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Wie Trump die USA zurückerobern will

Erstmals nach dem Ende seiner Amtszeit tritt Donald Trump wieder vor seinen begeisterten Anhängern auf. Er ist auf einem „Rachefeldzug“.

Wieder im Wahlkampf: Donald Trump in Wellington, Ohio.
Wieder im Wahlkampf: Donald Trump in Wellington, Ohio. © Tony Dejak/AP/dpa

Von Juliane Schäuble

Da ist er wieder. Fünf Monate, nachdem der Präsidentenhubschrauber Marine One das letzte Mal mit Donald Trump an Bord von der makellosen Rasenfläche vor dem Weißen Haus abgehoben hat, ist No. 45 zurück. Mit einer Stunde Verspätung läuft Donald Trump um punkt 20 Uhr auf die Bühne, die hier auf dem Acker des Lorain County Fairgrounds aufgebaut wurde, einem Messegelände in Wellington gut 50 Kilometer südwestlich von Cleveland/Ohio.

Wie immer schallt „God Bless the U.S.A.“ aus überdimensionalen Boxen, wie immer jubeln ihm Tausende seiner allertreusten Fans zu, mit roten Kappen, eindeutig bedruckten T-Shirts, die Handys in die Luft gestreckt. Trump genießt die Begrüßung sichtlich, läuft langsam von einer Seite der Bühne zur anderen, bevor er dann in der Mitte stehen bleibt und seine Rede beginnt, wie so oft mit der „katastrophalen“ Lage an der amerikanischen Südgrenze.

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Nur die Technik spielt am Samstag anfangs nicht so richtig mit, zu hören ist Trump zwar noch bis in die letzten Reihen, aber die großen Anzeigetafeln übertragen kein Bild. Auf ihnen steht immer noch: „Ohio heißt Donald J. Trump willkommen“. Wer keinen Sitzplatz hat, und das sind die allermeisten der nach Polizeiangaben rund 20.000 Zuhörer, kann ihn daher nicht sehen. Immer wieder ertönen „Schaltet die Bildschirme an“-Rufe, richtiggehend böse grölt ein Mann: „Wir sehen nichts, wir haben den ganzen Tag darauf gewartet und dann das!“

Trump macht ungerührt weiter, 15 Minuten später ist das Problem gelöst, Jubel brandet auf. Er trägt da gerade länglich eine Fabel über eine Schlange vor, warum, verstehen wohl die wenigsten. Aber egal. Ihr Idol ist endlich wieder aus seinem Exil in Florida aufgetaucht, der „beste Präsident aller Zeiten“, wie er angekündigt wurde. Sagen kann er im Grunde, was er will.

Ein Trump-Unterstützer wartet darauf, dass der ehemalige US Präsident bei der Kundgebung auf dem Lorain County Fairgrounds spricht.
Ein Trump-Unterstützer wartet darauf, dass der ehemalige US Präsident bei der Kundgebung auf dem Lorain County Fairgrounds spricht. © Tony Dejak/AP/dpa

Grafiken sollen die „big lie“ belegen

Das, was er sagt – Joe Biden zerstöre Amerika „vor unser aller Augen“, es gebe keine größere Bedrohung als die katastrophale Lage an der Grenze, aber natürlich sei auch das Wahlsystem ein Problem –, werden die Amerikaner von ihm nun häufig hören.

Der Auftritt am Samstagabend ist der Auftakt einer Reihe von Rallys, die von US-Medien bereits als Rachefeldzug bezeichnet werden. Dabei geht es vor allem darum, seine Mär von der gestohlenen Wahl landauf, landab weiter zu verbreiten. Denn eines kann Trump nach eigenen Angaben überhaupt nicht: Verlieren. Also kann nicht sein, was sein soll, Joe Biden kann die Wahl nicht gewonnen haben, wenn alles mit rechten Dingen zugeht. Trumps Ziel: das Land „zurückzuerobern“ von Biden und der „radikalen Linken“, die den Sozialismus einführen wolle und Amerika damit zerstören wolle.

Bei seinem Feldzug hilft Trump unter anderem ein Mann, der den Trump-Fans die von allen Gerichten widerlegte Verschwörungstheorie von der „big lie“ so einfach zu erklären versucht, dass diese damit andere überzeugen können. Die Demokraten, so sagt er, hätten sich überall im Land genau angeschaut, wo welche Stimmen fehlten und dann die Ergebnisse verfälscht.

