. Das ist leicht widerlegbarer Unsinn, wird sich aber, wie alle Verschwörungsmythen, wohl hartnäckig halten.

Ashli Babbitt, Luftwaffe-Veteranin

© privat

Bei der Frau, die ihren Schussverletzungen erlag, handelt es sich um die 35-jährige Ashli Babbitt aus San Diego, 14 Jahre lang diente sie bei der US-Luftwaffe, ihr Schwager erklärte gegenüber US-Medien, sie habe ihr Land sehr geliebt und den Armeedienst als große Ehre empfunden. Sie war Impfgegnerin und Maskenverweigerin, hielt Joe Biden für einen „pädophilen Vergewaltiger“. Auf Twitter verbreitete sie Hass gegen Minderheiten und forderte Hinrichtungen politischer Gegner. Babbitt wurde im Inneren des Kapitols von einem Polizisten angeschossen, als sie versuchte, gewaltsam in den Sitzungssaal zu gelangen. Später erlag sie ihren Verletzungen. Rechte Trumpfans feiern die Tote inzwischen als harmlose „unbewaffnete Mutter“, die Opfer der Staatsgewalt wurde.

Jake Angeli, QAnon-Schamane

© dpa

Sein Outfit wirkt albern, seine Agenda ist menschenverachtend: Der halbnackte Mann mit den Hörnern auf dem Kopf ist Jake Angeli, selbsternannter Schamane und Anhänger des Verschwörungskults um QAnon. Logischer Spitzname: „QAnon Shaman“. Angeli geht davon aus, dass Donald Trump im Weißen Haus gegen eine mächtige Gruppe aus Satanisten, Pädophilen und Juden kämpft.

Auch Tamara K., die Heilpraktikerin aus der Eifel, die im August 2020 mit ihrer Rede den Sturm auf den Reichstag auslöste, ist Q-Anhängerin.

Jake Angeli ist 32, lebt im Bundesstaat Arizona und arbeitet als Gelegenheitsschauspieler. Am Mittwoch gelangte er im Kapitol in den Tagungssaal des Senats und posierte dort mit seinem mitgebrachten Speer. Auf Telegram wird nun behauptet, Angeli sei ein eingeschleuster Linker, schließlich gebe es ein Foto von ihm am Rande einer „Black Lives Matter“-Kundgebung. Dieses Foto existiert tatsächlich. Allerdings gehörte Angeli zu den rechten Gegendemonstranten, die vor Ort gegen die Kundgebung protestierten.

In der Öffentlichkeit tritt Angeli regelmäßig in seinem Wikinger-Kostüm auf. Laut eigener Aussage ist dies kein Spleen, sondern ein Trick, um die Aufmerksamkeit der Umstehenden zu erregen und dann Gehör für seine politischen Überzeugungen zu finden.

Der Mann mit dem „Camp Auschwitz“-Pullover

© twitter

Viele der Kapitol-Stürmer machten aus ihrer rechtsextremen Gesinnung keinen Hehl und trugen Kleidung, Schilder oder Tätowierungen mit entsprechenden Botschaften. Auch der Mann mit dem Slogan „Camp Auschwitz“ schaffte es ins Kapitol. Auf seinem Oberteil steht außerdem „Arbeit macht frei“, auf der Rückseite in Großbuchstaben: „Mitarbeiter“. Ein anderer Antisemit trug ein T-Shirt mit der Abkürzung „6MWE“, Szenecode für den Slogan „Sechs Millionen waren nicht genug“.

Derrick Evans, Abgeordneter

© privat

Derrick Evans ist republikanischer Abgeordneter im Parlament des Bundesstaats West Virginia. Er gilt als radikaler Abtreibungsgegner. Eine Frau zeigte ihn wegen Stalkings an. Am Mittwoch filmte sich Evans zunächst per Livestream, wie er sich Zutritt ins Kapitol verschaffte. Dann jubelte er euphorisch „Wir sind drin! Wir sind drin!“ und drängte gemeinsam mit anderen in Richtung Sitzungssaal. Später beschwerte er sich, Polizisten hätten Pfefferspray eingesetzt. Mittlerweile hat der Politiker sein Video gelöscht. Derrick Evans ist erst im Dezember 2020 als Parlamentsabgeordneter von West Virginia vereidigt worden. Auf diverse Rücktrittsdrohungen hat er bislang nicht reagiert - aber erklärt, er sei lediglich als „unabhängiger Medienvertreter“ im Gebäude unterwegs gewesen.

Tim Gionet, Rechtsextremer

© twitter

Der Rechtsextremist Tim Gionet übertrug seinen Aufenthalt im Kapitol im Livestream und ließ sich von Gleichgesinnten feiern. Der Screenshot dokumentiert seinen Streifzug durch Büroräume. Gionet ist unter anderem szenebekannt, weil er im August 2017 bei den rechten Demonstrationen in Charlottesville teilnahm und dort auch als Redner auftrat. Er verbreitet antisemitische Lügengeschichten und behauptet, die „weiße Rasse“ solle ausgelöscht werden. Auf Demonstrationen grölte er die Parole „Hitler hat nichts falsch gemacht“. Beim Sturm des Kapitols trug Tim Gionet keine Maske, obwohl bei ihm kürzlich Covid-19 diagnostiziert wurde.

Richard Barnett, Trump-Fan

© twitter

Bei dem Mann, der sich Zutritt zum Büro von Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses, verschaffte, handelt es sich um den 60-jährigen Richard Barnett aus dem Bundesstaat Arkansas. Sein Spitzname ist „Bigo“. Die Politikerin Pelosi ist seiner Ansicht nach eine „Schlampe“, die keinen Vierteldollar wert sei.

Wie viele der Eindringlinge für ihre Taten bestraft werden, wird davon abhängen, wessen Identitäten in den kommenden Tagen und Wochen geklärt werden können. Das FBI hat die Bevölkerung aufgerufen, Hinweise und belastende Bildaufnahmen zur Verfügung zu stellen.

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Welche Konsequenzen das Geschehen in Washington hat, wird auch unter deutschen Verschwörungsgläubigen diskutiert. Xavier Naidoo verbreitete auf Telegram die Behauptung, alles folge einem Plan: Donald Trump müsse jetzt schwach aussehen und wirken, als stünde er kurz vor einer Niederlage. In Wahrheit befinde er sich derzeit an einem geheimen Ort „in Sicherheit“ und werde vom Militär geschützt, sodass er in Kürze zu seinem finalen Schlag gegen die Satanisten und alle korrupten Politiker ausholen könne.

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