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Verkaufsschlager Umgebinde

Der am Sonntag vergebene Preis geht an vorbildliche Sanierer. Die kommen immer häufiger aus der Ferne.

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© SZ Thomas Eichler

Von Anja Beutler

Arndt Matthes hat schon viele Bauunterlagen gewälzt, Käufer durch Häuser geführt und bei Kauf und Sanierung beraten. Immer öfter hat der Geschäftsstellenleiter der Stiftung Umgebindehaus dabei mit Interessenten zu tun, die nicht gerade um die Ecke wohnen und schnell für eine Absprache anzutreffen sind. Eine Seltenheit ist es jedenfalls längst nicht mehr, dass Käufer von außerhalb ein Umgebindehaus erwerben und sanieren – sei es als Wochenend-, Ferienhaus oder Alterssitz.

In diesem Jahr preiswürdig: das Haus Hauptstraße 64 in Waltersdorf ...
In diesem Jahr preiswürdig: das Haus Hauptstraße 64 in Waltersdorf ... © Rafael Sampedro
... und das Haus Am Waldessaum in Oybin.
... und das Haus Am Waldessaum in Oybin. © Rafael Sampedro

An diesem Wochenende hat Matthes die Gewinner des mit 7 000 Euro dotierten Umgebindehauspreises ausgezeichnet. Und nicht zum ersten Mal waren Bauherren dabei, die sich aus der Ferne in ihr Häuschen verliebt und es dann erneuert haben. So wie Kerstin und Gregor Mrass, die derzeit in Frankfurt am Main leben und in Waltersdorf ein Haus gefunden und zum Glänzen gebracht haben. Sie erhalten einen der beiden diesjährigen Hauptpreise. Matthes sieht ebenfalls einen Trend, der sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher abgezeichnet hat.

Vorhergesehen hat diesen Trend auch Frank Peuker nicht. Der sozialdemokratische Bürgermeister von Großschönau stimmt aber durchaus in den Chor derer mit ein, die das Kaufinteresse für die speziellen Fachwerkhäuser gerade von Ortsfremden beobachten. In seiner stark touristisch orientierten Gemeinde seien die echten „Schmuckkästchen“ schon nahezu weg. Dennoch gibt es weiterhin Nachfragen. „Ich sehe das in Summe positiv“, sagt Peuker. Auf die Stimmung im Ort habe das keine negativen Auswirkungen, betont er. Im Gegenteil: Die Einheimischen würden das Engagement der zugezogenen Häuslebesitzer durchaus schätzen. Denn je mehr sanierte Häuser es im Ort gibt, desto mehr glänze die Gemeinde insgesamt. Alle profitieren so voneinander. Dass dies auch anders sein kann, weiß Frank Peuker, denn er muss nur über die Grenzen nach Tschechien schauen. Dort gebe es durchaus Dörfer, in denen so viele Prager ein Haus haben, dass es zu einem Missverhältnis zwischen normalen und Wochenendbewohnern kommt. Die Interessen der verschiedenen Gruppen seien dann nicht immer gleich gelagert. „Solche Zustände haben wir hier aber nicht – und das hat in Tschechien auch einen historischen Hintergrund“, erklärt Peuker.

Auch Hans-Joachim Roth, der schon viele Gäste durch Obercunnersdorf geführt hat, zieht positive Bilanz. „Ich kenne mehrere Fälle, wo Rentner ein Haus saniert haben und jetzt hier wohnen“, sagt er. Ist Obercunnersdorf also eine Art Pensionopolis für Fachwerk-Fans? „Das nicht“, sagt Roth und lacht. Aber in den vergangenen Jahren habe sich eine „sympathische Kette“ aufgebaut. Verkettet mit dem Ort sind auffallend oft Berliner oder Brandenburger. Die Erklärung ist simpel: „Das liegt an der Spree“, antwortet Roth prompt. Viele seien als Tourist gekommen, um die Spreequellen zu sehen und haben sich ins Umgebinde verliebt. Mit jedem sanierten Haus steige der Ruf der Region und des Umgebindes – eine Kettenreaktion eben.

Die Landschaft, die besondere Architektur – für viele mit einer gewissen Exotik behaftet – das macht den Reiz aus, ein solches Haus zu erwerben, konstatiert auch Arndt Matthes. „Der Bauzustand ist da mitunter zweitrangig“, sagt er. Bernd Noack nickt bei dieser Aufzählung zustimmend und fügt sofort noch ein wichtiges Kriterium an: „Die vergleichsweise günstigen Kaufpreise der Häuser, die oft auch noch ein Grundstück dabei haben, sind durchaus ein Argument vor allem für Großstädter“, sagt der Bauamtsleiter von Ebersbach-Neugersdorf. Auch er kennt in seiner Stadt einige aus der Ferne stammende Neu-Besitzer eines Umgebindehauses. „Vor allem auch aus Dresden haben wir immer wieder Interessenten“, sagt er und erzählt, dass erst in diesem Jahr eine Gruppe junger Dresdener ein Umgebindehaus gekauft hat. Dass sich gerade junge Leute für Umgebindehäuser erwärmen können, freut Noack mit Blick auf die Bevölkerungsentwicklung natürlich besonders. Und – egal, ob jung oder alt – die neuen Hausbesitzer haben sich tendenziell gut im Ort integriert, bilden keine Sondergruppe. „Außerdem haben wir doch in der Hochzeit der Textilindustrie ein Vielfaches an Zuzug gehabt“, erinnert Noack an nicht allzu ferne Zeiten.

Insofern sieht er den Verkaufstrend von Umgebindehäusern an Auswärtige als Chance. „Ich habe das Gefühl, dass so mancher Einheimische erst durch die Wertschätzung der neuen Hausbesitzer die heimische Bautradition wieder mit neuen Augen ansieht“, sagt er und fügt augenzwinkernd hinzu: „Der Prophet im eigenen Haus gilt eben nicht zu jeder Zeit etwas.“ Arndt Matthes wird also auch weiterhin den Preis an Neu- und Altbesitzer der Fachwerkhäuser vergeben. „Ausschlaggebend ist für uns ja vor allem die Qualität der Sanierung und der Umgang mit dem Erbe“, sagt er. Und dazu müsse man nicht hier geboren sein, sondern sich von der Begeisterung anstecken lassen.