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Vater des „Görlitzer Modells“

Wolfgang Preis liebte seine Arbeit an der Hochschule, und er liebte seine Wahlheimat Görlitz. Jetzt starb er überraschend.

© Jan Gutzeit

Von Carola Wilcke und Joachim Schulze

Görlitz. Ein Schreibtisch voll mit letzten Haus- und Abschlussarbeiten, im Kopf viele Ideen, den anstehenden Ruhestand aktiv zu genießen. Und mittendrin plötzlich das Unerwartete! Mit 63 Jahren wurde der Görlitzer Hochschulprofessor Wolfgang Preis aus dem Leben gerissen. Er hinterlässt seine Ehefrau und zwei kleine Söhne. Dazu seine Kollegen und Studenten von der Hochschule, die die schockierende Nachricht noch immer nicht glauben können. Gerade mal acht Wochen ist es her, dass der beliebte und allseits geschätzte Fachmann für Soziale Arbeit seinen Beruf, der für ihn immer auch Berufung war, an den Nagel hing. Eine Erkrankung zwang ihn bereits in den letzten Jahren, mehrmals wöchentlich zwischen Hörsaal und Krankenhaus zu pendeln. Für seine Studenten nahm Wolfgang Preis diese Strapazen aber gern auf sich.

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Zusammen mit dem ersten Dekan Professor Hermann Heitkamp gehörte er Anfang der 1990er Jahre zu den Gründungsvätern des Studienganges Soziale Arbeit in Görlitz. An der Neiße wurden schließlich langjährige Reformdiskussionen hin zu einem sozialwissenschaftlichen Studienprogramm geführt und ein neues Kapitel in der Ausbildungsgeschichte aufgeschlagen. Ein integratives Ausbildungskonzept überwand schnell die Schwächen der bisherigen Lehrpläne. Das innovative Profil der Professoren Heitkamp und Preis verzahnte erfolgreich die Phasen der Theorieaneignung mit denen der Praxis. Deutschlandweit wurden in Görlitz die ersten Professuren mit der Ausrichtung „Sozialarbeitswissenschaft“ besetzt, eine davon bekleidete Wolfgang Preis bis zum Ende des vergangenen Wintersemesters.

Der große Erfolg dieses „Görlitzer Modells“ lässt sich anhand vieler Tatsachen belegen: wenige Studienabbrüche, hohe Absolventenzahlen und eine große Nachfrage durch Bewerber, bei denen die Qualität des Praxisbezuges eine wesentliche Rolle für die Studienortwahl spielt. Preis konnte das noch erleben, nachdem er 2005 noch in der SZ die Perspektiven der Sozialarbeiter als kurzfristig nicht ganz so gut einschätzen musste. Doch blieb er für die Zukunft optimistisch. Er sollte recht behalten. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang sind auch die guten Ergebnisse der Hochschule im bundesweiten Ranking. Wolfgang Preis hat mit seinem Engagement über viele Jahre als Hochschullehrer in vorbildlicher Weise die Weichen für die Entwicklung seines Studienbereiches gestellt. In der Lehre genauso wie der akademischen Selbstverwaltung, an der er sich kontinuierlich mit der Übernahme verantwortungsvoller Aufgaben beteiligte, aber auch in der wissenschaftlichen Arbeit, der Studienreformdiskussion oder mit der Beteiligung an Diskursen über die gesellschaftliche Funktion der sozialen Arbeit. Seine Erfahrungen brachte er auch in den Verein für Straffälligenhilfe ein.

Gelegentlich hat Wolfgang Preis auch öffentlich Stellung bezogen zur Entwicklung der Stadt und Region, wie etwa zum Berzdorfer See, gegen dumpfe NPD-Parolen oder dem Görlitzer Bild in den Medien. Als das Hamburger Magazin „Spiegel“ 2016 ein vernichtendes Urteil über Görlitz fällte, da brach er in der SZ eine Lanze für seine Wahlheimat und schrieb diese „Liebeserklärung“ an Görlitz: „Ich lebe seit 25 Jahren in Görlitz. Im direkten Ost-West-Vergleich erfahre ich in Görlitz eine wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungsdynamik, von der die Menschen in meiner früheren Heimat, Rheinland-Pfalz, nur träumen können. Görlitz hat ein reichhaltiges Kulturangebot und kreative Initiativen, die die Stadt liebens- und lebenswert machen und die es in anderen vergleichbaren Städten in dieser Fülle und Qualität nicht gibt.“

Wolfgang Preis hat sich ganz in den Dienst der Sache gestellt und sich als Person sehr zurückgenommen. Es lag ihm fern, aus der Erfüllung all seiner Aufgaben einen Anspruch für sich selbst abzuleiten. Mit dieser Bescheidenheit, seine dienstlichen Pflichten bis zum letzten Tage ohne Abstriche und Rücksicht auf seine gesundheitlichen Probleme auszufüllen, bleibt er beispielgebend in Erinnerung. (mit SZ/sb)

Mit einem Trauergottesdienst am Freitag um 10 Uhr in der Peterskirche nimmt Görlitz Abschied von Wolfgang Preis.