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Vattenfall will Lippendorf opfern

Nach dem Gewinneinbruch hagelt es in Schweden Kritik, an der Umweltpolitik sowieso. Der Konzern ist in der Klemme.

Von Thomas Borchert und Tilo Berger

Der Energiekonzern Vattenfall produziert keine Rekordgewinne mehr, dafür aber im heimischen Schweden rekordverdächtige Negativ-Schlagzeilen. Das konservative „Svenska Dagbladet“ hält den Staatskonzern nicht zuletzt wegen seiner deutschen Tochter für „komplett an die Wand gefahren“. Das sozialdemokratische „Aftonbladet“ nennt ihn einen „arroganten Umweltschurken“.

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Über den 2012 eingebrochenen Gewinn berichtete die Wirtschaftszeitung „Dagens Industri“ mit der Schlagzeile „Vattenfalls ausländische Milliarden-Klatschen“. Neben 1,8 Milliarden Euro Verlust aus dem völlig überteuerten Kauf des niederländischen Gaskonzerns Nuon 2009 sei der gleiche Betrag durch den deutschen Atomausstieg sowie den Zwangsverkauf des Stromnetzes „in Rauch“ aufgegangen.

Dass Vattenfalls Erträge als viertgrößter Stromerzeuger in Deutschland durch klimaschädliche Kohle hochgehalten werden und das Unternehmen in den Niederlanden auf den ebenfalls fossilen Energieträger Gas setzt, stimmt die Stockholmer Kritiker nicht milder. „Es ist in Schweden kaum zu vermitteln, warum wir in Deutschland auf Braunkohle setzen müssen“, räumt Vattenfalls Kommunikations-chef Ivo Banek ein. Das Argument des Deutschen in der Stockholmer Konzernzentrale: „Deutschland braucht die Braunkohle, und wir brauchen die Einnahmen daraus, um kräftig in nachhaltige Energien investieren zu können.“

In Schweden setzt Vattenfall auch auf den Neubau von Atomkraftwerken. In Deutschland werden sie stillgelegt. Die Regierung als Eigner habe bei Vattenfalls Spagat zwischen Umwelt-Rhetorik und faktischem Handeln immer ein Auge zugedrückt, sagt Greenpeace-Sprecherin Martina Krüger: „Sie wollten so viel Geld wie möglich für die Staatskasse und sind Vattenfall deshalb auf den Leim gegangen.“ Sozialdemokratische wie bürgerliche Regierungen nickten den im letzten Jahrzehnt auf Pump finanzierten Kauf immer neuer Auslandsbeteiligungen bereitwillig ab. Finanzminister freuten sich über satte Einnahmen vor allem dank Vattenfall Deutschland.

Jetzt fließen die Auslandsgewinne wegen geringerer Stromnachfrage und niedrigerer Preise weit spärlicher. Vereinzelt wird auch im Regierungslager für einen Verkauf der deutschen Beteiligungen plädiert. „Es ist hoffnungslos für ein Staatsunternehmen, bei uns den schwedischen Vorgaben für die Klimapolitik zu folgen und in Deutschland denen deutscher Politiker“, seufzte der liberale Wirtschaftspolitiker Carl B. Hamilton im Rundfunk.

Vattenfall-Sprecher Banek meint: „Die Debatte ist absolut relevant, ob wir statt eines internationalen Konzerns wieder ein skandinavischer Regionalversorger sein sollen.“ Es gebe aber „gute Gründe“ für den Verbleib in anderen Ländern.

Spekulationen, der Konzern könne sich aus Deutschland zurückziehen, erteilte der hiesige Vattenfall-Sprecher Stefan Müller ein „klares Nein“. „Der Abbau von Braunkohle und deren Verstromung in der Lausitz bleiben weiterhin ein zentraler Bestandteil unseres Erzeugungsportfolios.“ Allerdings erwägt das Unternehmen, seinen 920-Megawatt-Block im Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig zu verkaufen. Damit würde Vattenfall auf einen Schlag seine Umweltbilanz aufbessern – das ausgestoßene Kohlendioxid dieses Blockes käme dann auf das Konto des Käufers. Das Kraftwerk war 2000 eingeweiht worden. Ein Block gehört – noch – Vattenfall, der andere dem Karlsruher Versorger EnBW. (dpa/SZ)