Das sollen Grafiken auf den Anzeigetafeln beweisen, die sich immer wieder verändern, wenn er sie manipuliert. Die Menge reagiert angesichts dieser Beweisführung mit empörten Ausrufen, nur zu bereit, dem Gesagten voll und ganz Glauben zu schenken.

Rache nehmen will Trump aber auch an all jenen aus den eigenen Reihen, die ihn in seinen Augen im Stich gelassen haben. Mit seiner anhaltenden Beliebtheit bei der Basis, mit seiner Wahlkampfmaschinerie, mit all dem gesammelten und noch zu sammelnden Geld will Trump bei den Zwischenwahlen im kommenden Jahr Republikaner unterstützen, die in seinem Namen antreten. Jene aber, die nach der Wahlniederlage im November 2020 und vor allem nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar von ihm abgerückt sind, will Trump vernichten – indem er ihre Gegenkandidaten im parteiinternen Vorwahlkampf unterstützt.

In Ohio ist das zum Beispiel Max Miller, der für Trumps Wahlkampagnen gearbeitet und als Berater im Weißen Haus gearbeitet hatte. Er soll Anthony Gonzales schlagen, den „Verräter“, der mit neun anderen republikanischen Kongressabgeordneten für ein Impeachment von Trump nach dem Kapitolssturm gestimmt hatte. Trump wirbt für Miller, der am Samstag auch sprechen darf. Mit der Unterstützung des Ex-Präsidenten hat er gute Chancen, Kandidat seiner Partei zu werden.

„Es ist Trumps Partei“

Dabei ist die Partei, die „Grand Old Party“, für viele der Rally-Besucher am Samstag gar nicht mehr so wichtig. „Es ist nicht mehr die Republikanische Partei, es ist Trumps Partei“, sagt zum Beispiel Kelly Smither, die mit ihrem Mann aus der Nähe von Detroit im Bundesstaat Michigan angereist ist.
Wie eigentlich alle Zuhörer tragen sie die Trump-Fan-Kleidung: sie ein lockeres Top in den Farben der amerikanischen Flagge, er eine rote Kappe und ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck: „Trump 2024 – Make Liberals Cry Again“, bringt die Linken wieder zum Weinen. „Dem Präsidenten geht es wie uns um America First: Wir müssen uns erst um Amerika kümmern, bevor wir uns um andere Länder kümmern“, sagt die 53-Jährige.

Trump selbst spricht von einer „Bewegung“, wenn er sich und seine Anhänger meint – „Patrioten“, die er mit den anstehenden „Make America great again, again“-Rallys aufputschen will.

Gelingt ihm das am Samstag? Offenbar ja, zumindest, wenn man seine Anhänger fragt – „es war eine tolle Rede, und er wirkte stärker denn je“, sagt eine ältere Frau, die trotz stundenlangen Wartens, ohrenbetäubendem Lärm und großer Hitze bis zum Schluss ausgehalten hat.
Eine andere sagt im Vorbeilaufen: „Er war heute richtig leidenschaftlich.“ Zweifel sucht man hier in Wellington vergebens.

Auch wenn er vor allem durch die altbekannten Themenfelder mäandert – die gefährliche Grenze, der von den Linken ersehnte Sozialismus, der in Wahrheit machtlose „Sleepy Joe“ Biden, die Wirtschaft, die unter den Demokraten den Bach hinuntergehe – und sich gegen Ende in der rechthaberischen Aufzählung angeblich „echter“ Wahlergebnisse verliert: Trump kommt bei seinen Fans an.

Es reicht offensichtlich, wenn er alle paar Sätze einen Treffer landet, etwa, wenn er auf Hillary Clinton, seine unterlegene Gegenkandidatin von 2016, zu sprechen kommt. Die sei die „unglücklichste Person in ganz Amerika“, sie sei sauer, weil für sie die Wahl damals nicht gefälscht worden sei. Noch immer rufen seine Anhänger nur allzu gerne „Sperrt sie ein!“, sobald Clintons Name fällt. Was sie im Übrigen auch gerne tun, wenn Trump oder einer seiner Vorredner fordert, Anthony Fauci, Amerikas Top-Virologen, zu feuern oder in den Knast zu stecken. Denn der habe den Demokraten dabei geholfen, unter dem Vorwand der Pandemie die Wahl zu stehlen.

