Merken

Verrückt nach einem Fliegenpilz

Rainer Weis baute seiner Familie einen rot-weißen Riesen. Nicht das Einzige, was bei ihm zu Hause in Neukirch besonders ist.

Teilen
Folgen
© Wolfgang Schmidt

Von Wolfgang Schmidt

Neukirch. Stattliche zweieinhalb Meter hoch ist der Fliegenpilz im Grundstück von Familie Weis an der Hauptstraße 102 in Neukirch. Und damit nicht zu übersehen. Seit diesem Jahr steht der rot-weiße Riese aus Holz dort. Rainer Weis hat ihn konstruiert und gebaut und sogar begehbar gemacht. Angelehnt an ein Exemplar, das es im Neukircher Niederdorf so ähnlich schon gab.

Den Neukircher Riesenpilz von früher kannten Anita und Rainer Weis. Wo er stand, sind sie oft vorbeigegangen. Außerdem ist er auf einem ihrer Fotos aus den 1930er-Jahren im Hintergrund zu sehen. Hauptmotiv ist der Verein der „Schützengesellschaft Niederneukirch“. Dort Mitglied war auch Willy Lehmann, der Vater von Anita Weis. So erklärt sich, wie das Bild in Familienbesitz gelangte. Fotografiert wurde es im Grundstück von Familie Nitsche an der Dresdener Straße 45, wo sich die Schützen trafen und auch der Pilz stand. Gebaut haben könnten ihn Erich oder Edwin, die Söhne von Schuhmachermeister Ernst Nitsche, dem damaligen Grundstückseigentümer. Sie waren Zimmerleute. „Nach allem, was wir recherchiert haben dürfte der hölzerne Pilz in den 1920er-Jahren gebaut worden sein“, sagt Rainer Weis. Auf einem Foto hielt er ihn selbst auch für die Ewigkeit fest.

Oft ist Rainer Weis mit der Kamera unterwegs. Am 18. Juni 2015 fotografierte der Hobbyhistoriker den Pilz fast nebenbei wie andere Motive. Er konnte nicht ahnen, dass es ihn bald nicht mehr geben wird und sein Foto wohl das Letzte vom Pilz ist. Seit dem Tod von Hannes Nitsche Ende vorigen Jahres wird das Grundstück nicht mehr bewirtschaftet. So ist auch der über 90 Jahre alte Riesenpilz inzwischen verfallen. Damit das Niederneukircher Kleinod nicht in Vergessenheit gerät, baut der 64-jährige Rainer Weis jetzt den Nachfolgepilz: in ähnlicher Form und Höhe, aber mit roter Kappe, Fenster und Tür. Drin gib es kleine Bänke und einen Tisch, ausreichend, um ein Käffchen zu trinken oder mit einem Bier anzustoßen. Das freut die Nachbarn. Aber auch die Enkel der Familie Weis finden an dem Pilz Gefallen. Er ist für sie ein willkommener Spielplatz geworden.

Viele Exponate zusammengetragen

Dass er Interesse an Geschichte hat, zeigt sich bei Rainer Weis aber nicht nur an der Geschichte mit dem Fliegenpilz. Die regionale Vergangenheit fasziniert ihn im Allgemeinen. Die Familie trägt dazu bei. Der gebürtige Weifaer hat die Neukircherin Anita Lehmann geheiratet. Deren Vorfahren kauften 1832 das bäuerliche Areal an der Hauptstraße 102. Bis in die 1960er-Jahre wurde es als Bauerngut genutzt. In der Scheune wurden jahrzehntelang Sachen aus Haus und Hof abgelegt. Als die Scheune saniert wurde, sicherte Rainer Weis die Exponate. Fachmännisch restaurierte der gelernte Dreher und spätere Zimmermann vieles. Sie sind nun im ehemaligen Ausgedinge des Dreiseithofes in einer Sammlung zusammengefügt. Einzigartig findet sie Rainer Weis, denn „jedes Stück hat einen Hintergrund. Den zu kennen oder zu erforschen, ist spannend.“ Er informierte sich in Geschichtsbüchern, sprach mit Nachbarn und suchte Rat bei den Neukircher Ortschronisten.

In zehn Jahren hat Rainer Weis mehrere Hundert Dinge zusammengetragen, von Bekannten oder vom Flohmarkt. Zu sehen sind unter anderem ein Dreschflegel, ein Butterfass, ein Holzpflug und ein Kummt, dazu Maße, Gewichte, Werkzeuge, Haushaltsgeräte und Oberlausitzer Landkarten. Stilvoll in den Raum eingefügt ist ein originaler Umgebindebogen, den ein Nachbar stiftete. Und es steht ein metallener Mähfinger mit dem Datum 17. Mai 1991 in der Ausstellung. Es ist der letzte, der im Neukircher Betrieb des VEB Mähdreschwerkes produziert wurde. Rainer Weis hat dort gearbeitet und ihn sichergestellt.

Für Interessierte öffnet Rainer Weis gern seine Ausstellung „Derheeme“. Man sollte aber einen Termin vereinbaren, 035951 31 006.

Damit endet die Serie „Mit Liebe gemacht“. Weitere Teile erschienen am 1. ,8., 15., 22. und 29. Oktober sowie am 5. November auf unserer Wochenendseite.