Merken

Verkleiden, grölen, mitfiebern

Die Kombination aus Sport und Party bei der Darts-WM zieht wieder die Zuschauer in ihren Bann – auch am Fernseher.

Teilen
Folgen
© dpa

Von Benjamin Tonn

Sie nennen sich Zauberer, Schlangenbiss oder Kuchenmann und versetzen gestandene Männer in Ekstase. Bei der Darts-WM verwandeln ab Donnerstag wieder meist untersetzte Herrschaften mit ruhiger Hand den Saal im altehrwürdigen Londoner Alexandra Palace in ein kostümiertes Tollhaus. Und das, obwohl sie eigentlich nur Pfeile ins richtige Feld einer Scheibe aus gepressten Pflanzenfasern werfen.

Was macht diese Faszination aus? „Darts ist eine Mischung aus Karneval und Sport“, sagt Darts-Experte Elmar Paulke. „Es wird bewusst mit Kontrasten gespielt.“ Vorn das Duell zweier hochkonzentrierter Spieler, in dem alle paar Minuten eine Entscheidung fällt. Hinten grölende Marienkäfer, Superhelden, wandelnde Bierkrüge oder Mitglieder der Familie Feuerstein, die volltrunken und lautstark ihre Idole wie Popstars feiern. „Irgendwann bleibst du hängen“, sagt der 45-Jährige.

Viele sportbegeisterte Zuschauer sind hängengeblieben. Für den Fernsehkanal Sport1 kommentiert Paulke inzwischen etwa 100 Tage im Jahr Darts-Ereignisse und die WM bereits zum zwölften Mal – mit immer steigenden Einschaltquoten. War Darts im Dezember 2004 noch unter der Aufmerksamkeit von rund 250 000 Zuschauern vom dartsbegeisterten Großbritannien nach Deutschland geschwappt, haben sich die Einschaltquoten im Lauf der Jahre mehr als versechsfacht.

Briten beherrschen Pfeilbranche

Beim WM-Finale zwischen Weltmeister Gary Anderson und Darts-Legende Phil Taylor schalteten Anfang dieses Jahres im Durchschnitt 1,36 Millionen Leute ein. In der Spitze waren es sogar beinahe zwei Millionen Menschen. Taylor gehört neben Anderson und dem Niederländer Michael van Gerwen, dessen Heimat seit vielen Jahren zu den Darts-Hochburgen zählt, wieder zu den Favoriten. Der Holländer gilt als derzeit bester Dartsspieler der Welt. Er gewann in den vergangenen Jahren alle bedeutenden Turniere, scheiterte aber vor einem Jahr im Halbfinale an Anderson. Für Taylor wäre es der 17. WM-Titel. Insgesamt nehmen Starter aus 22 Ländern teil. Auch die Fans kommen aus aller Welt.

Deutsche Protagonisten spielten bisher höchstens eine Nebenrolle. In diesem Jahr sind drei Deutsche dabei: der 39-jährige Jyhan Artut aus Hannover, der 26-jährige WM-Debütant René Eidams aus Hagen und der 19-jährige U-21-Weltmeister Max Hopp aus Idstein, der als Riesentalent gilt und beim letzten Mal wenigstens den Sprung in die zweite Runde schaffte. Das möchte er wiederholen – mindestens. Sollte Hopp, derzeit Nummer 45 der Welt, sich in den nächsten Jahren weiterentwickeln, sei das Ende der Fahnenstange in Sachen Quoten noch lange nicht erreicht, sagt Paulke. Hinter König Fußball ist Darts für den Münchner Sender aber jetzt schon Zuschauermagnet Nummer zwei. In diesem Jahr berichtet Sport1 insgesamt 92 Stunden live von der Darts-WM – Rekord.

Auch ohne deutschen WM-Favoriten wollen sich viele deutsche Fans die Sport-Party „zwischen den Jahren“ nicht entgehen lassen und pilgern zu Hunderten – wenn nicht Tausenden – mit schwarz-rot-goldenen Fahnen in den Alexandra Palace, darunter im vergangenen Jahr auch Fußball-Europameister Steffen Freund – im passenden Teletubbie-Kostüm. Dieses Jahr setzt der Veranstalter vor Ort deshalb erstmals eine deutsche Security ein.

Auf der Insel füllt Darts ganze Hallen. Bald kommt der Großteil der Darts-Elite aus Großbritannien nach Deutschland. Doch auch hierzulande sind für Turniere zu diesem Zeitpunkt bereits mehr Eintrittskarten abgesetzt worden als jemals zuvor. Der Shop im Internet verzeichnet Rekordgewinne beim Verkauf von Darts-Scheiben und -Pfeilen, und Kneipen feiern wilde Darts-Partys.

Das machen auch die täglich etwa 3 000 Zuschauer in den nächsten gut zwei Wochen bis zum Finale am 3. Januar in der Westhall, einem kleineren Saal im Alexandra Palace, einem Komplex aus dem 19. Jahrhundert, der sich im Norden der britischen Hauptstadt befindet und seit 2007 Stamm-Austragungsort der WM ist – in bunten Kostümen und mit viel Bier. Das fließt bei den Darts-Fans in Strömen. Sieht man, hört man. Ein Bier kostet umgerechnet fünf bis sechs Euro. Die Protagonisten auf der Bühne trinken aber nur Wasser. Sonst würden sie vermutlich den Kreis in der Mitte der Darts-Scheibe nicht treffen.

Übrigens: Die U-Bahn kann schnell zum Feind eines im Londoner Stadtzentrum untergebrachten Fans werden, wenn sich ein Darts-Abend in die Länge zieht und er sich kein Taxi leisten will. Da die U-Bahn nicht die ganze Nacht fährt und der Alexander Palace weit außerhalb liegt, kommt es vor, dass die Unruhe, die Darts-Spieler bei vielen anderen Wettbewerben nicht gewohnt sind, am späteren Abend zunimmt. (sid)

TV-Tipp: Sport1 überträgt am Donnerstag ab 20.15 Uhr live die erste Runde der Darts-Weltmeisterschaft.