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Vermeintlich neue Verkehrsregel gab es schon in der DDR

© Klaus-Dieter Brühl

Für Sigurd Kohl ist die neue Rettungsgasse nicht neu. Der Träger der Preusker-Medaille war Fahrlehrer-Ausbilder im Osten.

Von Jörg Richter

Großenhain. Feuerwehren und Rettungsdienste drängen schon lange darauf, dass die Rettungsgasse als Pflicht in die Straßenverkehrsordnung (StVO) aufgenommen wird. Nach einer jahrelangen Kampagne ist sie in Deutschland seit dem 14. Dezember 2016 in Kraft. Darüber kann der Großenhainer Sigurd Kohl nur schmunzeln.

„Die Rettungsgasse ist überhaupt nichts Neues“, sagt der 79-Jährige. „Die stand schon seit 1977 in der StVO der DDR.“ Zwar wurde sie dort nicht als „Rettungsgasse“ bezeichnet, aber zumindest erläutert, wie sich Verkehrsteilnehmer zu verhalten haben, wenn es auf Autobahnen oder anderen mehrspurigen Straßen kracht und der Weg für Feuerwehren und Rettungswagen freizuhalten ist. Gern liest Sigurd Kohl diese Passage aus seiner vergilbten DDR-StVO bei den Schulungen der Verkehrswacht Riesa-Großenhain vor.

Danach wussten die Leute in Ostdeutschland schon damals, dass sie zur Seite fahren und anhalten müssen, um den Rettungskräften die Durchfahrt zu ermöglichen. Dabei muss auf Autobahnen mit drei oder mehr Spuren in einer Richtung immer zwischen den beiden linken Überholspuren eine mindestens drei Meter breite Rettungsgasse gebildet werden. Zwar gab es in der DDR kaum Autobahnen mit mehr als zwei Spuren in einer Richtung. Aber das Prinzip war klar.

„Das war nichts anderes als heute“, sagt der Rentner, den die Stadt Großenhain wegen seines ehrenamtlichen Engagements vor Kurzem mit der Kleinen Preusker-Medaille ausgezeichnet hat.

Der Maschinenbauingenieur hat die längste Zeit seines Berufslebens als Fahrlehrer gearbeitet. Genauer gesagt: als Ausbilder für Fahrerlehrer. „Wir hatten in Großenhain die einzige Fahrlehrerschule der DDR“, erzählt Kohl. Lediglich die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) und die Nationale Volksarmee (NVA) besaßen ihre eigenen Fahrlehrer-Ausbilder. „Ansonsten schickten sie alle, die Fahrlehrer werden wollten, zu uns nach Großenhain“, so Kohl. 1992 wurde die hiesige Fahrlehrerschule abgewickelt. Kohl ging mit nur 55 Jahren in den Vorruhestand. Doch Ruhe kam für ihn nicht infrage. 1993 gründete er die hiesige Verkehrswacht mit und kümmert sich seitdem darum, dass Kinder die Verkehrsregeln kennenlernen und Erwachsene sie in Erinnerung rufen. Und natürlich geht es bei seinen Schulungen auch um neue oder vermeintlich neue Regelungen, wie eben die Rettungsgasse.

Durch ein Treffen mit einem Verkehrsexperten aus dem Westen kurz nach der Wende sieht er sich bestätigt. Kohl erzählt: „Er las sich unsere alte StVO durch und sagte: Die ist sehr gut, aber viel zu einfach.“

Immerhin konnte der Grüne Pfeil in die gesamtdeutsche StVO hinübergerettet werden. Mittlerweile sind auch wieder Gesundheitsüberprüfungen für ältere Kraftfahrer Pflicht. „Auch das gab es damals schon“, sagt Kohl. Und er ist sich sicher, dass irgendwann wieder die Null-Promille-Regel eingeführt wird. Denn bei Alkohol am Steuer verstand die Polizei damals keinen Spaß. Das war tabu. Und Sigurd Kohl findet das richtig so.