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Verheerender Anschlag in Kabul

Eine Ambulanz voller Sprengstoff, ein Knall, der stadtweit zu hören ist, dann Pandämonium - es ist der zweite schwere Anschlag in Kabul in einer Woche.

© dpa

Von Christine-Felice Röhrs

Die Drittelstunde – der SZ-Podcast

Aktuelle Themen sowie Tipps und Tricks für den Alltag: Fabian Deicke stellt Experten verschiedener Gebiete die Fragen der SZ-Community.

Kabul. Kabul erlebt eine blutige Woche: Mit dem zweiten schweren Angriff innerhalb von nur sieben Tagen haben die radikalislamischen Taliban in der afghanischen Hauptstadt Kabul mindestens 95 Menschen getötet und 158 verletzt. Das teilte der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Wahidullah Madschroh, am Samstagabend (Ortszeit) über den Kommunikationskanal Viber mit. Erst vor einer Woche hatten sechs Kämpfer der Taliban in einer 17-stündigen Offensive das große Hotel Intercontinental angegriffen und mindestens 20 Menschen getötet, darunter eine deutsche Entwicklungshelferin.

Der Anschlag auf einer der am besten gesicherten Straßen der Stadt nahe vieler Botschaften und afghanischer Sicherheitseinrichtungen war außerdem der schwerste seit der Lastwagenbombe vor der deutschen Botschaft im Mai 2017. Damals waren rund 150 Menschen getötet worden.

Regierungen und Institutionen aus aller Welt verurteilten den Anschlag. In einer Stellungnahme des Auswärtigen Amtes hieß es, man trauere mit den Freunden und Familien der Opfer. „Diese grausame Gewalt wird Afghanistan und seine Freunde nur darin bestärken, die Suche nach Frieden entschlossener voranzutreiben. Deutschland steht fest an der Seite der Menschen in Afghanistan.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete das Vorgehen der Attentäter als hinterhältig und grausam.

Gegen 13.00 Uhr (Ortszeit) hatte der Attentäter seine Bombe dort gezündet, wo Kabul immer voller Menschen ist: nahe dem Sedarat-Platz im zentralen Regierungs- und Geschäftsviertels Schar-e Nau. Der Mann hatte sich als Ambulanzfahrer verkleidet und versucht, mit dem Krankenwagen in die Straße abzubiegen, in der unter anderem die Gesandtschaft der Europäischen Union, die Botschaften von Schweden und Indien sowie Gebäudekomplexe des Innenministeriums und Geheimdienstbüros liegen. Als Sicherheitskräfte ihn am zweiten Kontrollposten als Gefahr erkannten, zündete er seine Bombe. Es muss eine gewaltige Ladung gewesen sein - über der Stadt stieg eine hohe Rauch- und Staubwolke auf.

Der Inhaber eines Kopiergeschäfts am Sedarat-Platz sagte im Fernsehen, es habe sich angefühlt, als habe die Detonation den Boden unter ihm bewegt. Er habe im Laden gesessen, als es geschah. „Da hat plötzlich eine starke Windböe alles Glas zerschmettert, es hat Splitter auf uns geregnet.“ Der Mann im Nachbarladen habe kurz zuvor einen Jungen losgeschickt, um Essen zu holen. „Als wir hinausrannten, sahen wir den Jungen daliegen, voller Blut. Er war tot.“

Die EU-Botschaft liegt nur etwa 120 Meter vom Anschlagsort entfernt. Ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Uns geht es gut. Keine der internationalen oder afghanischen Kollegen wurden verletzt oder getötet.“ Alle Mitarbeiter seien nach dem Knall sofort in Schutzräume gebracht worden. Allerdings seien viele Fenster zerbrochen.

Nahebei liegt auch das große Dschamhuriat-Krankenhaus. Ein Doktor der Klinik veröffentlichte auf seiner Facebookseite einen Hilferuf: „Wir brauchen Blut. Ärzte und Zivilisten verletzt.“ Auf Bildern waren verwüstete Krankenzimmer zu sehen.

Fotos vom Anschlagsort selbst zeigten von der Wucht der Detonation nackt hinterlassene Häuserfassaden mit herausgesprengten Fenstern und Türen. Auf dem mit Glassplittern und Trümmern übersäten Pflaster waren Leichen zu sehen. Ein normalerweise gefasster Polizeisprecher schrie ins Telefon, als die Deutsche Presse-Agentur ihn kontaktierte. Der Leiter der Hilfsorganisation Emergency, die eine Klinik für Kriegsverletzungen betreibt, schrieb auf Twitter: „Es ist ein Massaker.“

Die Taliban reklamierten die Tat für sich und behaupteten, mindestens 264 Polizisten und Offiziere des Innenministeriums getötet und verletzt zu haben. Offenbar überrascht von der Wucht des eigenen Anschlags korrigierten sie sich im Lauf des Tages nach oben.

Die Sicherheitslage in der afghanischen Hauptstadt hat sich seit Ende der Nato-Kampfmission im Dezember 2014 stark verschlechtert. 2017 gab es dort mehr als 20 schwere Anschläge der Taliban und der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Mehr als 500 Menschen starben. Bei dem ersten Anschlag im neuen Jahr auf einen Sicherheitsposten waren Anfang Januar mindestens 20 Menschen getötet und 30 verletzt worden.

Die Kabul-Provinz steht wegen der vielen Angriffe auf die Hauptstadt an der Spitze der Anschlags- und Opfer-Statistiken. Schon von 2015 auf 2016 war laut UN die Anzahl der zivilen Opfer von Anschlägen in Kabul um 68 Prozent gestiegen. Bis Juli 2017 wuchs sie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um weitere 59 Prozent.

Nach Einschätzung des deutschen Afghanistanexperten Thomas Ruttig zielen die Terroristen möglicherweise darauf ab, das derzeitige politische Chaos vor geplanten Wahlen und die Unzufriedenheit der Menschen zuzuspitzen und einen Kollaps der Regierung zu erreichen. Bei der Dichte der geplanten Anschläge der Taliban und der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sei es wohl nicht immer möglich, solche Attentate zu verhindren. „Wir sehen eine Eskalation“, sagte er.

Die Zahl und Wucht der Anschläge in der Hauptstadt widerspricht der Darstellung der Bundesregierung, die nach Kabul weiterhin - in begrenztem Umfang - abgelehnte Asylbewerber abschiebt und in einer „Lagebeurteilung“ vom August erklärt hatte, dass sich seit Ende 2014 die Bedrohungslage für Zivilisten in Afghanistan „nicht wesentlich verändert“ habe. Am Mittwoch waren mit dem neunten Abschiebeflug seit Dezember 2016 weitere 19 Männer angekommen.

Die Taliban kontrollieren oder beeinflussen mittlerweile wieder mindestens 13 Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30. Auch deshalb schicken die USA und einige Nato-Staaten nun wieder Tausende zusätzliche Soldaten nach Afghanistan. Auch die Bundeswehr wird wohl weitere Soldaten entsenden, nachdem Union und SPD dem in ihren Koalitionssondierungen zugestimmt hatten. Bisher sind knapp 1000 deutsche Soldaten dort. (dpa)