„Trump wird in naher Zukunft wieder als Präsident eingesetzt“

Die Zustimmung zu Trump und seinem Verhalten, das wird am Samstag überdeutlich, ist bei seinen treuesten Anhängern ungebrochen, vielleicht sogar höher als jemals zuvor. Er ist und bleibt ihr Präsident, egal, was im November offiziell als Wahlergebnis festgestellt wurde. Und unwichtig finden sie es auch, was am 6. Januar in der ungeliebten Hauptstadt passiert ist und weswegen Trump als erster Präsident in der US-Geschichte zum zweiten Mal vom Repräsentantenhaus angeklagt wurde. Dass Trump-Anhänger das Kapitol stürmten, als Bidens Wahlsieg bestätigt werden sollte – kein Wunder, dass es Ärger gab, wenn doch die Wahl gestohlen war.

Ob Trump 2024 also auch wieder antrete? Bei dieser Frage schütteln zwei blonde Frauen entschieden den Kopf. „Das muss er doch gar nicht. Denn er wird in naher Zukunft wieder als US-Präsident eingesetzt. Diese Wahl war ein Betrug, und bald werden das alle wissen“, sagt die jüngere der beiden. „Schon bald, wahrscheinlich im Juli oder August“, sagt sie auf die Frage, wann dies geschehen werde, ihr Gesichtsausdruck ist ernst. Und wahrscheinlich mit der Hilfe des Militärs. „Wie in Myanmar, China.“

Geografische Kenntnisse mal außen vorgelassen: Die beiden Frauen – eine aus Indiana angereist, die andere kommt aus Ohio, mehr wollen sie über sich nicht verraten – sind an diesem Samstag mit einer klaren Mission auf den Acker bei Wellington gekommen. Sie wollen mit ihrer Anwesenheit für die Wahrheit demonstrieren. „Es geht um die Zukunft unserer Kinder, nein, aller Kinder“, sagt die Jüngere. „Wenn Trump nicht schnell wieder an die Macht kommt, werden die einfach wieder über uns, das Volk, hinwegregieren.“

Die, das sind bei den meisten Trump-Anhängern am Samstag alle Politiker, Demokraten wie Republikaner. „Ich unterscheide gar nicht mehr nach Parteien, für mich bist du entweder ein guter Mensch, oder eben nicht“, sagt die Ältere. Gut ist demnach schon mal derjenige, der verstanden hat, dass vor ein paar Monaten ein großangelegter Betrug stattgefunden hat, die „big lie“.

Trump lässt Kandidatur offen

Das Bewusstsein für die Ungeheuerlichkeit, dass wohl erstmals in der amerikanischen Geschichte ein gerade abgewählter Präsident fünf Monate nach dem Machtwechsel wieder in den Wahlkampf zieht, fehlt in Ohio komplett. Trumps Fans verstehen ihr Engagement als eine Art demokratischen Widerstand. Vereint wollen sie aufstehen, um das Land zu retten. „Save America!“ heißt nicht umsonst das Spendenkomitee, das Trump schon vor einer Weile gegründet hat.

Trump spricht viel von „wir“, die die nächsten Wahlen gewinnen würden. Ob er damit auch sich persönlich als Spitzenkandidat für 2024 meint, bleibt an diesem Abend offen. Wenn er will, so die allgemeine Überzeugung, kann er es machen. Die Partei ist ihm hörig.

Will er? Immerhin ist Trump auch schon 75 Jahre alt, nach nochmal vier Jahren im Weißen Haus wäre er 2028 dann 82.

Jetzt wird er erstmal wieder Wahlkampf machen, er kann offenbar nicht anders. Ein Trump verliert eben nicht. Weitere Spektakel stehen an: Am Mittwoch reist er zusammen mit dem texanischen Gouverneur Greg Abbott an die Grenze zu Mexiko und soll dort unter anderem abends in einem Townhall des Fox-News-Moderators Sean Hannity auftreten. Die nächste Rally ist dann in Sarasota/Florida bereits für den kommenden Samstag geplant, dem Vorabend des amerikanischen Unabhängigkeitstages.

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Bevor Trump seine Rede am Samstag nach 90 Minuten beendet und seine Fans nach Hause gehen können, verspricht er: „Unser Kampf hat gerade erst begonnen.“ Am Himmel ziehen derweil kleine Flugzeuge ihre Kreise, hinter denen Banner flattern. Auf einem steht „Ohio ist Trump-Land“. Geht es nach diesem, dann gilt das bald wieder fürs gesamte Land.

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