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Vaclav Klaus kämpft gegen einen Neubau in Prag

Tschechiens Präsident will einen futuristischen Bau für die Nationalbibliothek verhindern.

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Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

Krake, Qualle, Teletubby-Burg – so nennen die Prager das neueste architektonische Projekt für ihre Stadt. An vorderster Stelle der Kritiker steht Präsident Vaclav Klaus. Es geht um den reichlich futuristischen Entwurf einer neuen Nationalbibliothek, die auf dem Letna-Hügel unweit des Sparta-Fußballstadions über der Moldau thronen soll.

Angriff aufs Freilichtmuseum

Bei einer internationalen Ausschreibung erhielt der umstrittene Vorschlag des 1937 in Prag geborenen, seit 1968 im britischen Exil lebenden Stararchitekten Jan Kaplicky den Zuschlag. Dessen Büro „Study Future Systems“ setzte sich gegen fast 400 Mitbewerber durch und erntete teils wütende Proteste. In dem „fließenden“ Gebäude mit champagnerfarbener bis olivgrüner Außenhaut und violetten Bullaugen sollen nach der für 2011 geplanten Eröffnung zehn Millionen Bücher Aufnahme finden.

Fakt ist, dass Prag dringend eine neue Nationalbibliothek braucht, weil die Bibliothek der Karls-Universität, die jetzt die meisten Bestände aufbewahrt, aus allen Nähten platzt. Das neue Haus wäre zudem der erste Bibliotheksneubau seit der Gründung der Tschechoslowakei 1918 überhaupt, sieht man einmal von der 2001 eröffneten Bibliothek Liberec (Reichenberg) ab, die aber auch nur mithilfe großzügiger Spenden aus Deutschland errichtet werden konnte.

Vater Staat muss für das Prager Objekt tief in die Tasche greifen: Die Kosten werden mit umgerechnet mindestens 70 Millionen Euro veranschlagt. Doch soll man so viel Geld in ein solches „Monstrum“ stecken, wie viele Tschechen zu dem Kaplicky-Entwurf sagen?

Der Streit um das Projekt war programmiert. Die Tschechen, vor allem die Prager, gelten in Architekturfragen als ausgesprochen konservativ. Viele wollen an ihrem architektonischen „Freilichtmuseum“ Prag nicht rütteln lassen. Unvergessen sind die erbitterten Auseinandersetzungen um das 1992 bis 1996 erbaute „Tanzende Haus“ am Moldauufer, für das sich das Architektenduo Frank O. Gehry und Vlado Milunic vom Tanzpaar Ginger und Fred inspirieren ließ. Heute lieben es die Prager freilich.

Kaplicky hat unter seinen tschechischen Kollegen auch gleich ein paar Neider auf den Plan gerufen. Die Architektenkammer monierte, Kaplicky habe gegen die Auflagen der Ausschreibung verstoßen, wolle er doch die Lagerräume für die Bücher unterirdisch anlegen. Die internationale Jury wies das zurück.

Keine Ahnung von Architektur

Am heftigsten aber legt sich Vaclav Klaus ins Zeug. Er habe sich zwar noch nicht so intensiv mit dem Entwurf befasst, räumte der Präsident ein. Von dem, was er aus den Zeitungen kenne, sei er aber entsetzt. „Notfalls wie die Anti-Temelin-Aktivisten unter Einsatz meines eigenen Körpers“ wolle er verhindern, dass Kaplickys Bibliothek tatsächlich gebaut werde. Dafür musste sich Klaus in den Kommentarspalten höhnische Kritik gefallen lassen. Es sei ein Unding, dass sich der Präsident plötzlich mit den Gegnern des Atomkraftwerks Temelin gemein mache, da er sich ansonsten ständig über solche Bürgeraktivisten das Maul zerreiße.

Der Direktor der Nationalbibliothek, Vlastimil Jezek, reagierte vergleichsweise lapidar: „Der Präsident ist weder Architekt noch versteht er was von Architektur.“